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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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38

Fürst Andree hielt zu Pferde in der Batterie und sah nach dem Rauch des Geschützes, aus welchem die Kugel gekommen war. Seine Augen schweiften über die Ebene hin. Er sah nur, daß die bisher unbeweglichen Massen der Franzosen sich in Bewegung setzten und daß links wirklich eine Batterie stand. In dieser erhob sich wieder eine kleine Rauchwolke, zwei Reiter, wie es schien Adjutanten, ritten den Berg hinauf. Wahrscheinlich zur Verstärkung der Kette rückten zwei kleine Kanonen des Feindes vor. Noch war der Rauch des ersten Schusses nicht verflogen, als eine zweite Rauchwolke sich erhob, von dem Donner des Geschützes gefolgt. Fürst Andree wandte sein Pferd und galoppierte zurück nach Grunt, um den Fürsten Bagration aufzusuchen. Er hörte, wie die Kanonade lauter und heftiger wurde. Die Unsrigen antworteten.

Napoleons Adjutant mit dem scharfen Brief war eben bei Murat angekommen, und dieser erkannte beschämt seinen Irrtum. Um ihn wieder gutzumachen, setzte er sogleich seine Truppen gegen das Zentrum in Bewegung und suchte die geringfügige, ihm gegenüberstehende Streitmacht auf beiden Flanken zu umfassen, in der Hoffnung, sie noch vor Ankunft des Kaisers zu vernichten.

»Es geht los«, dachte Fürst Andree und fühlte, wie sein Blut zum Herzen strömte, »aber wo werde ich wie Napoleon einst bei Toulon meine Gelegenheit zur Bewährung und Auszeichnung finden?« Als er an den Soldaten vorüberritt, welche vor vier Stunden Grütze aßen und Wasser tranken, sah er überall dieselben raschen Bewegungen und auf allen Gesichtern dieselbe Aufregung, welche auch in seinem Herzen herrschte. »Es geht los, schrecklich und fröhlich!« sagten die Gesichter jedes Soldaten und Offiziers. Noch ehe er wieder die Schanze erreichte, erblickte er im Abendlicht des düsteren Herbsttages einen Haufen Reiter, die ihm entgegenkamen. Der vorderste in Mantel und Mütze ritt auf einem weißen Roß. Das war Fürst Bagration. Als er Fürst Andree erblickte, nickte er ihm mit dem Kopf zu und blickte in die Ferne, während Fürst Andree ihm mitteilte, was er gesehen hatte. Sie ritten zu derselben Batterie, von welcher aus Bolkonsky das Schlachtfeld überschaut hatte.

»Welche Batterie?« fragte Fürst Bagration einen Feuerwerker. In Wirklichkeit meinte er: »Seid ihr nicht etwa ängstlich geworden?« Der Feuerwerker begriff das.

»Batterie Tuschin, Exzellenz!« schrie er mit lauter Stimme.

»Gut«, erwiderte Bagration und ritt zu dem äußersten Geschütz. In demselben Augenblick donnerte ein Schuß aus demselben. Durch den Rauch, welcher das ganze Geschütz einhüllte, sah man die Artilleristen, wie sie die Kanone ergriffen und rasch wieder auf ihre frühere Stelle vorschoben. Ein kleiner, schmächtiger Mann, Offizier Tuschin, ritt vorwärts, ohne den General zu bemerken, und sah unter seiner kleinen Hand in die Ferne.

»Gebt noch zwei Linien zu, dann wird es richtig sein!« rief er mit seiner dünnen Stimme. »Nummer zwei«, quiekte er.

Bagration rief den Offizier zu sich, und Tuschin kam schüchtern, mit ungeschickten Bewegungen. Er grüßte nicht militärisch, sondern so, wie ein Geistlicher den Segen erteilt. Obgleich Tuschins Geschütze dazu bestimmt waren, die Schlucht zu bestreichen, schoß er doch mit Brandgranaten nach dem vor ihm liegenden Dorf Schöngraben, vor welchem sich große Massen von Franzosen bewegten.

Niemand hatte Tuschin befohlen, wohin und womit er schießen solle. Er hatte sich mit seinem Feldwebel beraten, zu dem er großes Zutrauen hatte, und beschlossen, es sei am besten, das Dorf in Brand zu schießen.

»Gut«, sagte Bagration auf die Meldung des Offiziers und überblickte nachdenklich das Schlachtfeld. Zur rechten Seite rückten die Franzosen vor, unter der Anhöhe, auf welcher das Kiewsche Regiment stand, am Flußufer hörte man das unaufhörliche Knattern des Gewehrfeuers, und noch weiter rechts, hinter den Dragonern, zeigte ein Adjutant dem Fürsten eine französische Kolonne, welche unsern Flügel umging. Zur linken wurde die Aussicht durch den nahen Wald begrenzt. Fürst Bagration ließ zwei Bataillone in die Schanze zur Rechten rücken. Der Adjutant erlaubte sich zu bemerken, daß durch das Abrücken dieser Bataillone die Geschütze ohne Bedeckung blieben. Fürst Bagration wandte sich um und blickte den Adjutanten schweigend mit trüben Augen an. Fürst Andree hielt diese Bemerkung des Adjutanten für richtig, aber in diesem Augenblick kam ein Adjutant des Regiments, das im Hohlweg stand, mit der Nachricht, starke Massen von Franzosen hätten das Regiment erschüttert und es habe sich zu den Kiewschen Grenadieren zurückgezogen. Bagration nickte zustimmend, ritt im Schritt nach rechts und sandte den Adjutanten zu den Dragonern mit dem Befehl, die Franzosen anzugreifen. Nach einer halben Stunde aber kam der Adjutant zurück mit der Nachricht, die Dragoner hätten sich bereits auf die andere Seite des Hohlwegs zurückgezogen, weil sie durch das feindliche Feuer starken Verlust erlitten hätten.

Während Bagration von der Batterie zurücktrat, hörte man auch links im Walde Schüsse, und da es zu weit bis zur linken Flanke war, sandte Fürst Bagration seinen Ordonnanzoffizier Scherkow mit dem Auftrag an den General, sich so schnell als möglich hinter den Hohlweg zurückzuziehen, weil die rechte Flanke wahrscheinlich nicht imstande sein werde, sich lange gegen den Feind zu halten. Tuschin und das Bataillon, das ihm zur Bedeckung diente, wurde vergessen.

Fürst Andree hörte aufmerksam auf die Gespräche Bagrations mit dem Anführer und auf die ihm erteilten Befehle, und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß keine Befehle erteilt wurden und daß Fürst Bagration sich nur das Ansehen zu geben suchte, als ob alles nach den Erfordernissen des Augenblicks und nach dem Willen des Befehlshabers geschehe, daß alles, wenn nicht auf seinen Befehl, so doch im Einklang mit seinen Absichten geschehe. Dank dem Takt des Fürsten Bagration bemerkte Fürst Andree, daß ungeachtet der Zufälligkeiten und ihrer Unabhängigkeit vom Willen des Oberbefehlshabers seine Anwesenheit eine außerordentlich große Wirkung hatte. Die Befehlshaber, welche dem Fürsten Bagration mit ratlosen Gesichtern entgegenritten, wurden ruhig, die Soldaten und Offiziere begrüßten ihn fröhlich, lebten auf in seiner Gegenwart.

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