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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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40

Der Angriff des sechsten Jägerregiments sicherte den Rückzug des rechten Flügels. Im Zentrum war es der vergessenen Batterie Tuschin gelungen. Schöngraben in Brand zu stecken und dadurch die Franzosen aufzuhalten. Die Franzosen suchten das Feuer zu löschen, das der Wind anfachte, und dadurch erhielten die Russen Zeit zum Rückzug. Das Zentrum ging durch die Schlucht rasch und geräuschvoll zurück, jedoch ohne Verwirrung. Aber der linke Flügel, aus dem Podolschen Infanterieregiment und den Pawlogradschen Husaren bestehend, wurde von überlegenen Streitkräften unter General Lannes angegriffen und stark erschüttert. Bagration sandte Scherkow an den General des linken Flügels mit dem Befehl, sich sogleich zurückzuziehen.

Ohne die Hand von der Mütze zu nehmen, galoppierte Scherkow davon. Aber nach kurzer Zeit verließen und verrieten ihn seine Kräfte, ein unüberwindlicher Schrecken überfiel ihn, so daß er nicht dahin zu reiten vermochte, wo es gefährlich war.

Als er die Truppen des linken Flügels erreicht hatte, ritt er nicht weiter vorwärts, wo geschossen wurde, sondern suchte den hier kommandierenden General dort auf, wo er nicht sein konnte, und deshalb überbrachte er ihm den Befehl nicht.

Der Befehl des linken Flügels kam nach dem Dienstalter dem Obersten des Infanterieregiments zu, in welchem Dolochow als Soldat diente. Auf dem äußersten linken Flügel befehligte der Oberst des Pawlogradschen Husarenregiments, in welchem Rostow diente, und infolgedessen entstand ein Mißverständnis. Beide Befehlshaber waren heftig gegeneinander aufgebracht, und während die Franzosen schon zum Angriff schritten, waren sie in hitzigem Wortwechsel begriffen. Die beiden Regimenter waren sehr wenig vorbereitet zum Gefecht. Ruhig fütterten sie die Pferde oder sammelten Holz zum Kochen.

»Wenn er auch im Rang älter ist als ich«, sagte der Deutsche, der Husarenoberst, rot vor Zorn zu dem Adjutanten, »so mag er machen, was er will, aber meine Husaren kann ich nicht opfern. Hornist blase zum Rückzug!«

Die Franzosen hatten die Soldaten überfallen, welche in den Wald nach Holz gegangen waren. Die Husaren konnten sich nicht so schnell zurückziehen wie die Infanterie, sie wurden von ihrer Rückzugslinie abgeschnitten und nach links abgedrängt. So ungünstig die Örtlichkeit war, so waren sie jetzt zum Angriff gezwungen, um sich einen Weg zu bahnen.

Die Schwadron, in welcher Rostow diente, ordnete sich schnell. »Vorwärts, Kinder!« rief Denissow. »Trab! Marsch!« Anfangs sah Rostow die ersten Glieder der Schwadron vor sich und weiterhin dunkle Streifen, die er für den Feind hielt. »Hurra!« riefen die Soldaten. In wilder Aufregung erhob Rostow den Säbel zum Einhauen, aber in diesem Augenblick sah er, wie der vor ihm reitende Husar Nikitenko sich entfernte, und Rostow hatte ein traumhaftes Gefühl, als ob er mit unglaublicher Geschwindigkeit sich weiterbewegte und dennoch zugleich auf der Stelle blieb. Ein anderer Husar, der hinter ihm ritt, überholte ihn und ritt vorüber.

»Was ist das? Ich komme nicht mehr vom Fleck! Bin ich gefallen? . . . Getötet? . . .« fragte sich Rostow. Bald darauf war er allein auf dem Feld und warmes Blut floß unter ihm.

»Nein, ich bin nur verwundet, aber das Pferd ist tot.« Gratschick erhob sich auf die Vorderfüße, fiel aber sogleich wieder zurück und vermochte nicht mehr aufzustehen. Rostow wollte sich erheben, fiel aber auch wieder nieder. Die Säbeltasche hatte sich am Sattel angehakt, und sein Bein konnte er nicht mehr rühren. Er wußte nicht, wo das Regiment und wo die Franzosen waren. Um ihn her war es still geworden.

Nachdem er endlich sein Bein befreit hatte, erhob er sich und betrachtete seinen linken Arm, welcher ihm nicht mehr gehorchen wollte. »Da sind Leute, sie werden mir helfen. Aber sind das nicht Franzosen?« Noch zwei oder drei Reiter kamen auf ihn zu, und jetzt erschien ihm die Nähe der Feinde so entsetzlich, daß er seinen Augen nicht glauben wollte. »Kommen sie zu mir, und warum wollen sie mich töten, mich, den alle so sehr lieben?« Er erinnerte sich an die Liebe seiner Mutter und Familie und Freunde, und die Absicht der Feinde, ihn zu töten, erschien ihm unmöglich. Mehr als zehn Sekunden stand er regungslos, ohne seine Lage zu begreifen. Der vorderste war schon so nahegekommen, daß Rostow sein Gesicht erkennen konnte. Er ergriff die Pistole, aber anstatt zu schießen, warf er damit nach den Franzosen und lief, so schnell er konnte, auf ein Gebüsch zu. Als er sich umblickte, sah er, wie die Franzosen zurückblieben, der vorderste wandte sich um und rief den anderen Leuten etwas zu. Rostow blieb verwundert stehen. Sein linker Arm war zentnerschwer, er konnte nicht weiter fliehen. Der Franzose hielt auch an und zielte. Rostow bückte sich, und eine Kugel flog brummend über ihn weg. Mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte erreichte er das Gebüsch, wo er russische Schützen vorfand.

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