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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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60

Bei allen Verwandten und Bekannten wurde Rostow als liebenswürdiger, angenehmer junger Mann, als hübscher Husarenleutnant, gewandter Tänzer und als eine der besten Partien Moskaus vorzüglich empfangen. Zu den Bekannten im weiteren Sinne gehörte ganz Moskau. Dem alten Grafen fehlte es in diesem Jahre nicht an Geld, weil alle Güter nochmals verpfändet wurden, und deshalb brachte Nikolai die Zeit sehr vergnügt zu. Er hielt sein eigenes Pferd, hatte ganz besondere moderne Reithosen, wie sie in Moskau noch nicht zu sehen waren, und ebenso moderne Stiefel mit den schärfsten Spitzen und kleinen silbernen Sporen. Er glaubte, sehr gewachsen und männlich geworden zu sein. Er ritt, als Husarenleutnant mit dem Georgenkreuz auf der Brust, mit bekannten Lebemännern spazieren, dirigierte die Masurka auf den Bällen bei Acharow, sprach mit dem Feldmarschall Kaminsky über den Krieg, war Mitglied im englischen Klub und duzte sich mit einem vierzigjährigen Oberst, mit dem ihn Denissow bekannt gemacht hatte.

Während dieses kurzen Aufenthalts in Moskau kam er nicht dazu, sich Sonja zu nähern, sie wurden einander eher fremder. Sie war sehr gut und liebenswürdig und augenscheinlich leidenschaftlich verliebt in ihn, aber er befand sich in der Periode der Jugend, wo man so unendlich viel zu tun hat, daß dafür gar keine Zeit übrigbleibt, und wo ein junger Mensch eifersüchtig auf seine Freiheit ist und sich davor fürchtet, sich zu binden. Außerdem erschien ihm die weibliche Gesellschaft auch erniedrigend für seine Männlichkeit. Er stellte sich an, als ob er widerwillig auf Bälle fahre. Der englische Klub dagegen, Gelage und Umherschwärmen mit Denissow und anderen Lebemännern, das war etwas anderes, das schickte sich besser für einen jungen Husaren.

Anfang März war der alte Graf Rostow sehr mit dem Arrangement eines Diners im englischen Klub zum Empfange des Fürsten Bagration beschäftigt.

»Ich glaube, Papachen, Sie haben jetzt mehr Sorgen mit dieser Geschichte, als Bagration damals hatte, als er sich zum Gefecht bei Schöngraben aufstellte.«

Der alte Graf stellte sich erzürnt. »Was schwatzest du da? Versuche es doch selbst einmal!« Dann rief der Graf den Koch, der ehrerbietig Vater und Sohn angrinste. »Siehst du, Feoktist, das ist die heutige Jugend, lacht über uns Alte!«

»Was ist zu machen, Erlaucht? Wenn es der Jugend nur gut schmeckt – wie das alles gemacht und serviert wird, darum kümmert sie sich nicht!« Am andern Tag, am 3. März, versammelten sich im englischen Klub zweihundertfünfzig Mitglieder und fünfzig Gäste, um den teuren Gast und Helden des österreichischen Feldzuges, den Fürsten Bagration, zu erwarten. Nach den ersten Nachrichten über die Schlacht bei Austerlitz war ganz Moskau verdutzt. Die Russen waren damals so sehr an den Sieg gewöhnt, daß sie an die Niederlage nicht glauben wollten, und man hielt es für das beste, da man sich die Sache nicht erklären konnte, ganz darüber zu schweigen. Nach einiger Zeit aber traten Wortführer im Klub auf, welche ihre Meinungen aussprachen, und alles wurde jetzt klar und bestimmt besprochen. Man fand die Ursache dieses unglücklichen Ereignisses, daß die Russen besiegt worden seien. Diese Ursachen waren Verrat der Österreicher, schlechte Führung der Truppen, Verrat des Polen Prschebischewsky und des Franzosen Langeron, Unfähigkeit Kutusows und, ganz leise gesagt, die Jugend und Unerfahrenheit des Kaisers, welcher schlechten Menschen vertraute. Aber das russische Heer hatte Wunder der Tapferkeit verrichtet. Der erste der Helden aber war Bagration, der durch sein Gefecht bei Schöngraben berühmt geworden war, sowie durch seinen Rückzug von Austerlitz, wo er allein seine Kolonne unerschüttert zusammenhielt und den ganzen Tag über den doppelt so starken Feind zurückschlug. Man wiederholte sich die Worte Rostoptschins: der französische Soldat müsse zur Schlacht durch hochtrabende Phrasen aufgestachelt werden, den deutschen müsse man logisch überzeugen, daß es gefährlicher sei, zu fliehen, als anzugreifen, den russischen Soldaten aber müsse man nur zurückhalten und ihn bitten, langsamer zu gehen. Von allen Seiten hörte man neue Erzählungen über erstaunliche Heldentaten. Man sprach auch von Berg. Als er an der rechten Hand verwundet worden sei, habe er den Degen in die linke Hand genommen und sei weiter vorwärtsgegangen. Von Bolkonsky sprach man nichts, und nur seine nächsten Bekannten bedauerten, daß er so früh gestorben sei und seine Frau und seinen Vater, den alten Sonderling, hinterlassen habe.

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