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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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78

Am Tage nach seiner Aufnahme in die Loge saß Peter zu Hause, las und bemühte sich, die Bedeutung eines Quadrats zu erkennen, dessen eine Seite Gott, dessen andere die Sittlichkeit, dessen dritte das Physische und dessen vierte das Lächerliche bildete. Endlich gab er dieses Nachdenken auf und begann, neue Lebenspläne zu entwerfen. Man hatte ihm in der Loge gestern gesagt, der Kaiser hätte von seinem Duell mit Dolochow gehört, und es wäre vernünftig, wenn Peter sich von Petersburg entfernen würde. Er beabsichtigte daher, auf seine Güter im südlichen Rußland zu fahren, um sich dort dem Wohle seiner Bauern zu widmen. Plötzlich wurde er durch den Eintritt des Fürsten Wassil unterbrochen.

»Mein Lieber, was hast du in Moskau angerichtet? Warum hast du dich mit Helene verfeindet? Du bist im Irrtum, mein Bester«, rief Fürst Wassil. »Du bist im Irrtum! Ich habe alles erfahren und kann dir wirklich sagen, daß Helene unschuldig ist wie ein Kind.«

Peter wollte antworten, wurde aber unterbrochen.

»Und warum hast du dich nicht ganz einfach gerade an mich gewandt als Freund? Ich weiß alles und begreife alles! Du hast dich wie ein anständiger Mann benommen, dem seine Ehre teuer ist, freilich etwas voreilig, aber darüber wollen wir nicht richten. Nun bedenke aber, in welche Lage du sie und mich in den Augen der ganzen Gesellschaft und sogar des Hofes gebracht hast! Sie in Moskau und du hier! Das ist alles nur Mißverständnis, ich glaube, das fühlst du selbst! Wir wollen sogleich einen Brief schreiben, und sie wird hierherkommen, alles wird sich aufklären, andernfalls aber, sage ich dir, kannst du in eine schlimme Lage kommen, mein Lieber!« Fürst Wassil blickte Peter scharf an. »Ich weiß aus sicherer Quelle, daß die verwitwete Kaiserin sich für diese ganze Sache lebhaft interessiert. Du weißt, sie ist Helene sehr gnädig gesinnt.«

Vergeblich hatte Peter versucht, zu Worte zu kommen. Mit düsterer Miene stand er auf, errötete, setzte sich wieder und suchte sich darauf vorzubereiten, was ihm am schwersten im Leben fiel, nämlich einem Menschen etwas Unangenehmes gerade in die Augen zu sagen, der etwas ganz anderes erwartete. Er war so sehr gewöhnt, sich diesem Ton nachlässiger Selbstzufriedenheit des Fürsten Wassil unterzuordnen, daß er auch jetzt nicht die Kraft fand, ihm zu widerstehen, obgleich er fühlte, daß von dem, was er sagen werde, sein ferneres Schicksal abhänge.

»Nun, mein Lieber«, sagte scherzend Fürst Wassil, »sage ja, und ich schreibe ihr von mir aus und alles ist wieder gut.«

Aber Peter sprang mit wütender Miene auf. »Fürst!« rief er flüsternd, ohne ihn anzusehen, »ich habe Sie nicht hierherberufen, bitte, gehen Sie!« Er öffnete ihm die Tür. »Gehen Sie doch!« wiederholte er.

Er traute sich selbst nicht und empfand eine düstere Freude über den Ausdruck des Schreckens, der auf dem Gesicht des Fürsten Wassil erschien.

»Was ist dir? Bist du krank?«

»Gehen Sie!« rief er nochmals mit zitternder Stimme.

Fürst Wassil mußte nach Hause fahren, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. Eine Woche später nahm Peter Abschied von seinen neuen Freunden; den Freimaurern, denen er eine große Summe für wohltätige Zwecke hinterließ, und fuhr auf seine Güter. Seine neuen Freunde hatten ihm Briefe an die Freimaurer in Kiew und Odessa mitgegeben, versprachen auch, ihm zu schreiben und ihn in seiner neuen Tätigkeit zu leiten.

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