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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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49

Am 18. und 19. November herrschte in den höchsten Sphären des Heeres eine aufgeregte Geschäftigkeit, welche bis zum Morgen des folgenden Tages, des 20. November, dauerte, an welchem die denkwürdige Schlacht von Austerlitz geschlagen wurde. Wie in einem Uhrwerk das Resultat der gleichzeitigen Bewegung zahlreicher verschiedener Räder nur die langsame, gemessene Fortbewegung der Zeiger ist, so war auch das Resultat aller der komplizierten Bewegungen beider feindlichen Armeen, das Resultat aller leidenschaftlichen Wünsche, Leiden, aller Ausbrüche des Schreckens, des Stolzes, des Entzückens dieser Menschen nur der Verlust der sogenannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz, das heißt die langsame Weiterbewegung der weltgeschichtlichen Zeiger auf dem Zifferblatt der Geschichte der Menschheit.

Fürst Andree war an diesen Tage Adjutant vom Tag und beständig beim Oberkommandierenden. Um sechs Uhr abends fuhr Kutusow in das Hauptquartier der Kaiser und ging nach kurzem Gespräch mit Kaiser Alexander zum Oberhofmarschall Grafen Tolstoi. Bolkonsky benutzte diese Zeit, um den General Fürsten Dolgorukow zu besuchen.

»Guten Tag, mein Lieber«, sagte Dolgorukow, der mit Bilibin beim Tee saß, »morgen gibt's einen Festtag! Wie geht's Ihrem Alten? Schlecht bei Laune?«

»Nicht gerade bei schlechter Laune, aber er wünscht, daß man auf ihn hört.«

»Man hat ihn ja gehört im Kriegsrat und wird ihn auch ferner anhören, wenn er vernünftig spricht, aber immer zögern und warten, das ist nicht möglich.«

»Nun, Sie haben Bonaparte gesehen«, sagte Fürst Andree, »welchen Eindruck machte er auf Sie?«

»Ja, ich habe ihn gesehen und mich überzeugt, daß er nichts so sehr fürchtet als eine Hauptschlacht«, sagte Dolgorukow, augenscheinlich geschmeichelt durch die allgemeine Neugierde nach seiner Sendung ins französische Lager. »Wenn er sich nicht vor der Schlacht fürchtete«, wiederholte er, »warum hätte er dann eine Begegnung mit dem Kaiser gewünscht, um Verhandlungen anzuknüpfen, und warum wäre er dann zurückgegangen? Glauben Sie mir, er fürchtet sich, sage ich Ihnen!«

»Nun aber erzählen Sie, wie ist er?« fragte Fürst Andree.

»Er ist ein kleiner Mann in einem grauen Mantel, welcher es sehr gern hört, wenn man ihn Majestät nennt. Aber zu seinem Verdruß habe ich ihn mit gar keinem Titel angeredet, er ist ein Mensch, weiter nichts! Bei all meiner Verehrung für den alten Kutusow würde ich es doch für erbärmlich halten, wenn wir durch unser immerwährendes Warten Bonaparte Gelegenheit geben würden, zu entkommen, während wir ihn jetzt wirklich in unseren Händen haben. Nein, man darf Suwórow und seinen Grundsatz nicht vergessen, niemals der Angegriffene zu sein, sondern selbst anzugreifen.«

»Aber in welcher Position greifen wir ihn an? Ich war heute bei dem Vorposten und konnte nicht herausfinden, wo eigentlich seine Hauptmacht steht«, sagte Fürst Andree. Er wünschte sehr, Dolgorukow den von ihm selbst entworfenen Angriffsplan mitzuteilen.

»Ach, das ist ganz gleichgültig«, erwiderte rasch Dolgorukow, indem er eine Karte auf dem Tisch ausbreitete, »alle Möglichkeiten sind vorgesehen. Wenn er bei Brünn steht . . .«

Dolgorukow erklärte hastig und undeutlich den Plan der Flankenbewegung Weyrothers.

Fürst Andree machte Einwendungen und begann seinen Plan zu entwickeln, aber Dolgorukow hörte nur sehr zerstreut zu.

»Heute findet bei Kutusow ein Kriegsrat statt«, erwiderte er ihm, »dort können Sie das alles vortragen.«

»Das werde ich auch tun«, bemerkte Fürst Andree.

»Um was sorgen Sie, meine Herren?« sagte Bilibin spöttisch. »Ob der nächste Tag Sieg oder Niederlage bringt, der Ruhm der russischen Waffen ist gesichert. Außer eurem Kutusow ist nicht ein einziger Heerführer da. Unsere Generale sind General Wimpffen, Graf Langeron, Fürst Lichtenstein, Hohenlohe und noch Prischprschiprsch, wie alle diese polnischen Namen heißen.«

»Schweigen Sie, böse Zunge!« erwiderte Dolgorukow. »Es ist nicht wahr, wir haben jetzt noch zwei Russen, Miloradowitsch und Dochturow und wir hätten auch noch einen dritten, Graf Araktschejew, aber der hat schwache Nerven.«

Nach Hause zurückgekehrt, konnte Fürst Andree sich nicht enthalten, den schweigsamen Kutusow, der neben ihm saß, zu fragen, was er von der morgigen Schlacht denke.

Kutusow blickte streng seinen Adjutanten an. »Ich glaube, die Schlacht wird verloren werden«, antwortete er, »und ich habe den Grafen Tolstoi gebeten, dem Kaiser dies mitzuteilen. Was denkst du, was er mir geantwortet hat? ›Ach, lieber General, ich habe für Reis und Koteletten zu sorgen und Sie für das Kriegswesen.‹ Das gab er mir zur Antwort.«

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