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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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35

Kutusow hatte in Krems an der Donau am 1. November durch Kundschafter eine Nachricht erhalten, nach welcher seine Armee sich in einer verzweifelten Lage befand. Ein Spion meldete, die Franzosen hätten mit bedeutenden Kräften die Brücke bei Wien überschritten und bedrohten die Verbindungen Kutusows mit den Truppen, die aus Rußland kommen sollten. Wenn Kutusow bei Krems an der Donau blieb, so würde er von Napoleon mit hundertfünfzigtausend Mann abgeschnitten, und seine Armee befand sich in derselben Lage wie Mack bei Ulm. Wenn aber Kutusow seine Verbindung mit Rußland aufgab, so mußte er sich in die unwegsamen böhmischen Wälder zurückziehen und jede Hoffnung auf Vereinigung mit Buxhöwden aufgeben. Wenn aber Kutusow sich entschloß, auf dem Wege von Krems auf Olmütz sich zurückzuziehen, um die Verstärkungen aus Rußland an sich zu ziehen, so riskierte er, daß ihm auf diesem Wege die Franzosen zuvorkamen, die von Wien aus nördlich marschierten, und auf diese Weise genötigt zu sein, sich gegen einen Feind zu schlagen, der ihm an Zahl weit überlegen war und ihn von allen Seiten einschließen konnte. Kutusow wählte diesen letzteren Weg.

Wie der Kundschafter meldete, marschierten die Franzosen in Eilmärschen auf Znaim, das auf dem Wege von Krems nach Olmütz, der Rückzugslinie Kutusows, lag und hundert Kilometer von Krems entfernt ist. Wenn er Znaim vor den Franzosen erreichte, so war Hoffnung auf Rettung der Armee vorhanden, wenn er die Franzosen aber sich zuvorkommen ließ, so war das der Untergang. Den Franzosen aber mit der ganzen Armee zuvorzukommen war unmöglich, der Weg der Franzosen von Wien nach Znaim war kürzer und besser als der Weg der Russen von Krems nach Znaim.

Noch in der Nacht nach Empfang dieser Nachricht sandte Kutusow Bagration nach rechts über die Berge, um sich auf dem Wege zwischen Wien und Znaim aufzustellen, mit dem Gesicht nach Wien und mit dem Rücken nach Znaim. Und wenn es ihm gelang, den Franzosen zuvorzukommen, so sollte er sich so lange halten, wie er konnte. Kutusow selbst marschierte mit der ganzen Bagage nach Znaim. Bagration marschierte mit seinen hungrigen, erschöpften Soldaten über die unwegsamen Berge in der stürmischen Nacht fünfundvierzig Kilometer weit und verlor den dritten Teil seiner Mannschaft an Nachzüglern, aber er traf in Hollabrunn auf der Strecke von Wien nach Znaim einige Stunden vor den Franzosen ein, die von Wien her auf Znaim marschierten. Kutusow aber hatte noch vierundzwanzig Stunden mit seiner Bagage nötig, um Znaim zu erreichen. Also mußte Bagration mit seinen hungrigen Soldaten vierundzwanzig Stunden lang die ganze feindliche Armee aufhalten, was augenscheinlich unmöglich war.

Aber das launische Schicksal machte das Unmögliche möglich. Der Erfolg jenes Betrugs, der den Franzosen ohne Kampf die Wiener Brücke überlieferte, veranlaßte Murat zu einem Versuch, auch Kutusow zu betrügen. Murat stieß mit der französischen Vorhut auf die schwache Heeresabteilung Bagrations auf der Straße nach Znaim und glaubte, er habe die ganze Armee Kutusow vor sich. Um diese Armee ganz sicher zu vernichten, erwartete er die Ankunft weiterer Truppen aus Wien, und in dieser Absicht schlug er einen Waffenstillstand von drei Tagen vor unter der Bedingung, daß beide Teile ihre Stellung nicht verändern und sich nicht von der Stelle rühren sollten. Murat versicherte, es seien schon Friedensverhandlungen im Gang, und um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, schlage er eine Waffenruhe vor. Der österreichische General, Graf Nostiz, glaubte dem Parlamentär Murats und zog sich zurück. Ein anderer Parlamentär kam an die russischen Vorposten und überbrachte dieselbe Nachricht von den Friedensverhandlungen und dem Vorschlag einer Waffenruhe auf drei Tage. Bagration sagte, er könne diesen Vorschlag weder annehmen noch ablehnen und sandte seinen Adjutanten an Kutusow mit der Meldung darüber ab.

Die Waffenruhe war für Kutusow das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen, die Bagage fortzuschaffen. Deshalb sandte Kutusow sogleich den Generaladjutanten Wintzingerode in das feindliche Lager mit dem Auftrag, nicht nur die Waffenruhe anzunehmen, sondern auch über eine Kapitulation zu verhandeln. Zugleich aber sandte Kutusow seinen Adjutanten zurück, um den Marsch der ganzen Armee und der Bagage auf Krems und Olmütz soviel als möglich zu beschleunigen.

Die Erwartung Kutusows, daß die Verhandlungen über die Kapitulation, die zu nichts verpflichteten, ihm Zeit geben würden, die Bagage fortzuschaffen, traf zu, nicht minder aber auch die Überzeugung, daß der Mißgriff Murats sehr bald erkannt werden würde. Sobald Bonaparte in Schönbrunn, nur fünfundzwanzig Kilometer von Hollabrunn entfernt, die Meldung Murats über die vorgeschlagene Waffenruhe und Kapitulation erhielt, merkte er sofort die beabsichtigte Täuschung und schrieb einen scharfen Brief an Murat.

Schönbrunn, den 25. Brumaire 1805, acht Uhr abends.

Ich finde keine Worte, um Ihnen mein Mißvergnügen auszudrücken. Sie haben nur die Vorhut zu kommandieren und kein Recht, ohne meinen Befehl eine Waffenruhe eintreten zu lassen. Sie bringen mich um die Früchte meines ganzen Feldzuges! Sofort brechen Sie die Verhandlungen ab und greifen Sie den Feind an! Erklären Sie ihm, der General, der diese Kapitulation unterschrieben habe, sei nicht dazu berechtigt gewesen, und niemand, außer dem russischen Kaiser, habe das Recht dazu!

Wenn der russische Kaiser die Bedingungen annimmt, so bin ich auch einverstanden. Aber der vorliegende Fall ist nichts anderes als eine Kriegslist. Deshalb greifen Sie die russische Armee an und vernichten Sie sie! Sie können ihre Bagage und Artillerie wegnehmen. Der Generaladjutant ist ein Betrüger! Die Offiziere sind ganz ohne Bedeutung, wenn sie keine Vollmacht haben, und dieser hat keine. Die Österreicher ließen sich bei der Wiener Brücke betrügen, Sie aber lassen sich von dem Adjutanten des russischen Kaisers betrügen!

Napoleon.«

Ein Adjutant galoppierte mit diesem schroffen Brief an Murat schleunigst davon, und Bonaparte, der sich auf seine Generale nie verließ, eilte mit der ganzen Garde nach dem Schlachtfeld, in der Befürchtung, die sichere Beute zu verlieren. Die Russen unter Bagration aber machten vergnügt Feuer an und kochten zum erstenmal seit drei Tagen ihre Grütze. Keiner hatte eine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand.

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