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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 258
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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Epilog

1

Die Hochzeit Natalies, die im Jahre 1813 Besuchow heiratete, war das letzte freudige Ereignis für die Familie des alten Grafen Rostow. Dieser starb in demselben Jahre, und die alte Gräfin wurde nach seinem Tode sehr hinfällig.

Die Ereignisse des letzten Jahres, die Flucht aus dem brennenden Moskau, der Tod des Fürsten Andree, die Verzweiflung Natalies, der Tod des kleinen Petja, der Kummer der Gräfin – alles das traf Schlag auf Schlag das Haupt des alten Grafen. Er schien nicht imstande zu sein, die Bedeutung aller dieser Ereignisse zu begreifen. Bald war er erschrocken und kleinmütig, bald unnatürlich lebhaft und unternehmend. Die Hochzeit Natalies nahm ihn sehr in Anspruch, er arrangierte Diners und Abendgesellschaften und suchte heiter zu erscheinen, aber seine Heiterkeit erregte nur Mitleid bei denen, die ihn kannten und liebten. Nach der Abreise Peters mit seiner Frau wurde er still und klagte über Kummer, wenige Tage darauf erkrankte er und legte sich zu Bett. Trotz der tröstlichen Versicherungen der Ärzte begriff er schon am ersten Tage, daß er nicht mehr aufstehen werde. Die Gräfin brachte zwei Wochen, ohne sich zu entkleiden, an seinem Bett zu. So oft sie ihm Medizin reichte, küßte er schluchzend ihre Hand. Am letzten Tage bat er seine Frau und seinen abwesenden Sohn weinend um Verzeihung wegen der Vernichtung seines Vermögens. Nachdem er das Abendmahl genommen, starb er ruhig, und am anderen Tage erfüllte eine Menge von Bekannten die Mietswohnung des Grafen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Alle diese Bekannten, die so oft bei ihm gespeist und getanzt und so oft über ihn gelacht hatten, wiederholten jetzt einstimmig mit tiefer Rührung: »Wie er auch war, er war ein vortrefflicher Mensch! Solche Leute findet man heutzutage nicht mehr . . . Und wer hat nicht seine Schwächen . . .?« Gerade zu der Zeit, wo die Umstände des Grafen so zerrüttet waren, daß man sich nicht vorstellen konnte, wie das enden würde, wenn es noch ein Jahr dauerte, starb er unerwartet.

Nikolai war mit dem russischen Heere in Paris, als er die Nachricht vom Tode des Vaters erhielt. Sogleich reichte er seinen Abschied ein, und ohne ihn abzuwarten, nahm er Urlaub und reiste nach Moskau. Einen Monat nach dem Tode des Grafen hatten sich die Vermögensverhältnisse vollständig geklärt. Jedermann war erstaunt über die Ungeheuerlichkeit der Summe verschiedener kleiner Schulden, von denen niemand eine Ahnung gehabt hatte. Es waren doppelt so viele Schulden als Vermögen vorhanden.

Verwandte und Freunde rieten Nikolai, auf die Erbschaft zu verzichten, aber Nikolai wollte nichts davon hören, weil er darin einen Vorwurf für das ihm heilige Andenken seines Vaters sah, und übernahm die Erbschaft und die Verpflichtung, die Schulden zu bezahlen. Die Gläubiger, die so lange geschwiegen hatten unter dem unbestimmten, aber mächtigen Einfluß seines gutmütigen Wesens, reichten plötzlich fast alle Klagen ein, selbst solche Leute wie Mitenka und andere, die Wechsel als Geschenk erhalten hatten, waren jetzt die ungestümsten Gläubiger. Man ließ Nikolai keine Zeit und keine Ruhe, und diejenigen, welche den Alten bemitleideten, der ihre Interessen geschädigt hatte, stürzten sich jetzt rücksichtslos auf den unschuldigen Erben, der es freiwillig übernommen hatte, für Zahlung zu sorgen. Keine von Nikolai beabsichtigte Operation gelang, das Gut wurde unter dem Hammer verkauft für die Hälfte des Wertes und dennoch blieb die Hälfte der Schulden unbezahlt. Nikolai nahm die ihm von seinem Schwager Besuchow angebotenen dreißigtausend Rubel an, um einen Teil der Schulden zu bezahlen, den er für wirkliche Schulden erkannte, aber um wegen der übrigen Schulden nicht ins Gefängnis zu kommen, womit ihm die Gläubiger drohten, trat er in den Staatsdienst.

Es war nicht daran zu denken, wieder in die Armee einzutreten, wo er bei der ersten Vakanz Regimentskommandeur geworden wäre, weil seine Mutter sich an den Sohn als ihre letzte Lebenshoffnung anklammerte. Ungeachtet seines Widerwillens, in Moskau zu bleiben, im Kreis der Leute, die ihn früher gekannt hatten, und ungeachtet seines Abscheus vor dem Zivildienst, nahm er in Moskau eine Stelle an, zog die geliebte Uniform aus und bezog mit seiner Mutter und Sonja eine kleine Wohnung.

Natalie und Peter lebten in Petersburg und hatten keinen klaren Begriff von der Lage Nikolais. Diese wurde besonders dadurch erschwert, daß er von seinen zwölfhundert Rubeln Gehalt nicht nur sich selbst, Sonja und die Mutter ernähren sollte, sondern auch noch viele andere Ausgaben machen mußte, weil er seine Mutter die Armut nicht bemerken lassen wollte. Sie war an Luxus gewöhnt, verlangte bald eine Equipage, bald eine neue Speise und Wein, bald Geld, um Natalie, Sonja und ihrem Sohn selbst eine Überraschung zu kaufen.

Sonja führte die Haushaltung, pflegte die Tante, las ihr vor und ertrug ihre Launen und ihre versteckte Abneigung. Nikolai fühlte sich ihr tief verschuldet für alles, was sie für seine Mutter tat, er rühmte ihre Geduld und Ergebenheit, bemühte sich aber, sich von ihr fernzuhalten.

Es war ihm peinlich, daß sie so vollkommen war, daß er ihr nichts vorwerfen konnte, und je mehr er sie schätzte, desto weniger liebte er sie. Er hatte sie beim Wort genommen, als sie durch ihren Brief ihm die volle Freiheit wiedergab, und jetzt war sein Verhalten gegen sie so, als ob alles, was zwischen ihnen einst vorgefallen war, längst vergessen sei und sich nie wiederholen könne. Nikolais Lage verschlimmerte sich immer mehr und mehr, die Hoffnung, daß er von seinem Gehalt etwas ersparen könne, erwies sich als trügerisch, er hatte sogar zur Befriedigung der Wünsche seiner Mutter noch kleine Schulden gemacht. Nirgends zeigte sich ihm ein Ausweg. Der Gedanke an eine reiche Heirat, die ihm seine Verwandten vorschlugen, war ihm widerlich. Er wünschte nichts und hoffte nichts, in seinem Innern empfand er eine finstere Befriedigung darüber, daß er seine Lage ohne Murren ertrug. Er vermied seine früheren Bekannten mit ihren beleidigenden Hilfeanerbietungen, sowie alle Zerstreuungen und beschäftigte sich auch zu Hause nur damit, mit seiner Mutter Karten zu legen oder rauchend im Zimmer auf und ab zu gehen.

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