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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 256
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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256

In der Seele Peters ging jetzt nichts derart vor wie damals, als er um Helene freite. Jetzt wiederholte er sich nicht mehr wie damals mit Beschämung die Worte, die er gesprochen hatte, er sagte nicht mehr: »Ach, warum habe ich das gesagt? Warum habe ich damals gesagt: ›ich liebe Sie!‹?« Im Gegenteil, jetzt wiederholte er jedes seiner und ihrer Worte in seiner Erinnerung, er wollte nichts hinzufügen und noch davon nehmen, er wollte nur wiederholen. Kein Zweifel quälte ihn mehr, aber zuweilen fragte er sich doch, ist das nicht ein Traum? Hat sich Fürstin Marie nicht getäuscht? Bin ich nicht zu stolz und zuversichtlich? Was dann, wenn die Fürstin mit ihr spricht und Natalie lächelnd antwortet: »Wie sonderbar! Er hat sich wirklich geirrt! Weiß er nicht, daß er nur einfach ein Mensch ist, ich aber etwas ganz anderes, Höheres bin?«

Nur dieser Zweifel quälte Peter oft. Das bevorstehende Glück erschien ihm unwahrscheinlich. Er befand sich in einem Zustand freudiger Geistesabwesenheit. Nicht nur für ihn allein, sondern für die ganze Welt schienen ihm alle Dinge des Lebens nur in seiner Liebe und in der Möglichkeit ihrer Liebe zu ihm zu bestehen, alle Menschen schienen ausschließlich nur mit seinem zukünftigen Glück beschäftigt zu sein. Es schien ihm zuweilen, daß sich alle ebenso wie er selbst freuten und dies nur vor ihm verbergen wollten. In jedem Wort sah er Anspielungen auf sein Glück und oft setzte er die ihm Begegnenden in Verwunderung durch sein glückseliges Lächeln. Aber als er begriff, daß die Menschen von seinem Glück vielleicht nichts wissen, bemitleidete er sie von Herzen und es verlangte ihn, sie darüber aufzuklären, daß alles, was sie interessierte, nur leer und nichtig sei. Wenn man ihm vorschlug, in den Staatsdienst zu treten, oder von Krieg und Politik sprach und die Meinung äußerte, daß von dem Ausgang dieses oder jenes Ereignisses das Glück aller Menschen abhänge, hörte er mit mitleidigem Lächeln zu und setzte die Mitsprechenden durch seine seltsamen Bemerkungen in Erstaunen.

Als er die Papiere seiner verstorbenen Frau durchsah, fühlte er nur tiefes Mitleid für sie, weil sie das Glück, das er jetzt kannte, nicht kennengelernt hatte. Fürst Wassil, der jetzt einen neuen Rang und Orden erhalten hatte und besonders stolz darüber war, erschien ihm als ein rührender, guter Greis.

Oft erinnerte sich Peter später an diese Zeit glücklicher Geistesabwesenheit. »Vielleicht«, dachte er dann, »bin ich damals lächerlich und seltsam gewesen, aber ich war damals nicht so unvernünftig wie es schien, im Gegenteil, ich war damals klüger und scharfsinniger als jemals und begriff alles, was im Leben wert ist, begriffen zu werden, weil . . . ich glücklich war!«

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