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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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81

Bald nach seiner Aufnahme in die Brüderschaft der Freimaurer fuhr Peter auf seine Güter im Kiewschen Gouvernement, wo sich der größte Teil seiner Leibeigenen befand. Nach seiner Ankunft berief er alle seine Verwalter zu sich, um ihnen seine Absichten und Wünsche mitzuteilen. Er sagte ihnen, es sollten sofort Maßregeln zur vollständigen Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft ergriffen werden. Die Bauern sollten nicht mit Arbeit überlastet werden; Frauen und Kinder sollten nicht zur Arbeit geschickt werden; man solle den Bauern Unterstützung und Hilfe gewähren und sie nicht mit Leibesstrafen, sondern durch Ermahnungen zu bessern suchen, und auf jedem Gut sollten Krankenhäuser, Kinderbewahranstalten und Schulen errichtet werden. Einige Verwalter hörten mit Schrecken zu, da sie den Sinn der Rede so auffaßten, der junge Graf sei unzufrieden über ihre Verwaltung und über Unterschleife. Andere fanden nach dem ersten Schrecken das Lispeln Peters und seine neuen, noch nie gehörten Worte spaßhaft; noch andere fanden einfach Vergnügen daran, zuzuhören, wie der Herr sprach. Die allerklügsten aber, und darunter auch der Oberverwalter, lernten aus dieser Rede, auf welche Weise man den Herrn behandeln müsse, um die eigenen Ziele zu erreichen. Der Oberverwalter drückte lebhafte Teilnahme für die Absichten Peters aus, bemerkte aber, daß es notwendig sei, noch vor Einführung dieser Reformen verschiedene Angelegenheiten zu erledigen, welche der Verbesserung bedürftig seien. Trotz des ungeheuren Reichtums des Grafen Besuchow, der ihm eine Einnahme von, wie man sagte, fünfmalhunderttausend Rubel jährlich lieferte, fühlte sich Peter doch jetzt viel weniger reich als früher, wo er zehntausend Rubel von dem verstorbenen Grafen erhielt. In allgemeinen Umrissen war das Budget folgendes: An den Pupillenrat waren achtzigtausend zu zahlen von sämtlichen Gütern, dreißigtausend kostete die Unterhaltung der Häuser in und bei Moskau und der Fürstinnen, an Pensionen wurden fünfzehntausend gezahlt und ebensoviel für Wohltätigkeitsanstalten. Die Gräfin erhielt hundertfünfzigtausend Rubel, an Zinsen für Schulden waren ungefähr siebzigtausend Rubel zu zahlen; der angefangene Bau einer Kirche kostete in diesen zwei Jahren etwa zehntausend, der Rest von hunderttausend Rubel wurde ausgegeben – er wußte selbst nicht wie, und fast jedes Jahr war er genötigt, Anleihen zu machen. Außerdem schrieb noch jedes Jahr der Oberverwalter bald über Feuersbrünste, bald über Mißernten, bald über die Notwendigkeit von Neubauten in den Fabriken. Somit war das erste und Nötigste, was Peter bevorstand, eben das, wozu er am wenigsten Neigung und Fähigkeiten hatte – nämlich die Wahrnehmung von Geschäftsangelegenheiten. Jeden Tag saß Peter mit dem Oberverwalter zusammen, um sich den Geschäften zu widmen, aber er sah ein, daß seine Tätigkeit die Sache nicht um einen Schritt förderte. Einerseits stellte der Oberverwalter die Sache im schlimmsten Licht dar, wies Peter auf die Notwendigkeit hin, die Schulden zu bezahlen und neue Arbeiten durch Fronen der Bauern vorzunehmen, wozu Peter nicht seine Zustimmung gab. Andererseits verlangte Peter, daß die Freilassung der Bauern eingeleitet werde; der Verwalter aber setzte diesem Verlangen die Notwendigkeit entgegen, vor allem die Schuld an den Pupillenrat zu bezahlen, und auch die Unmöglichkeit einer schnellen Erfüllung dieses Wunsches. Der Verwalter sagte nicht, es sei ganz unmöglich, sondern schlug vor, zur Erreichung dieses Zweckes die Wälder im Kostromaschen Gouvernement und das Gut in der Krim zu verkaufen. Aber alle diese Operationen waren nach der Darstellung des Verwalters mit so viel komplizierten Prozessen und Gerichtsverhandlungen verbunden, daß Peter, ganz ratlos, nur zu antworten vermochte: »Nun ja, machen Sie es so!«

Peter war nicht imstande, unmittelbar in die Geschäfte einzugreifen, und deshalb suchte er sich nur vor dem Verwalter ein Ansehen zu geben, als ob er die Geschäfte leiten wolle. Der Verwalter aber bemühte sich seinerseits, dem Grafen gegenüber sich das Ansehen zu geben, daß er dieses Eingreifen nützlich für den Herrn, für sich aber sehr hinderlich finde.

In der Gouvernementsstadt fanden sich Bekannte und solche, die es werden wollten, welche den angekommenen Millionär, den größten Grundbesitzer des Gouvernements freudig begrüßten. Auch Versuchungen in bezug auf jene hauptsächliche Schwachheit Peters, zu der er sich bei seiner Aufnahme in die Loge bekannt hatte, waren so stark, daß Peter ihnen nicht Widerstand leisten konnte. Wieder gingen Tage, Wochen, Monate dahin mit Abendgesellschaften, Diners, Bällen, so daß er nicht Zeit fand, zur Besinnung zu kommen. Anstatt des neuen Lebens, das Peter führen wollte, war er jetzt ganz wieder in seine frühere Lebensweise geraten.

Im Frühjahr 1807 beschloß Peter, nach Petersburg zurückzureisen. Auf dem Rückweg wollte er alle seine Güter besuchen und sich selbst davon überzeugen, ob seine Vorschriften befolgt werden, und in welcher Lage sich jetzt das Volk befinde, das ihm von Gott anvertraut worden war, und dem er Wohltaten erweisen wollte.

Der Oberverwalter, welcher alle Pläne des jungen Grafen fast für Verrücktheit hielt, die weder für den Herrn, noch für ihn, noch für die Bauern von Nutzen wären, machte Zugeständnisse. Die Fortschritte der Befreiung vorzuführen, war unmöglich; deshalb verfügte er, daß bis zur Ankunft des Herrn auf allen Gütern große Schulgebäude und kleine Häuser aufgerichtet waren, daß überall ein Empfang des Herrn stattfinden solle, nicht mit pomphaftem Gepränge, das, wie er wußte, Peter nicht gefiel, sondern mit dem Ausdruck religiöser Dankbarkeit, mit Heiligenbildern, mit Salz und Brot, überhaupt in solcher Weise, daß der festliche Empfang, wie er den Herrn verstand, auf ihn einwirken mußte und ihn täuschen konnte.

Der südliche Frühling, die ruhige, rasche Fahrt in einem Wiener Reisewagen und die Einsamkeit erweckten freudige Gefühle in Peter. Von den Gütern, auf welchen er noch nie gewesen war, war immer eins malerischer als das andere. Überall schien das Volk wohlhabend zu sein und mit rührender Dankbarkeit die ihm erwiesenen Wohltaten anzunehmen. Überall waren Empfänge vorbereitet, welche Peter zwar mit finsterer Miene aufnahm, die ihn aber innerlich freudig erregten. An einem Orte brachten ihm die Bauern Salz und Brot (als Zeichen der Huldigung) und ein Heiligenbild von Peter und Paul und baten um die Erlaubnis, zu Ehren seines Schutzengels als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit für die ihnen erwiesenen Wohltaten auf ihre Kosten einen neuen Nebenaltar in der Kirche zu errichten. An einer andern Stelle wurde er von Frauen mit Brustkindern empfangen, welche ihm für ihre Befreiung von schweren Arbeiten dankten. Auf einem dritten Gut erwartete ihn der Pope mit einem Kreuz, umgeben von Kindern, die er nach dem gnädigen Willen des Grafen im Schreiben und Lesen und in der Religion unterrichtete. Auf allen Gütern sah Peter mit seinen eigenen Augen neuerrichtete steinerne Gebäude für Krankenhäuser, Schulen, Armenhäuser, welche in nächster Zeit eröffnet werden sollten. Überall sah Peter die Berichte der Verwalter über die Fronarbeiten, welche gegen früher vermindert wurden, und nahm den rührenden Dank einer Deputation von Bauern in blauen Kaftanen entgegen.

Schade, daß Peter nicht wußte, daß dort, wo man ihm Salz und Brot brachte und einen Nebenaltar für Peter und Paul errichtete, ein Marktflecken lag, daß der Jahrmarkt am Peter-Paulstag stattfand, daß der Nebenaltar schon lange durch einige reiche Bauern des Orts errichtet worden war, dieselben, welche vor ihm erschienen, und daß neun Zehntel der Bauern jenes Dorfes im größten Elend lebten. Er wußte auch nicht, daß die Mütter mit Brustkindern, die auf seinen Befehl nicht mehr zu schwerer Fronarbeit geschickt wurden, dafür um so mehr mit anderen Arbeiten überhäuft wurden. Er wußte auch nicht, daß der Pope, der ihm mit dem Kreuz entgegenkam, die Bauern durch seine Erpressungen bedrückte, und daß die um ihn versammelten Schüler ihm nur mit Tränen übergeben worden waren, und viele andere von ihren Eltern mit schwerem Geld davon losgekauft wurden. Er wußte nicht, daß die steinernen Gebäude durch die Bauern errichtet wurden und ihre Fronarbeit dadurch vermehrt worden war, die nur auf dem Papier vermindert wurde. Er wußte auch nicht, daß dort, wo der Verwalter ihm aus dem Buch die auf seinen Willen erfolgte Verminderung der Abgaben um ein Drittel nachwies, dafür die Fronarbeit um die Hälfte erhöht worden war, und deshalb war Peter entzückt über die Reise durch seine Güter und befand sich ganz in jener philosophischen Stimmung, in der er Petersburg verlassen hatte. Er schrieb entzückte Briefe an den Großmeister.

»Wie leicht ist es, wie geringe Anstrengung erfordert es, so viel Gutes zu tun«, dachte Peter, »und wie wenig streben wir danach!«

Er war glücklich über die ausgesprochene Dankbarkeit, die er aber nur mit Beschämung entgegennahm, weil sie ihn daran erinnerte, wieviel mehr er noch hätte tun können für diese guten, einfachen Menschen. Der Oberverwalter, ein sehr dummer, aber listiger Mensch, hatte den geistreichen und naiven Grafen vollkommen erkannt. Er spielte mit ihm wie mit einem Spielzeug, und als er die Wirkung sah, welche auf Peter die für ihn bereiteten Empfänge machten, trat er mit mehr Entschiedenheit auf, um die Unmöglichkeit und hauptsächlich die Unnötigkeit der Befreiung der Bauern nachzuweisen, welche auch ohnedies schon ganz glücklich seien. Innerlich stimmte Peter dem Verwalter bei, daß es schwer sei, sich glücklichere Menschen vorzustellen, und Gott möge wissen, was sie in der Freiheit erwarten würde. Aber Peter bestand doch darauf, wenn auch etwas unsicher, was er für recht hielt. Der Verwalter versicherte, er werde aus allen Kräften für die Erfüllung des gräflichen Willens sorgen, da er wohl wußte, daß der Graf niemals imstande sein werde, ihn zu kontrollieren, ob alle Maßregeln für den Verkauf der Wälder und Güter zur Bezahlung der Schuld ergriffen worden seien, und wahrscheinlich niemals danach fragen oder davon erfahren werde, daß die neuerbauten Gebäude leer standen, und daß die Bauern immer noch an Fronen und Geldabgaben so viel zu leisten hatten, als sie leisten konnten.

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