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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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45

Der alte Fürst Nikolai Andrejewitsch Bolkonsky erhielt im Dezember 1805 einen Brief vom Fürsten Wassil, der ihm dessen baldige Ankunft mit seinem Sohne ankündigte, und zwei Wochen später trafen die Gäste ein. Der alte Bolkonsky hatte immer eine geringe Meinung von dem Charakter des Fürsten Wassil gehabt. An dem Tage, an welchem Fürst Wassil ankommen sollte, war der alte Fürst Nikolai besonders schlechter Laune.

»Hören Sie, wie er umhergeht«, sagte der alte Tichon zum Architekten, »mit dem ganzen Absatz stampft er auf! – Nun, wir wissen schon . . .«

Aber um neun Uhr machte der Fürst seinen gewohnten Spaziergang in seinem Sammetpelz mit Zobelkragen und ebensolcher Mütze. Am Abend vorher war Schnee gefallen. Der Fürst ging finster und schweigend durch die Orangerie und besichtigte verschiedene Gebäude.

»Kann man mit dem Schlitten durchkommen?« fragte er den Verwalter.

»Der Schnee ist tief, Erlaucht, ich habe schon die Hauptallee fegen lassen.«

Der Fürst ging weiter bis zur Hauptpforte.

»Gott sei Dank«, dachte der Verwalter, »die Wolke ist vorübergezogen.« – »Es war schwierig, Erlaucht, mit dem Schlitten zu fahren«, fügte er hinzu. »Wie ich hörte, wird ein Minister zu Euer Erlaucht auf Besuch kommen.«

Der Fürst wandte sich mit finsterem Gesicht um. »Was? Ein Minister?« rief der Alte mit seiner durchdringenden Stimme. »Für die Fürstin, meine Tochter, hat man nicht gefegt, aber für den Minister! Ich brauche keine Minister!«

»Erlaucht, ich dachte . . .«

»Du dachtest?« schrie der Fürst immer heftiger. »Du dachtest, du Räuber? Ich werde dich denken lehren!«

Er hob den Stock auf und schwang ihn über Alpatitsch und hätte zugeschlagen, wenn der Verwalter nicht unwillkürlich zurückgewichen wäre.

»Gleich den Weg zuwerfen, Halunke!«

Vor Tisch erwarteten Marie und Fräulein Bourienne im Speisesaal den Fürsten, von dessen schlechter Laune sie schon gehört hatten, Fräulein Bourienne mit strahlendem Gesicht, Marie aber bleich und schüchtern. Als der Fürst eintrat und das erschrockene Gesicht seiner Tochter sah, pfiff er. »Dummheiten!« murmelte er. »Man hat ihr wohl schon etwas vorgeschwatzt? – Wo ist die Fürstin?« fragte er laut.

»Sie ist nicht ganz gesund«, sagte Mademoiselle Bourienne mit heiterem Lächeln, »und geht nicht aus. Das ist so begreiflich in ihrer Lage.«

»Hm, hm«, machte der Fürst und setzte sich an den Tisch. Einen Teller, der ihm nicht ganz rein schien, warf er beiseite.

Die kleine Fürstin war nicht unwohl, fürchtete aber den Fürsten so sehr, daß sie es vorzog, nicht auszugehen, als sie von seiner schlechten Laune hörte. Sie lebte überhaupt auf dem Gute immer in Angst und im Gefühl der Antipathie gegen den alten Fürsten. Der Fürst erwiderte ihre Antipathie, die sich aber in Verachtung vertiefte. Die kleine Fürstin liebte Mademoiselle Bourienne sehr und verbrachte einen großen Teil des Tages mit ihr.

»Es werden Gäste ankommen, Fürst?« fragte Mademoiselle Bourienne, indem sie die Serviette ausbreitete. »Seine Erlaucht der Fürst Kuragin mit seinem Sohne, wie ich gehört habe?« sagte sie fragend.

»Nun ja, ein dummer Junge!« sagte der Fürst ärgerlich. »Und warum er seinen Sohn hierherbringt, kann ich nicht begreifen, vielleicht wissen das Fürstin Lisa und meine Tochter.«

Er blickte nach seiner errötenden Tochter.

»Bist du nicht gesund aus Angst vor dem Minister?«

»Nein, Väterchen.«

Nach Tische ging der Fürst zu seiner Schwiegertochter. Die kleine Fürstin saß an einem Tischchen und schwatzte mit Mascha, der Kammerzofe. Sie errötete beim Anblick des Alten.

Die kleine Fürstin hatte sich sehr verändert, sie sah jetzt fast häßlich aus.

Der Alte fragte sie, wie sie sich befinde, und ob sie etwas nötig habe.

»Nein, ich danke, Väterchen«, sagte sie.

»Nun gut, gut!« Er ging nach dem Dienerzimmer, wo er den Verwalter antraf.

»Ist der Weg zugeworfen?«

»Jawohl, Erlaucht, vergeben Sie die Dummheit!«

Der Fürst unterbrach ihn mit seinem unnatürlichen Gelächter. »Nun gut, gut.« Er streckte die Hände aus, die der Verwalter küßte, und ging in sein Kabinett.

Am Abend kamen Fürst Wassil und sein Sohn an. Sie wurden in der Hauptallee empfangen und über den absichtlich mit Schnee zugeworfenen Weg nach dem Schloß geführt, wo besondere Zimmer für sie bereitstanden. Anatol rasierte und parfümierte sich sorgfältig und begab sich in das Zimmer seines Vaters.

»Nein, ohne Scherz, Väterchen, ist sie sehr häßlich, wie?« fragte er französisch, als ob er ein angefangenes Gespräch fortsetzte.

»Unsinn! Die Hauptsache ist, gib dir Mühe, ehrerbietig und vernünftig gegen den alten Fürsten zu sein.«

»Wenn er zu schimpfen anfängt, laufe ich davon«, sagte Anatol, »ich kann solche alte Menschen nicht ausstehen.«

»Erinnere dich, daß für dich alles davon abhängt.«

Inzwischen hatten die kleine Fürstin und Fräulein Bourienne von dem Kammermädchen Mascha alle Einzelheiten erfahren, was für ein rotwangiger, hübscher, junger Mann der Sohn sei, und wie der Alte kaum die Treppe hinaufkommen könne. Mit diesen Neuigkeiten eilten sie zu Marie. »Sie sind gekommen, Marie, wissen Sie!« sagte die kleine Fürstin und ließ sich schwerfällig auf einen Stuhl nieder. Sie trug nicht mehr jene Bluse, in der sie am Morgen erschienen war, sondern eines ihrer besten Kleider und ihr Haar war sorgfältig frisiert. Auch an Mademoiselle Bourienne war eine Veränderung zu bemerken, welche ihr hübsches, frisches Gesicht noch verführerischer machte.

»Bald wird man uns ankündigen, daß die Herren im Salon seien, also ist keine Zeit zu verlieren! Sie sind noch kaum frisiert!«

Die kleine Fürstin und Mademoiselle Bourienne begannen sogleich, sich mit der Toilette Maries zu beschäftigen. Marie war so häßlich, daß nicht einer von ihnen der Gedanke kommen konnte, sie als Rivalin anzusehen. »Nein, meine Liebe, dieses Kleid ist nicht hübsch«, sagte Lisa, »lasse dir ein anderes bringen! Wirklich. Vielleicht handelt es sich um dein Lebensglück! Aber dieses ist zu hell, es steht dir nicht gut.«

Daran war nicht das Kleid schuld, sondern das Gesicht und die ganze Gestalt Maries. Sie vergaßen, daß man ein ängstliches Gesicht nicht ändern kann. Aber als das andere Kleid kam, saß Marie unbeweglich vor dem Spiegel, betrachtete ihr Gesicht und Tränen glänzten in ihren Augen. Die kleine Fürstin nahm das Kleid aus den Händen der Zofe entgegen.

»Nein, lasse mich«, sagte Marie und ihre Stimme klang ernst und traurig. Die kleine Fürstin blickte in die großen, schönen Augen voll Tränen und begriff, daß es unnütz, sogar grausam wäre, darauf zu bestehen. Marie blieb allein in tiefes Nachdenken versunken. »Wünsche nichts für dich! Selbst dein zukünftiges Geschick muß dir unbekannt bleiben, aber lebe so, daß du auf alles gefaßt bist. Wenn es Gott gefällt, dir die Pflichten der Ehe aufzuerlegen, so sei bereit, seinen Willen zu erfüllen«, sagte sie endlich zu sich selbst.

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