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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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71

Nach einer halben Stunde war Rostows Spiel der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Von sechzehnhundert Rubel war seine Schuld zu einer langen Säule von Ziffern angewachsen, welche er auf zehntausend schätzte, die aber bald nach seiner unbestimmten Vermutung auf fünfzehntausend anwuchs. In Wirklichkeit aber überstieg die Summe schon zwanzigtausend Rubel. Dolochow erzählte keine Anekdoten mehr, folgte jeder Handbewegung Rostows und überflog zuweilen flüchtig die Ziffern. Er wollte das Spiel solange fortsetzen, bis er die Summe dreiundvierzigtausend erreicht haben werde. Diese Zahl wählte er, weil sie die Summe seiner und Sonjas Jahre war. Rostow hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und saß vor dem mit vielen Zahlen beschriebenen und mit Wein begossenen Tisch.

»Sechshundert Rubel! . . . As! Neun! Es ist nicht möglich, den Verlust wieder einzubringen! . . . Und wie vergnügt wäre ich jetzt zu Hause! . . . Und warum hat er mir das angetan?« Zuweilen machte er einen großen Einsatz auf eine Karte, den aber Dolochow zurückwies, indem er selbst den Einsatz bestimmte. Nikolai gab nach. Bald betete er wie damals in der Schlacht, bald blickte er auf eine Karte, die auf dem Tisch lag, bald zählte er die Schnüre an seiner Jacke, bald sah er hilfesuchend andere Spieler an oder blickte in das kalte Gesicht Dolochows und bemühte sich zu ergründen, was in ihm vorging.

»Er weiß, was für mich dieser Verlust bedeutet. Kann er meinen Untergang wünschen? Er war doch mein Freund! . . . Aber er ist nicht schuld daran, wenn er einmal solches Glück hat, auch ich bin unschuldig«, sagte er zu sich selbst. »Ich habe nichts Böses getan. Habe ich jemand gemordet oder beleidigt? Warum also dieses entsetzliche Unglück? Und wann hat es angefangen? Ganz vor kurzem, als ich an diesen Tisch trat mit der Idee, hundert Rubel zu gewinnen, um Mama zu ihrem Namenstag diese Schatulle zu kaufen und nach Hause zu fahren. Ich war so froh und glücklich! – Ich begriff selbst nicht, wie glücklich ich war. Wann hat das aufgehört und dieser neue entsetzliche Zustand angefangen? Ich saß doch immer auf demselben Platz an diesem Tisch, setzte auf die Karten und blickte nach diesen knöchernen, gewandten Händen. Nein, es kann nicht sein! Wahrscheinlich wird das alles in nichts endigen.« Sein Gesicht war rot und mit Schweiß bedeckt, obgleich es im Zimmer kühl war, seine Miene war schrecklich verzerrt, obgleich er sich bemühte, ruhig zu erscheinen.

Bald hatte die Summe dreiundvierzigtausend Rubel erreicht. Rostow setzte wieder dreitausend Rubel auf eine Karte, aber Dolochow legte die Karten weg, ergriff die Kreide und summierte rasch die lange Zahlenreihe.

»Es ist Zeit, zu speisen, da kommt auch die Zigeunermusikbande!«

Dunkle Männer und Mädchen traten ein, welche in ihrem Zigeunerdialekt sprachen. Nikolai begriff, daß alles zu Ende war.

»Nun, willst du nicht mehr?« fragte er mit gleichgültiger Stimme. »Es ist zu Ende, ich bin verloren!« dachte er. »Es bleibt mir nur noch übrig, mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen. – Nun, noch ein Kärtchen«, sagte er mit heiserer Stimme.

»Schön«, erwiderte Dolochow, der eben seine Rechnung beendigt hatte, »es fehlen noch einundzwanzig Rubel zu dreiundvierzigtausend!« Er ergriff wieder die Karten und mischte sie.

Rostow bog eine Ecke um und schrieb, anstatt sechstausend, einundzwanzig Rubel. »Es ist mir ganz gleichgültig«, sagte er. »Ich möchte nur wissen, ob du auch diese Zehn schlägst.«

Dolochow begann mit ernster Miene Karten zu geben. Oh, wie verabscheute Rostow in diesem Augenblick diese roten, behaarten Hände mit den kurzen Fingern! . . . Eine Zehn erschien.

»Sie schulden mir dreiundvierzigtausend, Graf«, sagte Dolochow und stand gähnend auf. »Es macht müde, so lange zu sitzen«, sagte er.

»Ja, ich bin auch müde«, sagte Rostow.

»Wann befehlen Sie, daß ich das Geld in Empfang nehme, Graf?« fragte Dolochow, als ob er Rostow erinnern wollte, daß es sich für ihn nicht schicke, zu scherzen. Rostow fuhr zusammen und rief Dolochow in das andere Zimmer.

»Ich kann nicht alles auf einmal bezahlen, ich werde dir einen Wechsel geben«, sagte er.

»Höre, Rostow«, erwiderte Dolochow, indem er Rostow lachend ins Gesicht sah, »du kennst das Sprichwort: ›Glück in der Liebe, Unglück im Spiel!‹ Deine Cousine ist in dich verliebt, das weiß ich.«

»Ach, es ist schrecklich, sich so in der Gewalt dieses Menschen zu wissen«, dachte Rostow. Er wußte, welcher Schreck das für seinen Vater sein mußte, er sah, daß Dolochow wohl wußte, was ihn aus dieser Beschämung und diesem Kummer retten konnte, und daß er jetzt noch mit ihm spielen wollte wie die Katze mit der Maus.

»Deine Cousine . . .« fuhr Dolochow fort, aber Nikolai unterbrach ihn.

»Meine Cousine hat damit gar nichts zu schaffen, und es ist überflüssig, von ihr zu reden«, schrie er zornig.

»Also wann soll ich das Geld in Empfang nehmen?« fragte Dolochow.

»Morgen«, erwiderte Rostow und verließ das Zimmer.

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