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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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74

Nach dem Bruch mit seiner Frau fuhr Peter Besuchow nach Petersburg. Auf der Station Torshok waren keine Pferde zu haben und Peter mußte warten. Ohne den Pelz abzulegen, warf er sich auf einen ledernen Diwan vor einem runden Tisch, legte seine großen Füße mit den Pelzstiefeln auf den Tisch und versank in Nachdenken.

»Befehlen Sie, die Koffer hereinzubringen, ein Bett zu machen? Wünschen Sie Tee?« fragte der Kammerdiener. Aber Peter gab keine Antwort, weil er nichts sah und hörte. Es war ihm alles gleichgültig, ob er früher oder später in Petersburg ankommen werde und wie lange er auf dieser Station warten müsse. Der Postmeister, die Postmeisterin, der Kammerdiener boten ihre Dienste an, doch Peter sah sie schweigend durch seine Brille an, ohne seine Lage zu verändern, und begriff nicht, was sie wollten, und wie sie weiter zu leben vermochten, ohne jene Fragen gelöst zu haben, die ihn so lebhaft beschäftigten. Seit jenem Tage, wo er nach dem Duell von den Sperlingsbergen zurückkam und eine peinliche, schlaflose Nacht verbrachte, war es fast, als ob in seinem Kopf jene wichtige Schraube sich verdreht hätte, welche seinem ganzen Leben Halt gab. Die Schraube drehte sich noch immer weiter, ohne in etwas einzugreifen, und es war unmöglich, sie anzuhalten. Der Postmeister trat ein und bat demütig Seine Erlaucht, noch zwei Stündchen zu warten, dann werde er Kurierpferde erhalten. Das war augenscheinlich gelogen; der Postmeister wollte nur den Durchreisenden möglichst viel Geld abnehmen.

»Ist das böse oder gut?« fragte sich Peter. »Für mich ist es gut, für einen anderen Reisenden schlimm, aber für den Postmeister ist es notwendig, weil er nichts zu essen hat. Er sagte, ein Offizier habe ihn geprügelt. Der Offizier tat das, weil er schnell weiterreisen mußte; ich aber habe auf Dolochow geschossen, weil ich mich für beleidigt hielt. Was ist böse? Was ist gut? Wozu lebt man? Wo bin ich? Was ist Leben und Tod? Welche Kraft regiert alles?« fragte er sich und fand keine Antwort auf diese Fragen, außer der unlogischen Antwort: »Wenn du stirbst, ist alles zu Ende! Stirbst du, so wirst du alles erfahren, oder du wirst nichts mehr fragen.« Aber der Tod erschien ihm schrecklich.

»Ich möchte Eure Durchlaucht ergebenst bitten«, sagte der Postmeister eintretend, »ein wenig Raum zu geben für diesen Herrn.« Ein anderer Reisender war eingetroffen, welcher auch wegen Mangel an Pferden warten mußte. Es war ein kleiner, knöcherner Greis mit gelbem, faltigem Gesicht und grauen, herabhängenden Augenbrauen über den glänzenden Augen. Peter nahm seine Füße vom Tisch herab, stand auf und legte sich auf das Ruhebett, indem er zuweilen den Eintretenden betrachtete, welcher mit ermüdeter, mürrischer Miene, ohne Peter anzublicken, mit Hilfe seines Dieners schwerfällig den Mantel abnahm. Der Fremde setzte sich auf den Diwan, lehnte seinen großen, breiten Kopf an die Rücklehne und blickte Besuchow an, dem der geistreiche und durchdringende Ausdruck des Fremden auffiel. An seinem Finger bemerkte Peter einen großen eisernen Ring mit einem Adamskopf. Der alte Diener des Fremden brachte ein Reisenecessaire, nahm Teezeug heraus und brachte den dampfenden Samowar. Als alles bereit war, öffnete der Alte die Augen, rückte den Stuhl an den Tisch, goß sich ein Glas Tee ein und ein zweites für den alten Diener, das er ihm reichte. Dann fragte der Diener, ob der Herr etwas nötig habe.

»Nein«, erwiderte dieser. »Gib mir nur das Buch!«

Der Diener reichte ihm ein Buch, in das der Fremde sich vertiefte. Nach einiger Zeit legte er das Buch weg, schloß wieder die Augen und lehnte sich an die Rücklehne zurück in seine frühere Lage.

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