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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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42

Der Wind hatte sich gelegt, schwarze Wolken flossen am Horizont mit dem Pulverrauch zusammen. Es dunkelte. Zwei Dörfer in der Ferne brannten, die Kanonade wurde schwächer, aber das Gewehrfeuer hörte man noch öfter und näher. Sobald Tuschin mit seinen beiden Kanonen sich aus dem Feuer zurückzog und in die Schlucht hinabkam, begegneten ihm die Adjutanten und darunter auch Scherkow, welcher zweimal in die Batterie Tuschins gesandt worden war und sie nicht erreicht hatte. Jetzt überbrachten sie alle, einer nach dem andern, ihre Befehle, machten ihm Vorwürfe und Bemerkungen. Tuschin ritt schweigend weiter. Obgleich befohlen wurde, die Verwundeten aufzugeben, schleppten sich doch viele den Truppen nach. Am Abhang des Berges kam ein bleicher Husarenjunker, welcher mit einer Hand den einen Arm hielt, auf Tuschin zu und bat um einen Platz auf einer Kanone.

»Setzen Sie sich!« sagte Tuschin. »Lege einen Mantel unter, Antonow!« sagte er zu einem Kanonier.

Dieser Junker war Rostow. Der unterlegte Mantel war mit Blut befeuchtet, welches die Hände und die Uniform Rostows befleckte.

Endlich erreichten die Geschütze das Dorf Guntersdorf, wo Halt gemacht wurde. In der Nähe der Artilleristen, welche ihr Lagerfeuer angezündet hatten, saß Fürst Bagration bei Tische in einem für ihn hergerichteten Hause, im Gespräch mit den um ihn versammelten Befehlshabern. Eine erbeutete französische Fahne stand in einer Ecke. Fürst Bagration dankte ihnen und befragte sie nach Einzelheiten des Gefechts.

»Ich habe den Angriff der Pawlogradschen Husaren gesehen, Erlaucht«, bemerkte Scherkow, der aber an diesem Tag von den Husaren keine Spur gesehen hatte und nur erzählte, was er von einem Infanteristen gehört hatte. »Sie haben zwei Karrees gesprengt, Erlaucht!«

Bei diesen Worten Scherkows nahmen viele Mienen einen ernsten Ausdruck an, obgleich die meisten sehr gut wußten, daß kein Wort Scherkows wahr war. Fürst Bagration wandte sich an einen der Obersten. »Ich danke Ihnen, meine Herren! Sie haben sich alle heroisch benommen, die Infanterie wie die Kavallerie und Artillerie. Aber wie kam es, daß im Zentrum zwei Geschütze verlassen wurden?« fragte er. »Ich glaube, ich habe Sie gebeten . . .«, wandte er sich an den Generalstabsoffizier.

»Das eine war beschädigt«, erwiderte dieser, »aber das andere . . . ich begreife nicht! . . . Ich war selbst die ganze Zeit über dort und traf Anordnungen und bin eben erst fortgeritten. Es ist wahr, es ging heiß her«, fügte er bescheiden hinzu.

Jemand bemerkte, der Kapitän Tuschin stehe hier im Dorf und es sei schon nach ihm gesandt worden.

»Sie waren ja auch da«, sagte der Fürst Bagration zu Fürst Andree.

»Gewiß«, bemerkte der Generalstabsoffizier, indem er Bolkonsky freundlich zulächelte, »wir waren einige Zeit dort beisammen.«

»Ich hatte nicht das Vergnügen, Sie zu sehen!« erwiderte Fürst Andree kurz und kalt. Alle schwiegen.

Auf der Schwelle erschien Tuschin, schüchtern und verwirrt vor den Generalen. Einige lachten.

»Wie kam es, daß ein Geschütz zurückgelassen wurde?« fragte Bagration mit finsterer Miene, welche sich jedoch weniger auf den Kapitän als auf das Lachen bezog, in welchem Scherkows Stimme am lautesten vernehmbar war. Jetzt erst, hier vor dem gefürchteten Vorgesetzten, befiel Tuschin Entsetzen darüber, daß er zwei Geschütze verloren habe und noch am Leben sei. In tiefster Verwirrung stand er vor Bagration.

»Ich weiß nicht . . . Erlaucht . . . es waren keine Leute da, Erlaucht!«

»Sie hätten aus der Bedeckung Leute nehmen können.«

Daß keine Bedeckung da war, sagte Tuschin nicht, weil er fürchtete, dadurch einen Vorgesetzten bloßzustellen. Ein ziemlich langes Schweigen trat ein. Fürst Bagration wollte nicht streng auftreten und war unschlüssig, was er sagen sollte. Die übrigen wagten nicht, sich einzumischen. Fürst Andree sah von der Seite Tuschin an und seine Finger zuckten nervös.

»Erlaucht«, begann er endlich mit scharfer Stimme, »Sie haben mich in die Batterie des Kapitän Tuschin geschickt. Ich war dort und fand zwei Drittel der Leute und Pferde am Boden liegen, zwei Geschütze zerschossen und alles ohne Bedeckung.«

Fürst Bagration und Tuschin blickten beide gespannt nach Bolkonsky.

»Und wenn Eure Erlaucht mir erlauben will, meine Meinung auszusprechen«, fuhr er fort, »so muß ich sagen, daß wir den Erfolg des Tages am meisten dieser Batterie und der heroischen Standhaftigkeit des Kapitän Tuschin verdanken.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf und verließ den Tisch.

Fürst Bagration sah Tuschin an. Augenscheinlich wollte er keinen Zweifel an dem scharfen Urteil Bolkonskys aussprechen, war aber auch nicht imstande, vollkommen daran zu glauben. Er nickte Tuschin zu und sagte, er könne gehen. Fürst Andree verließ nach ihm die Hütte.

»Ich danke Ihnen, Sie haben mir herausgeholfen«, sagte Tuschin.

Fürst Andree blickte Tuschin an, ohne ein Wort zu sagen. Er verließ ihn und fühlte sich tief bekümmert. Das alles war so seltsam, so ganz anders, als er gehofft hatte.

Am andern Tag erneuerten die Franzosen ihren Angriff nicht, und der Rest von Bagrations Truppen vereinigte sich mit Kutusows Armee.

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