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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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82

Als Rostow aus dem Urlaub zum Regiment zurückkehrte, empfand er, wie stark er mit Denissow und dem Regiment verbunden war. Als er die ersten Husaren seines Regiments sah, als Lawruschka freudig seinem Herrn zurief: »Der Graf ist gekommen!« und Denissow ihm entgegenkam und ihn umarmte, konnte er vor Rührung nicht sprechen. Das Regiment war ihm wie sein Elternhaus.

Als er sich beim Oberst gemeldet hatte, wurde er wieder derselben Schwadron zugeteilt und fühlte sich glücklich wie unter dem väterlichen Dach. Hier war nicht dieser Wirrwarr des Weltlebens, in dem er keinen Platz finden konnte und sich in seiner Wahl irrte, hier war nicht Sonja, der er eine Erklärung schuldig war oder nicht schuldig war, hier war auch keine Erinnerung an den schrecklichen Verlust im Kartenspiel mit Dolochow, hier im Regiment war alles klar und einfach. Die ganze Welt teilte sich in zwei ungleiche Teile, der eine war »unser Pawlogradsches Regiment« und der andere alles übrige, und mit allem übrigen hatte er nichts zu tun. Im Regiment war alles bekannt und geregelt, man mußte sich nur hüten, etwas zu tun, was im Pawlogradschen Regiment für schlecht galt, man mußte nur tun, was klar, bestimmt und befohlen war, dann war alles gut. Den Verlust an Dolochow konnte er sich nicht vergeben und beschloß, sein Leben anders einzurichten. Von den zehntausend, die er jährlich erhielt, wollte er nur zweitausend ausgeben und die übrigen seinen Eltern zurückgeben, um so seine Schuld in fünf Jahren abzutragen.


Nach dem Rückzug und den Schlachten bei Pultusk und bei Eylau sammelte sich unsere Armee bei Bartenstein. Man erwartete die Ankunft des Kaisers beim Heer und den Anfang eines neuen Feldzuges. Das Pawlogradsche Regiment hatte sich in Rußland vervollständigt und war zu den ersten Gefechten des Feldzuges zu spät gekommen, es war weder bei Pultusk noch bei Eylau. In der zweiten Hälfte des Feldzuges wurde es dem Heeresteil Platows zugewiesen, welcher unabhängig von der Armee auftrat. Mehrmals hatten die Pawlogradschen kleine Gefechte mit dem Feind, machten einige Gefangene und einmal erbeuteten sie sogar die Equipage des Marschalls Oudinot. Im April standen sie einige Wochen bei einem gänzlich zerstörten, verlassenen Dorf, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Es war Tauwetter eingetreten, aber noch kalt, die Flüsse gingen auf, die aufgeweichten Wege waren unfahrbar und es konnte oft mehrere Tage lang weder für Pferde noch für Menschen Proviant geliefert werden. Da die Zufuhr ausblieb, zerstreuten sich die Leute in den verödeten Dörfern, um Kartoffeln zu suchen, aber auch davon fanden sie wenig. Alles war aufgegessen und die Einwohner entflohen. Die Zurückgebliebenen waren ärmer als Bettler, und es war nichts von ihnen zu holen.

Das Regiment verlor in Gefechten nur zwei Verwundete, durch Hunger und Krankheit aber fast die Hälfte seiner Leute. In den Hospitälern war der Tod so sicher, daß die fieberkranken Soldaten vorzogen, weiter Dienst zu leisten und sich schwankend umherzuschleppen, anstatt ins Hospital zu gehen. Im Frühjahr suchten die Soldaten auf den Feldern und Wiesen eine spargelähnliche Pflanze, welche sie Süßwurzel nannten, die aber sehr bitter war. Diese gruben sie mit den Säbeln heraus und aßen sie trotz des Verbots. Da trat eine neue Krankheit unter den Soldaten auf, Hände, Füße, Arme, Beine und die Gesichter schwollen ihnen an, was die Ärzte dem Genuß dieser schädlichen Pflanze zuschrieben. Aber schon seit zwei Wochen waren die letzten Zwiebäcke beinahe aufgezehrt, jeder Mann erhielt nur noch ein halbes Pfund, und die Kartoffeln waren erfroren. Die Pferde wurden auch schon seit zwei Wochen mit den Strohdächern der Häuser gefüttert und waren schrecklich abgemagert.

Trotz dieser Not lebten die Soldaten ebenso wie immer, wenn auch mit bleichen und geschwollenen Gesichtern und zerrissenen Uniformen, putzten die Pferde, schleppten Stroh von den Dächern herbei und scherzten über ihre schlechte Nahrung und über ihren Hunger. Dann rauchten sie und hörten den Erzählungen der Alten von Patjomkins und Suwórows Feldzügen zu. Auch die Offiziere lebten wie gewöhnlich, zu zweien und dreien in halb verfallenen Häusern, ohne Dächer, spielten Karten oder unschuldigere Spiele, wie zum Beispiel Swaika. Von dem allgemeinen Verlauf des Feldzuges sprachen sie wenig, weil sie nichts Bestimmtes wußten, und hauptsächlich, weil sie eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Sache nicht günstig stand. Rostow lebte wie früher mit Denissow zusammen. Obgleich Denissow nie von der Familie Rostows sprach, fühlte Rostow wohl, daß die unglückliche Liebe des Husaren zu Natascha zur Verstärkung ihrer Freundschaft mitwirkte. Denissow war sichtlich bemüht, Rostow keiner Gefahr auszusetzen und begrüßte ihn nach einem Gefecht besonders freudig. Bei einem seiner Streifzüge fand Rostow in einem zerstörten Dorf, wo er nach Proviant gesucht hatte, einen alten Polen und seine Tochter mit einem Brustkind. Sie waren fast unbekleidet und hungrig, und es fehlten ihnen alle Mittel, fortzukommen. Rostow führte sie in sein Quartier und unterhielt sie mehrere Wochen, bis der Alte weiterwandern konnte. Ein Kamerad Rostows lachte darüber und sagte, Rostow sei der Schlaueste, und es wäre keine Sünde, wenn er die Kameraden mit der von ihm geretteten schönen Polin bekannt machen würde. Rostow nahm den Scherz schlecht auf und sagte dem Offizier so zornig unangenehme Dinge, daß Denissow nur mit Mühe ein Duell verhindern konnte.

Als der Offizier gegangen war, und Denissow, der die Beziehungen Rostows zu der Polin selbst nicht kannte, ihm über seine Hitzigkeit Vorwürfe machte, erwiderte Rostow: »Wie kannst du verlangen . . . Sie ist mir wie eine Schwester, und ich kann dir nicht beschreiben, wie widerlich es mir war, weil . . . nun, wegen . . .«

Denissow klopfte ihm auf die Schulter und ging hastig im Zimmer auf und ab, ohne Rostow anzusehen, wie immer in Augenblicken innerlicher Aufregung.

»Ach, was seid ihr für ein merkwürdiges Volk, ihr Rostows!« sagte er, und Rostow bemerkte Tränen in seinen Augen.

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