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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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43

Fürst Wassil handelte nicht nach sorgfältig überlegten Plänen und noch weniger dachte er daran, jemand Böses zuzufügen, um sich einen Vorteil zu schaffen. Er war nur ein Mensch, der Erfolg hatte in der Welt und beständig, je nach den Umständen und den Menschen, mit denen er in Berührung kam, in verschiedener Weise handelte, ohne sich selbst Rechenschaft darüber zu geben.

Er verschaffte Peter die Stellung eines Kammerjunkers, welcher damals den Rang eines Staatsrats hatte, und bestand darauf, daß der junge Mann mit ihm zusammen nach Petersburg fahren und in seinem Hause wohnen solle.

Nachdem Peter so unerwartet reich und Graf Besuchow geworden war, nach so langer Einsamkeit und Müßigkeit, fühlte er sich so sehr von Arbeit überladen, daß er nur im Bett allein mit sich selbst sein konnte. Er mußte Papiere unterzeichnen, bei verschiedenen Behörden vortreten, von deren Bedeutung er keinen klaren Begriff hatte, sich mit seinem Hauptverwalter beraten, auf sein Gut fahren und eine Menge Personen empfangen, von deren Dasein er früher keine Ahnung gehabt hatte. Alle diese verschiedenartigen Personen, Geschäftsleute, Verwandte, Bekannte, alle hegten die freundschaftlichsten Gesinnungen für den reichen Erben, und alle schienen von seinem hohen Wert unzweifelhaft überzeugt zu sein. Beständig hörte er Redensarten wie die folgenden: »Bei Ihrer ungewöhnlichen Gutherzigkeit« und »bei Ihrem vortrefflichen Herzen«, oder »wenn er so klug wäre wie Sie«, und so weiter, so daß er selbst anfing, an seine ungewöhnliche Gutherzigkeit und seine seltene Begabung zu glauben. Selbst Leute, welche ihm früher feindlich gesinnt waren, wurden jetzt freundschaftlich und liebenswürdig. Die boshafte, ältere Fürstin kam nach dem Begräbnis zu Peter ins Zimmer und sagte ihm seufzend und mit niedergeschlagenen Augen, sie bedauere sehr die früheren Mißverständnisse und halte sich jetzt nicht für berechtigt, um etwas zu bitten, außer vielleicht um die Erlaubnis, nach dem Schlag, der sie getroffen, noch einige Wochen in dem Hause zu bleiben, das sie so liebte und wo sie so viele Opfer gebracht habe. Dann brach sie in Tränen aus. Peter ergriff erschüttert ihre Hand und bat um Vergebung, ohne zu wissen, wofür. Von diesem Tage an war ihr Wesen ganz verändert.

»Tue das für sie, mein Bester! Sie hat doch viel von dem Verstorbenen gelitten«, sagte Fürst Wassil, indem er Peter ein Papier zugunsten der Fürstin zu unterschreiben gab. Fürst Wassil hatte sich überlegt, diesen Knochen, einen Wechsel über dreißigtausend Rubel, müsse man der armen Fürstin immerhin zuwerfen, damit ihr nicht etwa einfalle, von seinem Anteil an der Geschichte mit der Mosaikmappe zu schwatzen. Peter unterschrieb den Wechsel, und von dieser Zeit an wurde die Fürstin noch geschmeidiger. Auch die jüngeren Schwestern benahmen sich ebenso liebenswürdig gegen ihn, besonders die jüngste, hübsche, mit dem Muttermal, welche Peter durch ihr Lächeln oft in Verwirrung brachte.

Am meisten Einfluß auf Peter hatte um diese Zeit der Fürst Wassil. Seit dem Tode des Grafen Besuchow ließ er ihn nicht aus seinen Händen. Solange er sich noch in Moskau aufhielt, ließ er Peter oft zu sich kommen, oder ging selbst zu ihm und schrieb ihm vor, was er tun müsse, in einem Ton der Ermüdung, als ob er jedesmal sagen wollte: ›Du weißt, ich bin mit Geschäften überhäuft, aber es wäre unbarmherzig, dich so zu verlassen, und du weißt auch, daß das, was ich dir sage, das einzig Richtige ist.‹ »Morgen fahren wir, ich gebe dir einen Platz in meinem Wagen. Hier ist alles Wichtige abgemacht, und ich müßte schon lange in Petersburg sein. Sieh hier, was ich vom Kanzler erhalten habe! Du bist zu dem diplomatischen Korps zugezählt und zum Kammerjunker ernannt worden. Jetzt steht dir die diplomatische Karriere offen. Ach, ja – beinahe hätte ich vergessen – du weißt, mein Lieber, daß ich mit dem Verstorbenen in Rechnung stand. Ich habe von dem Gut bei Räsan etwas erhalten und werde es auch gleich behalten, du hast es nicht nötig, ich werde mich später mit dir berechnen.«

Was Fürst Wassil aus Räsan erhalten hatte, waren einige tausend Rubel Abgaben von den Bauern.

Auch in Petersburg wie in Moskau war Peter von einem Kreis freundschaftlicher, liebenswürdiger Leute umgeben. Er konnte die Stelle nicht ablehnen, die ihm der Fürst verschafft hatte, wenn sie auch nur ein leerer Titel war, und von allen Seiten nahmen ihn Einladungen, Bekanntschaften und Gesellschaften so sehr in Anspruch, daß er nicht zu sich kommen konnte. Er verbrachte seine Zeit mit Diners und Bällen und besonders beim Fürsten Wassil in Gesellschaft der dicken Fürstin, seiner Frau, und seiner Tochter, der schönen Helene.

Bei Beginn des Winters von 1805 auf 1806 erhielt er von der Hofdame Anna Pawlowna Scherer eine Einladung. »Die schöne Helene wird auch bei mir sein«, war darauf bemerkt. Peter hatte zum erstenmal das Gefühl, daß zwischen Helene und ihm sich ein Band bildete, das auch von anderen Leuten wahrgenommen wurde. Die Soiree verlief so wie immer, aber die Neuigkeit, mit der die Hofdame ihre Gäste unterhielt, war nicht mehr Mortemart, sondern ein Diplomat, welcher aus Potsdam angekommen war und die neuesten Einzelheiten über die Anwesenheit des Kaiser Alexander in Potsdam mitbrachte. Peter wurde von der Hofdame mit einer Schattierung von Kummer empfangen, der sich augenscheinlich auf seinen noch neuen Verlust bezog. Sie verstand es vortrefflich, in ihrem Salon verschiedene Kreise zu bilden. Ein großer Kreis, in dem sich Fürst Wassil und einige Diplomaten befanden, hatte den Potsdamer Diplomaten in Beschlag genommen, ein anderer Kreis bildete sich beim Teetisch. Peter wollte sich mit dem ersten vereinigen, aber die Hofdame blickte Peter an und berührte ihn mit dem Finger am Ärmel.

»Warten Sie noch, ich habe heute abend Absichten mit Ihnen.«

Sie blickte nach Helene und lächelte.

»Meine liebe Helene, seien Sie gut gegen meine arme Tante, welche Sie vergöttert. Bleiben Sie noch zehn Minuten bei ihr, und damit Sie sich nicht langweilen, wird der liebenswürdige Graf hier sich nicht weigern, Ihnen zu folgen.«

Die junge Dame ging zur Tante, aber Anna Pawlowna hielt Peter noch zurück, als hätte sie noch eine letzte notwendige Verfügung zu treffen.

»Ist sie nicht entzückend?« fragte sie Peter, auf die majestätische Gestalt des jungen Mädchens deutend. »Welche Haltung! Welcher Takt bei einem so jungen Mädchen! Glücklich derjenige, dem sie zuteil wird! Nicht wahr?«

Peter antwortete mit Aufrichtigkeit bejahend auf diese Frage. Wenn er früher an Helene gedacht hatte, so hatte er sich namentlich ihrer Schönheit und ihres schweigsam würdigen Wesens in der Gesellschaft erinnert.

Die Tante empfing in ihrer Ecke die beiden jungen Leute, aber sie schien ihre Verehrung für Helene verbergen und nur von ihrer Angst vor Anna Pawlowna sprechen zu wollen. Als sie sie verließ, berührte die Hofdame wieder den Ärmel Peters und sagte: »Ich hoffe, Sie werden nicht zum zweitenmal sagen, daß Sie sich bei mir langweilen.« Dann blickte sie lachend Helene an und sagte auf französisch, sie sei sehr erfreut, Helene zu sehen. Darauf wandte sie sich zu Peter mit derselben verbindlichen Miene. Im Lauf des etwas trägen, stockenden Gesprächs blickte Helene Peter mit jenem schönen, hellen Lächeln an, das er schon gewöhnt war, und das für ihn wenig Bedeutung hatte. Die Tante sprach von einer Sammlung von Tabaksdosen, die der verstorbene Graf Besuchow besessen hatte, und zeigte ihre Dose vor. Helene wünschte das Bild ihres Mannes zu betrachten, das auf diese Dose gemalt war. Auch Peter stand auf, um die Dose zu besichtigen, welche die Tante ihm über Helene, die neben ihm saß, hinüberreichte. Helene bog sich etwas vor, um Raum zu geben. Sie trug wie immer ein auf beiden Seiten tief ausgeschnittenes Kleid nach damaliger Mode. Ihr Marmorbusen war seinen Augen so nahe, daß er unwillkürlich die entzückenden Formen ihrer Schultern und ihres Halses betrachtete. Er vernahm bei jeder Bewegung das Knistern ihres Korsetts und fühlte die entzückende Nähe ihres schönen Körpers.

»Sie haben also bis jetzt nicht bemerkt, wie schön ich bin?« schien Helene zu sagen. »Und daß ich ein Weib bin, welches jedem gehören kann und auch Ihnen?« Und in diesem Augenblick fühlte Peter, daß Helene sein werden müsse, daß das nicht anders sein könne. Sie hatte schon Gewalt über ihn erlangt. Als die Hofdame sich näherte, faßte sich Peter und errötete in der Befürchtung, etwas Unpassendes getan zu haben.

»Man sagt, Sie lassen Ihr Haus in Petersburg wieder herstellen?« sagte Anna Pawlowna, während er sich dem großen Kreis näherte. »Das ist gut, aber ziehen Sie nicht von Fürst Wassil fort, es ist gut, einen solchen Freund zu haben, Sie sind noch so jung und haben guten Rat nötig! Sie zürnen mir nicht, daß ich das Vorrecht der alten Damen, offen zu reden, in Anspruch nehme?« Sie schwieg, wie immer Damen erwartend schweigen, wenn sie von ihrem Alter gesprochen haben. »Wenn Sie heiraten, so ist es etwas anderes.«

Peter errötete verlegen.

Zu Hause konnte Peter lange nicht einschlafen. Was war mit ihm geschehen? Er begriff nur, daß Helene, die er als kleines Kind gekannt hatte, eine schöne Dame geworden war und daß sie ihm angehören könne.

»Aber sie ist dumm und hat das selbst gesagt. Und in dem Gefühl, das sie in mir erregte, lag etwas Häßliches, Verbotenes. Man sagt, ihr Bruder Anatol sei verliebt in sie gewesen, und sie in ihn, es hat eine ganze Geschichte gegeben, und Anatol sei deshalb fortgesandt worden. Ihr Bruder ist dieser Hippolyt, schade!« dachte er. Er erinnerte sich der Anspielung der Hofdame, des Fürsten Wassil und anderer und wurde von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken, daß er sich schon zu tief in eine Sache eingelassen habe, die nicht gut sei und die er vermeiden müsse. Dann aber, wenn er zu diesem Schluß kam, erschien ihm wieder das Bild Helenes in seiner entzückenden weiblichen Schönheit.

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