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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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62

Peter aß und trank stark, wie immer, aber es mußte an diesem Tag eine große Veränderung mit ihm vorgegangen sein. Er schwieg beständig, zog die Stirn zusammen und blickte sich zerstreut um; von dem, was um ihn her vorging, schien er nichts zu hören und zu sehen und sich immer mit demselben peinlichen Gedanken zu beschäftigen.

Dieser ihn beständig quälende Gedanke war durch die Anspielung seiner Cousine in Moskau über den Verkehr Dolochows mit seiner Frau hervorgerufen worden, besonders aber durch einen anonymen Brief, den er an diesem Morgen erhalten hatte und in welchem im Ton gemeinen Spottes, der allen anonymen Briefen eigen ist, gesagt war, er sehe schlecht durch seine Brille, und die Liebschaft seiner Frau mit Dolochow sei nur für ihn allein ein Geheimnis. Peter glaubte weder an die Anspielung der Fürstin noch an den Brief, aber der Anblick Dolochows, der ihm gegenübersaß, war ihm peinlich. Sooft seine Blicke den schönen, dreisten Augen Dolochows begegneten, empfand Peter eine wilde Aufregung und er wandte sich sogleich ab. Er erinnerte sich an die Vergangenheit seiner Frau und an ihre Beziehungen zu Dolochow und glaubte jetzt deutlich zu sehen, daß das, was in dem Brief stand, die Wahrheit sein konnte und daß es auch ihm wahr erscheinen könnte, wenn es nicht seine Frau betroffen hätte. Peter erinnerte sich unwillkürlich auch daran, wie Dolochow nach seiner Rückkehr in Petersburg als Freund und Zechgenosse ihn besucht und eine Anleihe bei ihm gemacht hatte. Dann erinnerte er sich auch daran, wie Helene lächelnd ihr Mißvergnügen darüber ausgesprochen hatte, daß er Dolochow in sein Haus aufgenommen habe, und wie Dolochow in zynischem Tone die Schönheit seiner Frau gerühmt und bis zu seiner Ankunft in Moskau sich keinen Augenblick von ihnen getrennt hatte.

»Ja, er ist sehr hübsch«, dachte Peter, »und ich kenne ihn! Es würde ihm besonderes Vergnügen machen, meinen Namen zu beschimpfen, gerade deshalb, weil ich für ihn sorgte und ihm half.« Er erinnerte sich auch an Dolochows Gesichtsausdruck, wenn er in wilder Stimmung war, wie damals, als er den Polizeioffizier auf den Bären band, oder wenn er ohne alle Veranlassung jemand zum Duell herausforderte.

»Ja, er ist ein Raufbold«, dachte Peter. »Er ist imstande, mit Gleichgültigkeit einen Menschen zu morden, und freut sich, daß alle ihn fürchten«, dachte Peter, und wieder fühlte er, wie eine wilde Erregung sich in seinem Innern erhob. Dolochow, Denissow und Rostow schienen sehr heiter zu sein, sie sprachen lebhaft miteinander und blickten zuweilen spöttisch zu Peter herüber, dessen mächtige Gestalt und schweigsame Zerstreutheit aufzufallen begann. Rostow blickte Peter feindselig an, weil dieser in seinen Augen nichts weiter war als ein Geldsack, der Mann einer schönen Frau und ein altes Weib, und dann auch, weil Peter in seiner Zerstreutheit Rostow nicht erkannt und seine Verbeugung nicht erwidert hatte. Bei dem Toaste auf den Kaiser war Peter in Gedanken sitzengeblieben.

»Sie da!« rief ihm Rostow zu, »hören Sie nicht? Die Gesundheit des Kaisers!«

Peter erhob sich nervös, trank sein Glas aus, und nachdem sich alle wieder gesetzt hatten, wandte er sich mit seinem gutmütigen Lächeln an Rostow. »Ich habe Sie nicht erkannt«, sagte er.

Aber Rostow achtete nicht darauf und schrie: »Hurra!«

»Warum erneuerst du nicht die Bekanntschaft?« flüsterte ihm Dolochow zu.

»Er ist ein Dummkopf, ich will nichts von ihm wissen«, erwiderte Rostow.

»Die Männer schöner Frauen muß man hätscheln«, sagte Denissow.

Peter hörte nicht, was sie sagten, aber er begriff, daß es sich auf ihn bezog und wandte sich errötend ab.

»Nun, jetzt auf die Gesundheit der schönen Frauen!« sagte Dolochow, und mit ernster Miene, aber einen spöttischen Ausdruck in den Mundwinkeln, wandte er sich an Peter. »Auf die Gesundheit schöner Frauen, Petruschka, und ihrer Liebhaber!« sagte er.

Peter schlug die Augen nieder und trank sein Glas aus, ohne Dolochow zu antworten. Ein Diener, welcher ein Loblied auf Kutusow verteilte, legte vor Peter, als einen der vornehmsten Gäste, ein Blatt. Peter wollte es ergreifen, aber Dolochow bog sich herüber, nahm ihm das Blatt aus der Hand und begann zu lesen.

Peter blickte Dolochow an. Die wilde Aufregung, die ihn während des ganzen Diners gequält hatte, erhob sich wieder und überwältigte ihn. Er bog sich mit seinem ganzen Körper über den Tisch hinüber. »Wagen Sie nicht, das anzurühren!« rief er.

Dolochow blickte Peter mit vergnügten, boshaften Augen an, als ob er sagen wollte: »So gefällst du mir!« – »Ich gebe es nicht her!« sagte er kurz.

Bleich und mit zuckenden Lippen entriß ihm Peter das Blatt. »Sie . . . Sie . . . sind ein nichtswürdiger Mensch! Ich fordere Sie heraus!« rief er, schob den Stuhl zurück und stand vom Tische auf. In diesem Augenblick schien ihm, daß die so quälende Frage über die Schuld seiner Frau endgültig und unzweifelhaft in bejahendem Sinne entschieden war. Er verabscheute sie.

Ungeachtet der Bitte Denissows, sich nicht in diese Sache einzumischen, willigte Rostow ein, Dolochows Sekundant zu sein. Er besprach sich nach Tisch mit Neswizki, dem Sekundanten Besuchows, über die Bedingungen des Duells. Peter fuhr nach Hause, Rostow aber blieb mit Dolochow und Denissow bis zum späten Abend im Klub und hörte den Zigeunern, Musikanten und Sängern zu.

»Also auf morgen bei den Sperlingsbergen«, sagte Dolochow, als er sich von Rostow trennte.

»Und du bist ruhig?« fragte Rostow.

Dolochow blieb stehen.

»Siehst du«, sagte er, »ich werde dir mit zwei Worten das ganze Geheimnis des Duells offenbaren. Wenn du vorher dein Testament machst und zärtliche Briefe an die Eltern schreibst, wenn du daran denkst, daß du fallen könntest, so bist du ein Dummkopf und jedenfalls verloren. Aber wenn du mit dem festen Entschluß hingehst, den Gegner so schnell als möglich abzutun, dann geht alles gut! Ein Bärenjäger aus dem Kostromaschen sagte mir einmal: ›Wie sollte man den Bären nicht fürchten? Sobald man ihn aber sieht, ist auch die Angst weg, solange er nicht davongeht.‹ Nun, so ist's auch mit mir. Auf morgen, mein Lieber!«

Am andern Morgen um acht Uhr fuhr Peter mit Neswizki nach den Sperlingsbergen, wo sie Dolochow, Denissow und Rostow schon vorfanden. Peter sah aus wie ein Mensch, der an etwas ganz anderes als an das Bevorstehende denkt. Sein verschlafenes Gesicht war gelb, er schien die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben und kniff die Augen zusammen, als ob ihm die Sonne zu hell scheine. Zwei Gedanken nahmen ihn ausschließlich in Anspruch, die Schuld seiner Frau, an der nach der schlaflosen Nacht nicht der geringste Zweifel übriggeblieben war, und die Unschuld Dolochows, der durchaus keine Ursache hatte, die Ehre eines ihm fremden Menschen zu hüten.

»Vielleicht hätte ich an seiner Stelle ebenso gehandelt«, dachte Peter. »Das ist sogar wahrscheinlich. Wozu nun dieses Duell, dieser Mord? Entweder töte ich ihn, oder er trifft mich in den Kopf, in den Ellenbogen, in das Knie! Ich möchte fort von hier, mich irgendwo vergraben!« Aber gerade in diesem Augenblick, wo ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, fragte er mit besonders ruhigem und zerstreuten Aussehen, das den anderen Achtung einflößte: »Ist alles bereit?«

In den Schnee gesteckte Säbel bezeichneten die Barrieren, bis zu welcher jeder vorgehen konnte. Als die Pistolen geladen waren, trat Neswizki auf Peter zu.

»Ich würde meine Pflicht schlecht erfüllen, Graf, sagte er mit schüchterner Stimme, »und Ihr Vertrauen und die Ehre, die Sie mir erwiesen, indem Sie mich zu Ihrem Sekundanten wählten, nicht rechtfertigen, wenn ich in diesem wichtigen Augenblick Ihnen nicht die ganze Wahrheit sagen würde. In bin der Meinung, daß die Sache keine Bedeutung hat und nicht wert ist, darum Blut zu vergießen. Sie hatten unrecht, Sie sind hitzig geworden . . .«

»Ach ja, die Geschichte ist schrecklich dumm«, sagte Peter.

»Dann erlauben Sie mir, Ihr Bedauern auszusprechen, und ich bin überzeugt, daß unsere Gegner sogleich einwilligen werden, Ihre Entschuldigung anzunehmen«, sagte Neswizki, welcher wie die anderen Anwesenden und alle in ähnlichen Fällen nicht daran glaubte, daß es wirklich zum Duell kommen werde. »Sie wissen, Graf, es ist viel edler, einen Mißgriff einzugestehen, als die Sache zum Äußersten zu treiben. Von keiner Seite sind Beleidigungen gefallen, also erlauben Sie mir, darüber zu verhandeln!«

»Nein, was ist da zu reden?« fragte Peter. »Es ist ganz gleichgültig! Also, fertig?« fragte er. »Sagen Sie mir nur, wohin ich zu gehen und zu schießen habe.« Mit einem unnatürlich milden Lächeln nahm er die Pistole in die Hand, fragte, wie man abdrücke, da er noch niemals eine Pistole in der Hand gehabt hatte, was er nicht eingestehen wollte.

»Ach ja! Also so? Ich weiß! Ich hatte es nur vergessen.«

»Keine Entschuldigung, entschieden nicht«, sagte Dolochow zu Denissow, welcher seinerseits auch Versuche zur Versöhnung machte. Dann trat er auch auf die bestimmte Stelle.

Der Platz für das Duell war etwa achtzig Schritte vom Wege, auf welchem die Schlitten zurückblieben, gewählt worden. Auf einer kleinen Waldlichtung, welche mit halbaufgetautem Schnee bedeckt war, standen die Gegner etwa vierzig Schritt voneinander entfernt am Rande der Lichtung. Die Sekundanten maßen in dem feuchten, tiefen Schnee die Schritte ab, und Neswizki und Denissow steckten ihre Säbel zehn Schritte voneinander entfernt in den Schnee, um dadurch die Schranken anzudeuten. Das neblige Tauwetter dauerte fort, so daß auf vierzig Schritte nichts zu erkennen war. Nach drei Minuten waren sie fertig, zögerten aber immer noch, zu beginnen. Alle schwiegen.

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