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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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33

Als Kaiser Franz heraustrat, blickte er Fürst Andree durchdringend an, welcher an dem ihm angegebenen Ort zwischen den österreichischen Offizieren stand, und nickte ihm mit seinem langen Kopf zu. Dann teilte der höfliche Flügeladjutant Bolkonsky mit, der Kaiser wünsche ihm eine Audienz zu geben.

Kaiser Franz empfing ihn mitten im Zimmer stehend. Noch ehe Fürst Andree sprach, war er erstaunt über die Verwirrung des Kaisers, welcher nicht zu wissen schien, was er sagen wollte, und errötete.

»Wann begann das Gefecht?« fragte er hastig.

Fürst Andree antwortete darauf. Dann folgten noch andere, ebenso einfache Fragen. »Ist Kutusow gesund? Wann ist er aus Krems abmarschiert?« und so weiter. Der Kaiser sprach so, als ob er nur die Absicht habe, eine gewisse Anzahl Fragen zu stellen, die Antworten auf diese Fragen interessierten ihn allem Anschein nach nur wenig.

»Um wieviel Uhr begann das Gefecht?« fragte der Kaiser.

»In Dürrenstein, wo ich mich befand, begannen die Truppen den Angriff um sechs Uhr abends«, sagte Bolkonsky. Er wurde lebhafter und glaubte, er werde jetzt eine Schilderung alles dessen, was er wußte und gesehen hatte, die er im Kopfe schon bereit hatte, ausführen können. Aber der Kaiser unterbrach ihn lächelnd.

»Wieviel Meilen?«

»Woher und wohin, Majestät?«

»Von Dürrenstein nach Krems?«

»Drei und eine halbe Meile, Majestät!«

»Haben die Franzosen das linke Ufer geräumt?«

»Wie die Kundschafter meldeten, sind in der Nacht die Letzten auf Flößen übergegangen.«

»Ist genug Furage in Krems?«

»Furage wurde nicht in der Menge geliefert . . .«

Der Kaiser unterbrach ihn. »Um wieviel Uhr fiel General Schmidt?«

»Ich glaube, um sieben Uhr.«

»Um sieben Uhr! Sehr traurig! Sehr traurig!«

Der Kaiser sagte, er danke und verneigte sich ein wenig. Fürst Andree ging und wurde sogleich von Höflingen umgeben. Von allen Seiten kamen freundliche Blicke und freundliche Worte. Der höfliche Flügeladjutant machte ihm Vorwürfe, daß er nicht im Schloß geblieben sei, und bot ihm sein Haus an, der Kriegsminister trat auf ihn zu und gratulierte ihm zum Maria-Theresia-Orden dritter Klasse, welchen ihm der Kaiser verliehen hatte. Ein Kammerherr der Kaiserin lud ihn zu Ihrer Majestät ein, auch eine Erzherzogin wünschte ihn zu sehen. Er wußte nicht, wem er antworten sollte und brauchte einige Augenblicke, um sich zu fassen. Der russische Gesandte ergriff ihn an der Schulter, führte ihn zum Fenster und begann mit ihm zu sprechen.

Die Nachrichten, die Fürst Andree gebracht hatte, waren freudig aufgenommen worden. Es wurde ein Dankgottesdienst befohlen, und Kutusow wurde das Großkreuz des Maria-Theresia-Ordens verliehen. Die ganze Armee erhielt Belohnungen. Von allen Seiten erhielt Bolkonsky Einladungen und mußte den ganzen Morgen Besuche bei hohen Würdenträgern machen. Nachdem er die Besuche beendigt hatte, kehrte er nach Hause, zu Bilibin, zurück. Vor der Haustür stand ein leichter Reisewagen bis zur Hälfte mit Koffern beladen, und Franz, der Diener Bilibins, kam aus der Tür heraus und zog mühsam einen Koffer nach sich.

»Was ist das?« fragte Bolkonsky.

»Ach, Erlaucht«, antwortete Franz, indem er mühsam den Koffer auflud, »wir fahren noch weiter! Der Bösewicht ist den Unsrigen schon wieder auf den Fersen.«

Bilibin kam ihm mit aufgeregter Miene entgegen.

»Nein, wirklich ausgezeichnet!« sagte er. »Diese Geschichte mit der Taborbrücke! Sie haben sie ohne allen Widerstand überschritten!«

Fürst Andree begriff nichts.

»Woher kommen Sie, daß Sie nicht wissen, was schon alle Kutscher in der Stadt wissen?«

»Ich komme von der Erzherzogin, dort habe ich nichts gehört.«

»Und Sie haben nicht gesehen, daß man überall einpackt?«

»Nichts habe ich gesehen. Was gibt es denn?« fragte Fürst Andree ungeduldig.

»Was es gibt? Die Franzosen haben die Brücke überschritten, welche Auersperg verteidigen sollte. Die Brücke ist nicht zerstört worden, so daß Murat jetzt in Eilmärschen sich Brünn nähert. Heute oder morgen wird er hier sein!«

»Hier? Warum hat man nicht die Brücke zerstört, da sie doch unterminiert war?«

Bilibin zuckte mit den Achseln.

»Und wenn die Brücke überschritten ist, so ist auch die Armee verloren; sie wird abgeschnitten«, sagte Bolkonsky.

»Das ist ja eben die Geschichte«, sagte Bilibin. »Hören Sie! Die Franzosen rücken in Wien ein, wie ich Ihnen sagte. Schon am anderen Tage, also gestern, setzen sich die Marschälle Murat, Lannes und Bellard zu Pferd und reiten an die Brücke. ›Meine Herren‹, sagt der eine, ›Sie wissen, daß die Taborbrücke unterminiert ist und durch einen großen Brückenkopf verteidigt wird, mit fünfzehntausend Mann, welche den Befehl haben, die Brücke zu zerstören und uns nicht durchzulassen. Aber unserem Kaiser Napoleon würde es angenehm sein, wenn wir diese Brücke nehmen würden.‹ – ›Wir drei werden sie nehmen‹, sagten die anderen, und so ritten sie ab, nahmen die Brücke, überschritten sie und jetzt marschiert die ganze feindliche Armee diesseits der Donau gegen uns und unsere Verbündeten.«

»Scherzen Sie nicht«, sagte Fürst Andree ernst.

Diese Nachricht war traurig für ihn und doch zugleich angenehm. Sobald er erfuhr, daß die russische Armee sich in einer so hoffnungslosen Lage befand, kam ihm der Gedanke, er sei berufen, sie daraus zu befreien.

»Scherzen Sie nicht«, sagte Fürst Andree.

»Ich scherze nicht«, fuhr Bilibin fort, »es ist vollkommen wahr, so traurig es auch ist. Die Herren Marschälle ritten also an die Brücke und schwangen weiße Taschentücher. Sie versicherten, es sei ein Waffenstillstand abgeschlossen worden, und sie seien gekommen, um mit dem Fürsten Auersperg zu verhandeln. Der Offizier an der Brücke läßt sie in den Brückenkopf ein, sie erzählen ihm tausenderlei schwindelhafte Neuigkeiten, der Krieg sei beendigt, Kaiser Franz werde mit Bonaparte eine Zusammenkunft haben und sie wünschten den Fürsten Auersperg zu sprechen, und so weiter. Der Offizier sendet nach Auersperg, die Franzosen plaudern, die Offiziere setzen sich zum Scherz auf die Kanonen und inzwischen marschiert ein feindliches Bataillon unbemerkt auf die Brücke, wirft die Säcke mit Brennmaterial ins Wasser und kommt bis an den Brückenkopf. Endlich erscheint der Generalleutnant selbst, unser lieber Fürst Auersperg.

»Verehrter Feind, Blüte des österreichischen Heeres, Held der Türkenkriege, der Krieg ist zu Ende! Wir können einander die Hand bieten, der Kaiser Napoleon hat den lebhaften Wunsch, den Fürsten Auersperg kennenzulernen.‹ Mit einem Wort, diese Herren beschwatzten Auersperg mit ihren schönen Worten, und er ist so entzückt von dieser Intimität, von dieser plötzlichen Bekanntschaft mit den französischen Marschällen und so geblendet von dem Anblick der Straußfedern Murats, daß ihm der Kopf schwindelt. Das französische Bataillon läuft in den Brückenkopf, vernagelt die Kanonen und die Brücke ist genommen. Und was das beste dabei ist, der Sergeant, welcher an der Kanone stand, auf deren Signal die Brücke in die Luft gesprengt werden sollte, dieser Sergeant sah, wie die Franzosen über die Brücke kamen und wollte schon schießen, aber Lannes stieß seine Hand zurück. Der Sergeant, welcher augenscheinlich klüger war als sein General, ging auf Auersperg zu und sagte: ›Fürst, man betrügt Sie! Da sind die Franzosen!‹ Murat sah, daß das Spiel verloren war, wenn er diesen Sergeanten zu Worte kommen ließ. Mit verstellter Verwunderung wandte er sich an Auersperg. ›Ich erkenne die vielgerühmte österreichische Disziplin nicht wieder‹, sagte er, ›und Sie erlauben einem Unteroffizier, so mit Ihnen zu sprechen?‹ Das war genial! Fürst Auersperg fühlte sich beleidigt und ließ den Unteroffizier arretieren. Ist das nicht ausgezeichnet – diese Geschichte mit der Brücke?«

»Ist das nicht Verrat?« fragte Fürst Andree, indem er sich lebhaft die grauen Mäntel, den Pulverdampf, den Kanonendonner und den Ruhm vorstellte, die ihn erwarteten.

»Nein, das ist kein Verrat, das ist nur kolossale Dummheit! Aber wohin?« fragte Bilibin Fürst Andree, der nach seinem Zimmer ging.

»Ich reise ab.«

»Wohin?«

»Zur Armee.«

»Aber Sie wollten ja zu Mittag bleiben?«

»Nein, jetzt muß ich gleich abreisen.«

Fürst Andree traf sogleich Vorbereitungen zur Abfahrt.

»Wissen Sie, mein Lieber«, sagte Bilibin, als er zu ihm ins Zimmer trat, »ich habe darüber nachgedacht. Warum wollen Sie abreisen?«

Fürst Andree blickte ihn fragend an.

»Warum wollen Sie abreisen? Ich weiß, Sie halten es für Ihre Pflicht, jetzt zur Armee zu gehen, weil sie in Gefahr ist. Das begreife ich, mein Lieber, das ist Heroismus.«

»Keineswegs«, erwiderte Fürst Andree.

»Aber Sie sind Philosoph, also seien Sie es auch ganz. Sehen Sie die Sache von der andern Seite an und Sie werden finden, daß es im Gegenteil Ihre Pflicht ist, sich zu erhalten. Sie haben keinen Befehl, zurückzukehren, und von hier hat man Sie nicht entlassen, also können Sie hierbleiben und mit uns weiterreisen, wohin uns unser unglückliches Schicksal führt. Man sagt, wir gehen nach Olmütz. Das ist ein sehr niedliches Städtchen, und wir fahren ganz gemütlich in meiner Kalesche dahin.«

»Genug der Scherze, Bilibin«, erwiderte Bolkonsky.

»Ich spreche im Ernst und aus Freundschaft. Überlegen Sie einmal, welchen Nutzen bringt es, wenn Sie jetzt abreisen, während Sie hierbleiben können? Entweder erreichen Sie die Armee gar nicht, oder der Frieden wird abgeschlossen, oder die ganze Armee Kutusows wird zersprengt.«

»Ich habe nichts zu überlegen«, sagte Fürst Andree kalt. ›Ich muß abreisen, um die Armee zu retten‹, dachte er innerlich.

»Mein Lieber, Sie sind ein Held«, erwiderte Bilibin.

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