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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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44

Im November 1805 hatte der Fürst Wassil eine dienstliche Reise zur Revision in vier Gouvernements zu machen. Diesen Auftrag hatte er sich verschafft, um zugleich seine vernachlässigten Güter zu besichtigen. Er nahm seinen Sohn Anatol mit sich, um den Fürsten Bolkonsky zu besuchen und eine Heirat seines Sohnes mit der Tochter des reichen Grafen zustande zu bringen. Zuvor aber mußte er die Sache mit Peter zu Ende führen. Peter brachte in letzter Zeit ganze Tage zu Hause, das heißt beim Fürsten Wassil zu, bei dem er wohnte. Sein Wesen war in Gegenwart von Helene oft aufgeregt, lächerlich und einfältig, wie das eines Verliebten, aber noch immer hatte er keinen Heiratsantrag gemacht.

»Das ist ganz schön, aber alles muß ein Ende haben«, sagte eines Morgens der Fürst mit einem Seufzer. »Das ist jugendlicher Leichtsinn, aber ich muß ein Ende machen. Übermorgen ist Helenes Namenstag, ich werde eine kleine Gesellschaft einladen, und wenn er nicht begreift, was er tun soll, so werde ich die Sache in die Hand nehmen, ich bin Vater.«

Noch anderthalb Monate nach jener schlaflosen Nacht, wo Peter zu dem Schlusse gekommen war, daß eine Heirat mit Helene für ihn ein Unglück wäre, war er nicht aus dem Hause des Fürsten Wassil weggezogen und sah mit Schrecken, daß er in den Augen der Leute immer enger mit ihr verbunden war. »Aber ich muß doch endlich erkannt haben, wer sie ist? Habe ich mich früher geirrt, oder irre ich mich jetzt? Nein, sie ist nicht dumm, sie ist ein schönes Mädchen«, sagte er zuweilen zu sich selbst. »Sie spricht wenig, aber was sie sagt, ist einfach und klar.« Peter wußte, daß man von ihm erwartete, daß er das entscheidende Wort spreche, aber eine unbeschreibliche Angst hielt ihn von diesem letzten Schritt zurück. Tausendmal sagte er sich: »Was soll daraus werden? Ich muß einen Entschluß fassen.« Aber mit Schrecken sah er ein, daß ihm die Entschlossenheit fehlte. Peter gehörte zu den Leuten, die nur dann stark sind, wenn sie sich ganz rein fühlen, aber von jenem Tage an, als jenes Gefühl des Verlangens bei der Betrachtung der Tabaksdose erwacht war, lähmte ein geheimes Schuldbewußtsein alle seine Entschlossenheit.

Am Namenstag Helenes versammelte sich eine kleine Anzahl der nächsten Verwandten und Bekannten. Alle wußten, daß an diesem Tag das Schicksal Helenes sich entscheiden sollte. Der Fürst war in bester Laune, hatte für jeden ein Scherzwort, mit Ausnahme von Peter und Helene, die er nicht zu bemerken schien, und belebte die ganze Gesellschaft. Hell brannten die Wachskerzen und spiegelten sich in dem glänzenden Silberzeug und Kristall, in dem Schmuck der Damen und den goldenen Epauletten. Man hörte an dem einen Ende der Tafel, wie ein Kammerherr einer bejahrten Baronesse seine glühende Liebe versicherte und wie sie darüber lachte, während am anderen Ende von dem Mißgeschick einer Maria Viktorowna gesprochen wurde. Am oberen Ende der Tafel schien alles in heiterster Laune zu sein, Peter und Helene aber saßen fast am unteren Ende des Tisches, und die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft war nur auf dieses Paar gerichtet, sogar der Schein der Kerzen schien sich auf diese beiden glücklichen Gesichter zu konzentrieren. Peter fühlte, daß er das Zentrum des Ganzen war, was ihn zugleich erfreute und bedrückte, er vermochte nicht deutlich zu sehen, zu hören und zu begreifen.

»Es ist also alles entschieden«, dachte er, »und wie ist das gekommen? So schnell! Aber wie wird es nun werden? Das weiß ich nicht! Aber es wird unfehlbar dazu kommen«, dachte Peter.

Nach Tisch begab man sich in den Salon, und bald begannen die Gäste, sich zu verabschieden.

»Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren«, flüsterte Anna Pawlowna der Fürstin ins Ohr und küßte sie innig. »Wenn ich nicht Migräne hätte, würde ich noch bleiben.«

Die Fürstin gab keine Antwort, sie fühlte sich von Neid über das Glück ihrer Tochter gequält.

Während die Gäste sich verabschiedeten, blieb Peter mit Helene lange Zeit allein in einem kleinen Salon. Er war auch früher während dieser sechs Wochen oft mit Helene allein gewesen, hatte aber niemals mit ihr von Liebe gesprochen. Jetzt fühlte er, daß das unumgänglich nötig sei, konnte sich aber durchaus nicht zu diesem letzten Schritt entschließen. Aber etwas mußte gesagt werden. Er fragte sie, ob sie mit dem heutigen Abend zufrieden sei, und mit ihrer gewöhnlichen Einfachheit erwiderte sie, dieser Namenstag sei für sie einer der schönsten.

Einige Verwandte blieben noch im großen Salon beisammen. Fürst Wassil ging mit langsamen Schritten in das Nebenzimmer. Peter stand auf und sagte, es sei schon spät. Fürst Wassil blickte ihn streng und fragend an, doch bald wurde seine Miene freundlicher, und er zog Peter an der Hand auf den Stuhl neben sich nieder.

»Nun, Helene«, wandte er sich sogleich an seine Tochter und wiederholte eine lächerliche Anekdote, die er eben gehört hatte, verließ dann aber bald wieder das Zimmer mit etwas finsterer Miene. Auch Helenes Gesichtsausdruck schien ihm düsterer geworden zu sein. Als Fürst Wassil wieder in den Saal trat, sprach die Fürstin leise mit einer älteren Dame über Peter.

»Natürlich ist das eine sehr glänzende Partie, aber das Glück, meine Liebe . . .«

»Ehen werden im Himmel geschlossen«, erwiderte die alte Dame.

Fürst Wassil ging vorüber und setzte sich in eine Ecke auf einen Diwan, schloß die Augen und schien einzuschlafen.

»Aline«, sagte er nach einiger Zeit zu seiner Frau, »sieh nach, was sie machen.«

Die Fürstin ging an der Tür vorüber und blickte in den kleinen Salon. Peter und Helene saßen noch dort im Gespräch.

»Immer noch wie bisher«, erwiderte sie ihrem Mann.

Fürst Wassil zog die Augenbrauen zusammen, stand auf, warf den Kopf zurück und ging mit entschlossenen Schritten an den Damen vorüber in den kleinen Salon. Rasch und mit freudiger Bewegung ging er auf Peter zu, sein Gesicht war so ungewöhnlich feierlich, daß Peter halb erschrocken aufstand.

»Gott sei Dank«, rief Fürst Wassil, »meine Frau hat mir alles gesagt.« Er umarmte mit dem einen Arm Peter, mit dem andern seine Tochter. »Mein Freund! Helene! Ich bin sehr, sehr glücklich!« Seine Stimme zitterte. »Wie habe ich deinen Vater geliebt! . . . Und sie wird dir eine gute Frau sein! . . . Gott segne euch!« Er umarmte die Tochter und dann wieder Peter und küßte sie. Wirkliche Tränen flossen über seine Wangen. »Fürstin, komm doch hierher!« rief er. Die Fürstin trat ein und begann auch bald zu weinen, auch die alte Dame zog das Taschentuch heraus. Man küßte Peter, und er küßte mehrmals die Hand der schönen Helene.

Nach einiger Zeit wurden sie wieder allein gelassen.

»Das alles mußte so kommen und konnte nicht anders sein«, dachte Peter, »deshalb ist es überflüssig zu fragen, ob es gut sei oder nicht. Es ist ein Glück, daß die bisherigen quälenden Zweifel ein Ende haben.«

Schweigend hielt Peter die Hand seiner Braut und blickte auf ihren wogenden schönen Busen.

»Helene«, rief er, sich erhebend. Er wußte, daß man bei solchen Gelegenheiten etwas Besonderes sagte, konnte sich aber durchaus nicht erinnern, was das war. Er blickte ihr ins Gesicht, sie trat ihm noch näher und errötete.

Er wollte sich auf ihre Hand bücken und sie küssen, aber mit einer schnellen Bewegung des Kopfes drückte sie ihre Lippen auf die seinen, Ihr Gesicht strahlte.

»Nun ist es zu spät, alles ist entschieden, und ich liebe sie ja auch«, dachte Peter.

»Ich liebe Sie!« rief er. Endlich war ihm eingefallen, was man bei solchen Gelegenheiten zu sagen habe, aber diese Worte klangen so armselig, daß er sich selbst darüber schämte.

Nach sechs Wochen war er verheiratet und zog in das neu renovierte Haus des Grafen Besuchow ein, als glücklicher Besitzer einer schönen Frau und zahlreicher Millionen, wie die Leute sagten.

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