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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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72

Es war nicht schwer, in gleichgültigem Tone zu sagen »morgen«, aber nach Hause zu fahren, die Geschwister und die Eltern zu sehen, seine Schuld einzugestehen und um Geld zu bitten nach seinem Ehrenwort – das war entsetzlich.

Zu Hause war alles noch in Bewegung. Die Jugend war aus dem Theater gekommen, speiste und musizierte. Sobald Nikolai in den Salon eintrat, umfing ihn jene poetische Atmosphäre, welche in diesem Winter im ganzen Hause herrschte. Sonja und Natalie trugen noch die blauen Kleider, mit welchen sie im Theater gewesen waren, und standen heiter und vergnügt am Klavier. Wera spielte mit Schinschin Schach, die alte Gräfin legte mit einer alten Dame, die sie aufgenommen hatte, eine Patience, in Erwartung ihres Mannes und ihres Sohnes. Denissow saß mit glänzenden Augen und zerzausten Haaren am Klavier und trug mit seiner dünnen heiseren Stimme und aufgeschlagenen Augen ein Lied eigener Komposition vor.

»Herrlich! Ausgezeichnet!« rief Natalie. »Noch ein Liedchen! O, da kommt Nikolai!« Natalie lief ihm entgegen.

»Ist Papa zu Hause?« fragte er.

»Nein, Papa ist noch nicht gekommen«, erwiderte Sonja.

»Wie freue ich mich, daß du gekommen bist!« erwiderte Natalie. »Wir sind hier so vergnügt.«

»Koko, komm her!« rief die Gräfin aus dem Nebenzimmer. Nikolai küßte ihre Hand und setzte sich neben sie, während sie Karten legte.

Aus dem Saal tönte noch wirres Gelächter herüber.

»Schön! Schön!« rief Denissow. »Jetzt dürfen Sie nichts abschlagen! Sie sind mir noch die Barkarole schuldig!«

Die Gräfin blickte sich nach ihrem schweigsamen Sohn um.

»Was ist dir?« sagte sie.

»Ach nichts«, erwiderte er. »Kommt Papa bald nach Hause?«

»Ich glaube.«

»Sie leben wie immer, sie wissen von nichts! Wohin soll ich mich wenden« dachte Nikolai und ging wieder in den Saal zum Klavier.

Sonja spielte die Barkarole, welche Denissow besonders liebte. Natalie begann zu singen, während Denissow sie mit Entzücken anblickte. Nikolai ging im Saale auf und ab. »Das war überflüssig, sie zum Singen zu veranlassen, sie versteht nicht zu singen«, dachte Nikolai. »Mein Gott, ich bin ein verlorener, ehrloser Mensch, eine Kugel vor den Kopf ist das einzige, was mir übrigbleibt! Soll ich gehen? Aber wohin? Gleichviel, mögen sie singen!«

»Nikolai, was ist Ihnen?« fragten Sonjas Blicke. Sie hatte sogleich bemerkt, daß ihm etwas begegnet war.

Nikolai wandte sich ab von ihr. Auch Natalie hatte sogleich den Zustand ihres Bruders bemerkt, war aber selbst so vergnügt in diesem Augenblick. »Nein, ich habe mich wahrscheinlich geirrt«, dachte sie. »Er wird ebenso vergnügt sein wie ich!« Natalies Stimme war noch ungeübt und unentwickelt, aber sie besaß noch jene mädchenhafte Unbefangenheit und Sammetartigkeit, welche alle Kritik entwaffnete.

»Was ist das?« dachte Nikolai. »Was ist mit ihr vorgegangen? Wie singt sie heute? Ach, ein dummes Leben! Unglück und Geld und Dolochow und Ehre – alles das ist Unsinn! Nun, Natalie, mein Täubchen, wie wird sie dieses ›H‹ singen? Richtig, Gott sei Dank! Mein Gott, wie hübsch!«

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