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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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55

Kutusow ritt mit seinem Adjutanten im Schritt hinter dem Schweif der Kolonne und hielt an einem verfallenen Hause an einem Kreuzweg. Auf beiden Straßen gingen Truppen den Berg hinab. Der Nebel begann sich zu zerstreuen, und man konnte bereits in einer Entfernung von zwei Kilometern die feindlichen Truppen auf den gegenüberliegenden Anhöhen undeutlich erkennen. Links verstärkte sich das Gewehrfeuer. Kutusow hielt an und sprach mit einem österreichischen General. Fürst Andree erbat sich das Fernrohr von einem Adjutanten, welcher nicht nach den Truppen in der Ferne, sondern gerade vor sich den Berg hinabsah.

»Sehen Sie, da unten sind die Franzosen!«

Zwei Generale und Adjutanten griffen nach dem Fernrohr und entrissen es einander. Auf allen Gesichtern erschien plötzlich Entsetzen. Die Franzosen, die man zwei Kilometer entfernt glaubte, erschienen hier so plötzlich und unerwartet.

»Das ist der Feind! Sehen Sie doch!« Fürst Andree sah mit unbewaffnetem Auge unten rechts eine dichte Kolonne Franzosen, nicht weiter als fünfhundert Schritt vom Standpunkt Kutusows entfernt.

Aber in diesem Augenblick wurde alles in Rauch eingehüllt und ganz in der Nähe ertönte Gewehrfeuer. Eine Stimme sagte im naivem Schrecken, zwei Schritte von Fürst Andree entfernt: »Nun, Brüderchen, jetzt ist's aus!« Und als ob diese Stimme ein Kommando gewesen wäre, begannen alle zu fliehen. Ein wirrer Haufen, der sich immer mehr vergrößerte, floh zurück nach der Stelle, wo fünf Minuten zuvor die Truppen vor den Kaisern vorübergezogen waren. Es schien unmöglich, den Haufen anzuhalten, welcher alles mit sich riß. Neswizki rief außer sich Kutusow zu, wenn er nicht sogleich weiterreite, so werde er sicherlich gefangengenommen. Kutusow blieb stehen, ohne zu antworten, und zog das Taschentuch heraus. Über seine Wange floß Blut herab. Fürst Andree drängte sich bis zu ihm.

»Sie sind verwundet?« fragte er.

»Nicht hier ist die Wunde, sondern dort«, sagte Kutusow, nach den Fliehenden deutend. »Halten Sie sie an!« schrie er, aber die Masse riß ihn mit sich fort. Es war sehr schwer, sich daraus los zu machen. Ein Soldat wandte sich um und schoß in die Luft, ein anderer schlug das Pferd, auf dem Kutusow selbst ritt. Endlich riß sich Kutusow mit einem Teil seiner Suite aus dem Haufen los, und Fürst Andree sah vom Abhang des Berges im Rauch eine noch feuernde russische Batterie und die auf sie zustürzenden Franzosen. Weiter oben stand russische Infanterie, welche sich nicht rührte, um der Batterie zu Hilfe zu kommen. Ein General kam von dieser Infanterie her Kutusow entgegen.

»Halten Sie diese Strolche auf!« sagte Kutusow keuchend zum Regimentskommandeur, aber in diesem Augenblick flogen die Kugeln wie ein Schwarm Vögel pfeifend nach dem Regiment und der Suite Kutusows. Die Franzosen griffen die Batterie an und schossen auch auf Kutusow. Einige Soldaten fielen, dem Fahnenträger entfiel die Fahne, welche in den Gewehren der nebenstehenden Soldaten hängenblieb, die Soldaten begannen ohne Kommando zu feuern.

»Oh, oh!« rief Kutusow und blickte sich entsetzt um. »Bolkonsky«, flüsterte er mit greisenhafter, zitternder Stimme, »was ist das?«

Fürst Andree mit Tränen der Wut und der Beschämung in den Augen war schon vom Pferde gestiegen und stürzte auf die Fahne zu.

»Kinder! Vorwärts!« rief er. »Jetzt kommt es!« dachte er, ergriff kühn die Fahne und hörte mit Entzücken das Pfeifen der Kugeln, welche augenscheinlich auf ihn gezielt waren. Einige Soldaten fielen. »Hurra!« rief Fürst Andree, der die schwere Fahne kaum in den Händen zu halten vermochte, und lief vorwärts mit der unerschütterlichen Zuversicht, daß das ganze Bataillon ihm nachfolgen werde. Wirklich, als er einige Schritte gemacht hatte, rührte sich der eine und der andere, das ganze Bataillon lief mit Hurrageschrei ihm nach und überholte ihn. Ein Unteroffizier ergriff die Fahne, welche wegen ihrer Schwere in den Händen des Fürsten Andree schwankte, wurde aber sogleich erschossen. Andree nahm die Fahne wieder auf und lief dem Bataillon nach. Er sah unsere Artilleristen, von welchen einige kämpften und andere ihm fliehend entgegenliefen, er sah auf die französische Infanterie, welche die Artilleriepferde ergriff und die Kanonen umkehrte. Fürst Andree war mit dem Bataillon nur zwanzig Schritt von den Kanonen entfernt. Über sich hörte er das beständige Pfeifen der Kugeln, und links und rechts fielen fortwährend Soldaten, aber er sah nicht nach ihnen. Er sah deutlich einen großen Artilleristen mit seitwärts aufgesetztem Tschako, welcher an einem Kanonenwischer zog, während ein Franzose denselben am andern Ende hielt. Fürst Andree sah schon die wütenden Gesichter dieser beiden Leute, welche nicht zu begreifen schienen, was sie taten.

»Was machen sie da?« dachte Fürst Andree. »Warum flieht der Artillerist nicht, und warum sticht ihn der Franzose nicht nieder?« Wirklich kam ein anderer Franzose mit einem Gewehr von der Seite, und das Schicksal des rothaarigen Artilleristen, welcher triumphierend den Wischer an sich riß, mußte sich entscheiden. Aber Fürst Andree sah nicht mehr, wie die Sache endigte. Er empfand einen Schlag auf den Kopf wie mit einem starken Knüppel aus voller Kraft. Der Schmerz war besonders unangenehm, weil er ihn verhinderte, zu sehen, was vorging.

»Was ist das? Meine Füße geben nach«, dachte er und fiel auf den Rücken. Er öffnete die Augen, um zu sehen, wie der Kampf des Franzosen mit dem Artilleristen endigte, aber er sah nichts mehr davon. Über ihm war nur das hohe Himmelsgewölbe mit den still dahinschwebenden grauen Wolken. »Wie still, wie ruhig und feierlich, ganz anders, als das Rufen und Schreien im Kampf. Warum habe ich nicht früher diesen hohen Himmel gesehen, und wie bin ich glücklich, daß ich ihn endlich erkannt habe! Ja, alles ist leerer Trug außer diesem unendlichen Himmel, nichts, nichts gibt es außer ihm! Nichts außer Ruhe und Stille! O, Gott sei Dank! . . .«

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