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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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75

»Ich habe das Vergnügen, mit dem Grafen Besuchow zu sprechen, wenn ich nicht irre«, begann der Fremde. Peter blickte ihn fragend an. »Ich habe von Ihnen gehört«, fuhr der Fremde fort, »und von dem Unglück, das Sie betroffen hat.«

Peter errötete, nahm hastig die Füße vom Bett herab und lächelte gezwungen.

»Ich habe das nicht aus Neugierde erwähnt, mein Herr, sondern aus wichtigeren Gründen. Sie sind unglücklich, mein Herr! Sie sind jung und ich alt, und deshalb wünsche ich, nach meinen Kräften Ihnen zu helfen.«

»Ach, ich bin Ihnen sehr dankbar! Wohin reisen Sie?«

Das Gesicht des Fremden war unfreundlich, sogar kalt und streng, aber seine Redeweise und seine Miene hatten etwas Einnehmendes für Peter.

»Sie sind wohl Freimaurer?« fuhr Peter fort, als er den Ring mit dem Adamskopf an der Hand des Fremden bemerkte.

»Ja, ich gehöre zu der Brüderschaft der Freimaurer«, erwiderte der Fremde, »und im Namen derselben wie in meinem eigenen Namen biete ich Ihnen die brüderliche Hand.«

»Ich fürchte, daß meine Vorstellung vom ganzen Weltgebäude der Ihrigen so sehr widerspricht, daß wir uns nicht vereinigen können.«

»Ich habe nie behauptet, daß ich die Wahrheit kenne«, erwiderte der Freimaurer. »Niemand kann allein zur Wahrheit gelangen, nur Stein auf Stein wird durch die Teilnahme aller von Millionen Generationen seit dem Vorvater Adam bis auf unsere Zeit jener Tempel errichtet, welcher zur Wohnung des großen Gottes würdig erscheint.«

»Ich muß Ihnen sagen, ich glaube nicht . . . an Gott«, wandte Peter ein.

Der Fremde sah Peter durchdringend an und lächelte. »Sie kennen ihn nicht, mein Herr«, erwiderte er, »Sie können ihn nicht kennen, und darum sind Sie unglücklich.«

»Ja, ich bin unglücklich«, bestätigte Peter, »aber was soll ich tun?«

»Sie kennen ihn nicht, er ist aber hier, in mir, in meinen Worten, in dir und selbst in deinen gotteslästerlichen Reden«, sagte der Greis mit ernster, zitternder Stimme. »Wer hätte ihn erkennen können, wenn er nicht wäre? Woher entstand in Ihnen die Vermutung, daß es ein solches unbegreifliches Wesen gebe? Warum vermutest du und die ganze Welt das Dasein eines so unerreichbaren, allmächtigen, ewigen und unendlichen Wesens?«

Er schwieg lange Zeit. Peter wollte dieses Schweigen nicht unterbrechen. Mit Schrecken fühlte er, wie sich in seinem Innern Zweifel regten. Er erkannte die Unklarheit und Schwachheit der Gründe des Freimaurers und fürchtete, ihnen nicht glauben zu können. »Ich begreife nicht«, sagte er, »warum der menschliche Geist nicht zu solchem Wissen gelangen könnte, von dem Sie sprechen?«

Der Freimaurer lächelte. »Die große Weisheit und Wahrheit ist wie der reinste Quell. Können wir in einem unreinen Gefäß dieses reine Quellwasser schöpfen, um seine Reinheit zu beurteilen? Man kann den innerlichen Menschen reinigen und erneuern, und darum muß man erst glauben und sich vervollkommnen, um zum Wissen zu gelangen, und zu diesem Zweck lebt in unserer Seele ein göttliches Licht, das wir Gewissen nennen.«

»Ja, ja«, bestätigte Peter.

»Betrachte mit geistigem Auge deinen inneren Menschen und frage dich selbst: Bist du zufrieden mit dir? Was hast du erreicht, indem du nur dem Verstand folgtest? Wer bist du? Sie sind jung, reich, gebildet, mein Herr, was haben Sie aus all diesen Vorzügen, die Ihnen verliehen worden, gemacht? Sind Sie zufrieden mit sich und Ihrem Leben?«

»Nein, ich verabscheue mein Leben«, sagte Peter düster.

»Wenn du es verabscheust, dann ändere es! Reinige dich, und je weiter die Reinigung vorschreitet, desto mehr wirst du die Weisheit erkennen! Sehen Sie Ihr Leben an, mein Herr, wie haben Sie es verbracht? In stürmischen Orgien. Sie haben alles von der Menschheit erhalten und ihr nichts geliefert. Was haben Sie denn für Ihre Nächsten getan? Haben Sie an die Zehntausende Ihrer Leibeigenen gedacht? Haben Sie ihnen ehrlich geholfen? Sie haben Reichtum erhalten, wie haben Sie ihn genutzt? Sie haben Ihr Leben in Müßiggang verbracht, haben geheiratet, mein Herr. Sie haben die Verantwortlichkeit auf sich genommen, ein junges Weib zu leiten, und was haben Sie getan? Sie haben ihr nicht geholfen, mein Herr, den Weg der Wahrheit aufzufinden, sondern sie in den Strudel der Lüge und des Unglücks hineingestoßen. Ein Mensch hat Sie beleidigt, und Sie haben ihn getötet, und Sie sagen, Sie kennen nicht Gott und verabscheuen Ihr Leben! Darin ist kein Kern von Weisheit, mein Herr.«

Ermüdet vom langen Reden schloß der Alte die Augen. Peter sah in das strenge, unbewegliche, alte Gesicht und bewegte die Lippen. Er wollte sagen: »Ja, ein nichtswürdiges, müßiges, verworfenes Leben«, aber er wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen.

Der Diener erschien an der Tür.

»Sind die Pferde da?« fragte der Alte. »Dann lasse einspannen.«

»Wird er davonfahren und mich allein, ohne Hilfe, lassen?« dachte Peter. Er ging im Zimmer auf und ab und sah zuweilen den Alten an. »Ja, dieser Mensch kennt die Wahrheit, und wenn er wollte, so könnte er sie mir entdecken.« Dies wollte er dem Freimaurer sagen.

Der Fremde ordnete seine Sachen und legte den Mantel um. Dann wandte er sich an Besuchow und fragte in gleichgültig höflichem Tone: »Wohin werden Sie jetzt reisen?«

»Ich? Nach Petersburg«, erwiderte Peter. »Ich danke Ihnen, ich bin in allem mit Ihnen einverstanden, aber glauben Sie nicht, daß ich so dumm sei. Von ganzer Seele wünsche ich mein Leben zu ändern, aber niemals und nirgends habe ich Hilfe gefunden . . . Übrigens bin ich ganz und gar selbst schuld. Helfen Sie mir, belehren Sie mich, und vielleicht werde ich . . .« Peter konnte nicht weiter sprechen und wandte sich ab. Der Freimaurer dachte nach und schien etwas zu überlegen.

»Die Hilfe kommt von Gott«, sagte er, »aber die Unterstützung, welche unser Orden zu bieten vermag, wird er Ihnen gewähren, mein Herr. In Petersburg übergeben Sie dies dem Grafen Willarsky!« Er nahm eine Brieftasche heraus und schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier. »Einen Rat erlauben Sie mir noch Ihnen zu geben. Wenn Sie in der Residenz angekommen sind, so widmen Sie die erste Zeit der Einsamkeit und Selbstbetrachtung und verfallen Sie nicht wieder in Ihre frühere Lebensweise. Ich wünsche Ihnen glückliche Reise, mein Herr«, sagte er, als er bemerkte, daß ein Diener ins Zimmer trat.

Der Fremde war Ossip Alexejewitsch Basdejew, wie Peter aus dem Fremdenbuch der Station erfuhr. Basdejew war einer der berühmtesten Freimaurer. Lange nach seiner Abreise ging Peter im Zimmer auf und ab, ohne nach Pferden zu fragen, überdachte seine lasterhafte Vergangenheit und stellte sich mit Entzücken seine vorwurfsfreie, tugendhafte Zukunft vor, die ihm so leicht erreichbar schien. Er glaubte nur deswegen lasterhaft gewesen zu sein, weil er zufällig vergessen hatte, wie schön es sei, tugendhaft zu sein. In seiner Seele war nicht eine Spur der früheren Zweifel zurückgeblieben. Er glaubte fest an die Möglichkeit einer Verbrüderung der Menschen zum Zwecke der gegenseitigen Unterstützung auf dem Wege der Tugend, und dies schien ihm das Ziel der Freimaurer zu sein.

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