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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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53

Um fünf Uhr morgens war es noch ganz dunkel. Die Truppen des Zentrums, die Reserve und der rechte Flügel Bagrations standen noch unbeweglich, aber auf dem linken Flügel waren die Truppen, welche nach der Disposition zuerst von der Höhe herabsteigen, den rechten Flügel der Franzosen angreifen und in die böhmischen Wälder werfen sollten, schon in Bewegung. Es war kalt und dunkel. Hastig tranken die Offiziere Tee und frühstückten. Die Soldaten kauten Zwieback und drängten sich um die Feuer, in die sie alles Überflüssige, was sie nicht mitnehmen konnten, warfen: Stühle, Tische, Wagen. Österreichische Kolonnenführer mischten sich unter die russischen Truppen als Vorboten des Angriffs. Sobald ein österreichischer Offizier beim Quartier eines Regimentskommandeurs erschien, geriet das Regiment in Bewegung, die Soldaten liefen von ihren Wachtfeuern weg, steckten die Pfeifen ein, ergriffen die Gewehre und stellten sich in Reihe und Glied. Die Offiziere legten die Säbel um und liefen schreiend zwischen den Gliedern umher, Fuhrleute und Offiziersburschen packten ein und beluden das Fuhrwerk. Die Adjutanten, die Bataillons- und Regimentskommandeure stiegen zu Pferde, bekreuzigten sich, gaben die letzten Befehle und Aufträge für die zurückbleibenden Fuhrleute und darauf vernahm man die eintönigen Schritte von Tausenden. Die Kolonnen marschierten, ohne zu wissen, wohin. Der Nebel war so stark, daß man trotz der Dämmerung nicht zehn Schritt weit sehen konnte. Die Gebüsche erschienen als ungeheure Bäume, ebene Stellen als Abgründe, überall konnte man plötzlich auf den Feind stoßen.

Nachdem der Marsch im dichten Nebel etwa eine Stunde gedauert hatte, mußte ein großer Teil der Truppen Halt machen, und durch die Glieder verbreitete sich rasch ein unbestimmtes Mißvergnügen über die entstandene Unordnung und Verwirrung.

»Von welcher Division seid ihr?« rief ein vorüberreitender Adjutant.

»Von der achtzehnten.«

»Warum seid ihr denn hier? Ihr solltet schon lange vorn sein! Jetzt kommt ihr vor Abend nicht weiter.«

»Was sind das für ekelhafte Befehle? Sie wissen selbst nicht, was sie tun!« sagte ein Offizier und ritt davon. Dann ritt ein General vorüber und schrie zornig etwas in einer nichtrussischen Sprache.

»Tafalafa! Was schwatzt er da? Es ist nichts zu verstehen!« sagte ein Soldat. »Ich würde sie erschießen lassen, die Halunken! Um neun Uhr sollten wir auf der Stelle sein, und jetzt haben wir noch nicht die Hälfte zurückgelegt!« – »Schöne Anordnungen!« hörte man von verschiedenen Seiten, und das Kraftgefühl, mit welchem die Truppen ins Gefecht gingen, äußerte sich jetzt im Ärger über die unsinnigen Anordnungen und über die Deutschen. Die Ursache der Verwirrung bestand darin, daß nach dem Abgang der österreichischen Kavallerie nach dem linken Flügel die Oberleitung fand, daß unser Zentrum von dem rechten Flügel zu weit entfernt sei, deshalb wurde der ganzen Kavallerie befohlen, wieder auf die rechte Seite herüberzukommen. Demzufolge ritten einige tausend Reiter vor der Infanterie quer vorüber, und diese mußte warten.

Ein russischer General verlangte hastig, die Kavallerie solle Halt machen. Der österreichische Kolonnenführer bewies, daß nicht die Kavallerie, sondern die Oberleitung schuld war. Inzwischen standen die Soldaten da, langweilten sich und ihre Stimmung verschlechterte sich. Nach einstündigem Aufenthalt wurde der Marsch fortgesetzt und die Truppen stiegen den Berg hinab. Unten war der Nebel nur noch dichter. Bald krachte ein Schuß, dann noch andere; anfangs in unregelmäßigen Zwischenräumen, dann aber immer häufiger. Das Gefecht hatte am Flüßchen Goldbach begonnen. Da die Truppen nicht vermutet hatten, auf den Feind zu stoßen, überdies die Wahrnehmung sich verbreitet hatte, daß sie verspätet seien, so entwickelte sich zunächst nur ein träges Feuergefecht mit dem Feind. Befehle trafen nicht rechtzeitig ein, weil die Adjutanten sich im Nebel verirrten, und so begann das Gefecht für die erste, zweite und dritte Kolonne, welche von der Höhe herabkamen. Die vierte Kolonne, bei der sich Kutusow selbst befand, stand noch auf den Höhen von Pratzen.

Es war neun Uhr morgens. Auf der Höhe bei dem Dorfe Schlapanitza, bei welchem Napoleon, umgeben von seinen Marschällen, stand, war es vollkommen heiter und die Sonne stieg strahlend über dem Nebelmeer auf. Nicht nur die ganze französische Armee, sondern auch Napoleon selbst mit seinem Stab befanden sich schon diesseits der Dörfer Sokolnitza und Schlapanitza, jenseits welcher wir Stellung nehmen und das Gefecht beginnen sollten. Napoleon ritt an der Spitze seiner Marschälle auf einem kleinen, grauen, arabischen Pferd in demselben blauen Mantel, den er während des italienischen Feldzuges getragen hatte. Schweigend blickte er auf die Hügel, welche aus dem Nebelmeer hervorragten, und horchte auf die Schüsse in der Schlucht. In seinem noch hageren Gesicht rührte sich keine Muskel; die glänzenden Augen waren unbeweglich auf einen Punkt gerichtet. Seine Voraussetzungen erwiesen sich als richtig. Die russischen Truppen waren bereits in die Schlucht hinabgestiegen zu den Teichen und Seen und hatten zum großen Teil die Höhen von Pratzen geräumt, die er anzugreifen beabsichtigte, weil er sie für den Schlüssel ihrer Stellung hielt. Er sah durch den Nebel, wie in der Vertiefung, die von zwei Bergen beim Dorfe Pratzen gebildet wurde, die russischen Kolonnen mit blinkenden Bajonetten herabkamen und eine nach der andern in dem Nebelmeer verschwand. Nach den Berichten, die er schon am Abend zuvor erhalten hatte, nach dem Geräusch der Räder und der Schritte, welche in der Nacht bei den Vorposten gehört worden waren, nach der ordnungslosen Bewegung der russischen Kolonnen sah er deutlich, daß die Verbündeten ihn weit entfernt glaubten, daß die Kanonen, welche bei Pratzen marschierten, das Zentrum der russischen Armee bildeten, und daß dasselbe schon genügend geschwächt sei, um es mit Erfolg angreifen zu können. Aber noch immer begann er nicht mit dem Angriff.

Es war ein feierlicher Tag für ihn, der Jahrestag seiner Krönung. Gegen Morgen hatte er einige Stunden geschlummert, war dann gesund und frisch zu Pferde gestiegen und aufs Feld hinausgeritten in jener glücklichen Stimmung, in der alles möglich erscheint und alles gelingt. Unbeweglich blickte er nach den aus dem Nebel hervorragenden Höhen, und auf seinem kalten Gesicht erschien der Ausdruck siegreichen Selbstvertrauens.

Als die Sonne ganz aus dem Nebel herausgestiegen war, nahm er einen Handschuh von seiner schönen weißen Hand, machte damit den Marschällen ein Zeichen und gab den Befehl zum Angriff, und nach wenigen Minuten bewegte sich die Hauptmacht der französischen Armee gegen jene Höhen von Pratzen, welche mehr und mehr von den russischen Truppen geräumt wurden, die nach links in die Schlucht hinabstiegen.

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