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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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76

In Petersburg angekommen, machte Peter niemand Mitteilung von seiner Ankunft, machte keine Besuche und brachte ganze Tage damit zu, Thomas a Kempis zu lesen. Eine Woche nach seiner Ankunft trat der junge polnische Graf Willarsky, den Peter oberflächlich kannte, eines Abends in sein Zimmer, mit demselben offiziellen und feierlichen Wesen, mit dem der Sekundant Dolochows bei ihm eingetreten war, und nachdem er die Tür geschlossen und sich überzeugt hatte, daß außer Peter niemand im Zimmer war, sagte er, ohne sich zu setzen: »Ich komme mit einem Auftrag und einem Vorschlag, Graf. Eine in unserer Brüderschaft sehr hochstehende Persönlichkeit hat darum gebeten, Sie vor dem üblichen Termin aufzunehmen, und hat mir vorgeschlagen, Ihr Bürge zu sein. Ich halte es für eine heilige Pflicht, dem Willen dieser Persönlichkeit zu entsprechen. Wünschen Sie in die Brüderschaft der Freimaurer einzutreten?«

Peter war erstaunt über den kalten und strengen Ton dieses Mannes, den er fast immer auf Bällen mit gewinnendem Lächeln und in Gesellschaft glänzender Damen gesehen hatte.

»Ja, das ist mein Wunsch«, erwiderte er.

»Noch eine Frage, Graf«, fuhr Willarsky fort, »auf die ich Sie als ehrlicher Mann aufrichtig zu antworten bitte. Sind Sie von Ihren früheren Überzeugungen zurückgekommen? Glauben Sie an Gott?«

Peter wurde nachdenklich.

»Ja . . . ja, ich glaube an Gott!« sagte er.

»In diesem Fall. . .« begann Willarsky, aber Peter unterbrach ihn.

»Ja, ich glaube an Gott«, sagte er noch einmal.

»Dann können wir fahren«, sagte Willarsky. »Mein Wagen steht zu Ihren Diensten.«

Während des ganzen Weges schwieg Willarsky. Auf Peters Fragen, was er zu tun und zu antworten habe, sagte Willarsky kurz, würdigere Brüder als er würden Peter erforschen, und er habe nur die Wahrheit zu sagen.

Als sie vor einem großen Hause vorfuhren, in dem sich die Loge befand, stiegen sie eine dunkle Treppe hinauf und traten in ein kleines Vorzimmer, wo sie die Pelze abnahmen. Dann traten sie in ein anderes Zimmer; ein Mensch in seltsamer Kleidung erschien an der Tür. Willarsky ging ihm entgegen, sagte ihm leise etwas auf französisch und trat zu einem kleinen Schrank, in welchem Peter eine noch nie gesehene Kleidung bemerkte. Willarsky nahm ein Tuch aus dem Schrank und verband Peter damit die Augen, dann zog er seinen Kopf zu sich herab, küßte ihn, ergriff ihn an der Hand und führte ihn fort. Die Haare, die in den Knoten mit eingebunden waren, schmerzten Peter so sehr, daß er das Gesicht verzog. Nach etwa zehn Schritten hielt Willarsky an.

»Was Ihnen auch widerfahren mag«, sagte er, »müssen Sie mutig ertragen, wenn Sie fest entschlossen sind, in unsere Brüderschaft einzutreten.« Peter neigte bestätigend den Kopf.

»Wenn Sie Klopfen an der Tür hören, so nehmen Sie die Binde von den Augen ab. Ich wünsche Ihnen Mut und Erfolg!« Dann drückte er Peter die Hand und ging.

Die fünf Minuten, welche er mit verbundenen Augen zubrachte, erschienen ihm wie eine Stunde. Die verschiedenartigsten Gefühle befielen ihn, vorzugsweise Furcht und Neugierde. Endlich hörte er starkes Klopfen an der Tür, nahm die Binde ab und blickte sich um. Im Zimmer herrschte tiefe Finsternis, nur an einer Stelle brannte ein Lämpchen in etwas Weißem. Peter trat näher und sah, daß die Lampe auf einem schwarzen Tische stand, auf dem ein geöffnetes Buch lag. Das Buch war eine Bibel. Das Weiße, in dem das Lämpchen brannte, war ein Menschenschädel. Er las die ersten Worte des Evangeliums: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.« Peter ging rings um den Tisch und sah eine große, gefüllte, offene Kiste, das war ein Sarg mit Gebeinen. Was er sah, setzte ihn nicht in Erstaunen.

»Gott! Tod! Liebe! Verbrüderung der Menschheit!« sagte er und verband mit diesen Worten unklare, aber freudige Vorstellungen. Die Tür öffnete sich und jemand trat ein.

Bei dem schwachen Licht, an das sich Peter aber schon gewöhnt hatte, erblickte er einen kleinen Mann, der stehenblieb, dann mit vorsichtigen Schritten an den Tisch trat und seine kleinen, mit ledernen Handschuhen bedeckten Hände darauflegte. Er war in einen weißen ledernen Mantel gehüllt, der seine Brust und einen Teil der Beine bedeckte. Um den Hals trug er eine Art von Halsschmuck, aus dem eine hohe weiße Blumenkrause hervorsah.

»Warum sind Sie hierhergekommen?« fragte der Eintretende, »der Sie nicht an die Wahrheit des Lichts glauben und nicht das Licht sehen? Warum sind Sie hierhergekommen? Was wollen Sie von uns? Weisheit? Tugend? Erleuchtung?«

Peter empfand ein Gefühl der Ehrfurcht, Er fühlte die Gegenwart eines ihm im Leben fremden, in der Verbrüderung aber nahestehenden Menschen. Peter erkannte in dem Rhetor (so nennt man in der Freimaurerei den Bruder, der die Neulinge vorbereitet) Smoljaninow.

»Ja, ja, ich . . . ich . . . wünsche Erneuerung«, brachte Peter nur mühsam hervor.

»Gut«, sagte Smoljaninow. »Haben Sie eine Vorstellung von den Mitteln, mit denen unser heiliger Orden Ihnen zur Erreichung Ihres Zieles hilft?« fragte er ruhig.

»Ja . . . ich hoffe . . . die Leitung . . . die Hilfe zur Erneuerung«, sagte Peter mit zitternder Stimme. Er stotterte, teils aus Aufregung, teils, weil er nicht gewohnt war, über abstrakte Dinge russisch zu sprechen.

»Welche Vorstellung haben Sie von der Freimaurerei?«

»Ich stelle mir vor, daß die Freimaurerei die Brüderlichkeit und Gleichheit der Menschen mit tugendhaften Zielen ist«, sagte Peter, beschämt darüber, daß seine Worte der Feierlichkeit des Augenblicks so wenig entsprachen.

»Gut«, sagte der Rhetor rasch, durch diese Antwort, wie es schien, vollkommen befriedigt. »Haben Sie zur Erreichung Ihrer Zwecke Hilfe in der Religion gesucht?«

»Nein, ich hielt sie für falsch und unzuverlässig«, sagte Peter leise.

»Sie suchen also die Wahrheit, um im Leben ihren Gesetzen zu folgen, folglich suchen Sie die Weisheit und die Tugend, nicht wahr?« fragte der Rhetor nach kurzem Schweigen.

»Ja, ja«, bestätigte Peter.

»Ich muß Ihnen jetzt das Hauptziel unseres Ordens offenbaren«, sagte der Rhetor, »und wenn dasselbe mit Ihrem Bestreben übereinstimmt, so können Sie mit Nutzen in unsere Brüderschaft eintreten. Das erste und höchste Ziel und die Grundlage unseres Ordens, die keine menschliche Macht erschüttern kann, ist die Bewahrung und Überlieferung eines wichtigen Geheimnisses an die Nachkommenschaft, das aus den ältesten Zeiten, ja sogar vom ersten Menschen bis auf uns gelangt ist, und von dem vielleicht das Schicksal des Menschengeschlechts abhängt. Aber da dieses Geheimnis solcher Art ist, daß niemand es wissen und anwenden darf, ohne durch langjährige und eifrige Selbstreinigung dazu vorbereitet zu sein, so kann nicht jeder hoffen, es bald zu ergründen. Deshalb haben wir ein zweites Ziel, das darin besteht, unsere Mitglieder vorzubereiten, so viel als möglich ihr Herz zu bessern, zu reinigen und ihren Geist zu erleuchten durch jene Mittel, die uns durch die Offenbarung von Männern entdeckt wurden, die an der Erforschung dieses Geheimnisses arbeiteten. Indem wir unsere Mitglieder reinigen und veredeln, bemühen wir uns auch, das ganze Menschengeschlecht zu bessern, und dadurch bemühen wir uns auch, aus allen Kräften das Böse zu bekämpfen, das in der Welt herrscht. Denken Sie darüber nach, und ich werde wieder zu Ihnen kommen«, sagte er und verließ das Zimmer.

»Das Böse zu bekämpfen, das in der Welt herrscht«, wiederholte Peter. Von den drei Zielen, die der Rhetor erwähnt hatte, war dieses letztere, die Besserung des Menschengeschlechts, Peter besonders wohlgefällig.

Nach einer halben Stunde kam der Rhetor zurück und teilte dem Neuling jene sieben Tugenden mit, die den sieben Stufen des Tempels Salomonis entsprechen, und welche jeder Freimaurer in sich selbst aufziehen soll. Diese Tugenden waren: Erstens Bescheidenheit, Bewahrung des Geheimnisses des Ordens, zweitens Gehorsam den höchsten Anführern des Ordens, drittens Sittsamkeit, viertens Liebe zur Menschheit, fünftens Mut, sechstens Genügsamkeit, siebentens Liebe des Todes. »Bestreben Sie sich«, sagte der Rhetor, »durch häufiges Nachdenken über den Tod dahin zu gelangen, daß er Ihnen nicht mehr als schrecklicher Feind, sondern als Freund erscheint, als Befreier von den Mühsalen dieses Lebens.«

»Ja, so muß es sein«, dachte Peter, als nach diesen Worten der Rhetor ihn wieder verließ, »aber ich bin noch so schwach, daß ich mein Leben liebe.« Die übrigen fünf Tugenden jedoch, die Peter an den Fingern herzählte, fühlte er in seiner Seele: Mut, Genügsamkeit, Sittsamkeit, Liebe zu den Menschen und besonders Gehorsam, der ihm übrigens nicht als eine Tugend, sondern als ein Glück erschien. Die siebente Tugend hatte Peter vergessen und konnte sich auf keine Weise mehr daran erinnern.

Zum drittenmal kehrte der Rhetor zurück und fragte Peter, ob er fest in seinem Vorsatz sei, sich allen Forderungen zu unterwerfen.

»Ich bin zu allem bereit«, sagte Peter.

»Ich muß Ihnen noch mitteilen«, sagte der Rhetor, »daß unser Orden seine Lehre nicht nur durch Worte, sondern auch durch andere Mittel lehrt, die auf einen wirklich nach Weisheit und Tugend Strebenden vielleicht stärker einwirken als bloße mündliche Erklärungen. Unser Orden gleicht den alten Gesellschaften, die ihre Lehre durch Hieroglyphen offenbarten. Eine Hieroglyphe«, sagte der Rhetor, »ist das Merkzeichen einer Sache, die nicht den Gefühlen unterworfen ist und die Eigenschaften enthält, die denen der nachgebildeten Sache gleichen.«

Peter wußte sehr wohl, was Hieroglyphen sind, wagte aber nicht zu sprechen. Schweigend hörte er den Rhetor an mit dem Vorgefühl, daß sogleich die Prüfung beginnen werde.

»Wenn Sie fest entschlossen sind, so muß ich zu Ihrer Einführung schreiten«, sagte der Rhetor, auf Peter zutretend. »Zum Zeichen der Genügsamkeit bitte ich Sie, mir alle Ihre Kostbarkeiten zu übergeben.«

»Ich habe aber nichts bei mir«, sagte Peter, der glaubte, daß man von ihm die Herausgabe alles dessen, was er besitze, verlangte.

»Was Sie bei sich haben, Uhr, Geld, Ringe.«

Hastig nahm Peter seine Geldbörse und Uhr heraus und zog mühsam einen Ring von seinem fleischigen Finger.

»Zum Zeichen des Gehorsams bitte ich Sie, sich auszukleiden.«

Peter legte auf die Anweisung des Rhetors den Frack, die Weste und den linken Stiefel ab. Der Freimaurer öffnete das Hemd an der linken Seite seiner Brust, bückte sich und schob seine Beinkleider am linken Fuß über das Knie hinauf. Peter wollte hastig auch den rechten Stiefel und die Beinkleider abziehen, um dem Freimaurer die Mühe zu ersparen, aber dieser sagte, das sei nicht nötig, und gab ihm einen Pantoffel für seinen linken Fuß. Mit kindlichem Lächeln, in dem bescheidene Zweifel an Gott oder sich selbst lagen und das gegen seinen Willen auf seinem Gesicht erschien, stand Peter da mit ausgestreckten Armen und Beinen und erwartete die neuen Befehle des Freimaurers.

»Und endlich als Zeichen der Aufrichtigkeit bitte ich Sie, mir Ihre hauptsächlichste Leidenschaft mitzuteilen.«

»Meine Leidenschaft? Ich hatte so viele«, sagte Peter.

»Diejenige, die Sie mehr als die anderen schwanken machte auf dem Weg der Tugend«, sagte der Freimaurer.

Peter schwieg und dachte nach.

»Der Wein, Feinschmeckerei, Müßiggang, Zorn, Wut, Weiber«, so zählte er seine Laster auf und wußte nicht, welchem der Vorrang gebührte.

»Die Weiber«, sagte er mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

Der Freimaurer rührte sich nicht und schwieg lange nach dieser Antwort. Endlich näherte er sich Peter, nahm das Tuch und verband ihm die Augen. »Zum letztenmal sage ich Ihnen: Richten Sie alle Ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst, legen Sie Ihren Gefühlen Ketten an und suchen Sie das Heil nicht in Leidenschaften, sondern in Ihrem Herzen. Die Quelle des Heils ist nicht außerhalb, sondern innerhalb Ihrer.«

Peter fühlte in sich schon diesen befriedigenden Quell des Heils, der schon jetzt sein Herz mit Freude und Wonne erfüllte.

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