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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 254
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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254

Peter wurde in den hellerleuchteten, großen Speisesaal geführt, nach einigen Minuten wurden Schritte gehört, und die Fürstin trat mit Natalie ein. Natalie war ruhig und ernst. Sowohl Marie als Natalie und Peter empfanden dasselbe Gefühl von Unbehaglichkeit, das gewöhnlich auf ein beendigtes, ernstes und lebhaftes Gespräch folgt. Das frühere Gespräch fortzusetzen, war ebenso unmöglich, als von Geringfügigem zu sprechen. Schweigend gingen sie zu Tische. Peter entfaltete die Serviette, und entschlossen, das Schweigen zu brechen, blickte er Natalie und Marie an. Beide schienen dasselbe zu beabsichtigen und in den Augen beider erglänzte Lebenslust.

»Trinken Sie ein Gläschen, Graf?« fragte die Fürstin Marie, und diese Worte verscheuchten plötzlich das Vorhergegangene. »Berichten Sie uns Ihre Erlebnisse«, sagte die Fürstin. »Man erzählt sich solche Wunder von Ihnen.«

»Ja«, erwiderte Peter mit seinem gewohnten Lächeln milden Spottes, »man erzählt mir selber zuweilen solche Wunder, wie ich sie im Traum nie erlebt habe. Ich habe bemerkt, daß es sehr leicht ist, ein interessanter Mensch zu sein, und jetzt bin ich ein interessanter Mensch. Man ruft mich zu sich und erzählt mir, was ich erlebt habe.«

»Und Sie werden wieder bauen?« fragte die Fürstin.

»Ja, Saweljitsch will es haben.«

»Und Sie wußten noch nichts von dem Tod der Gräfin, damals, als Sie in Moskau zurückblieben?« fragte die Fürstin Marie.

»Nein«, erwiderte Peter, »ich erfuhr das in Orel, und Sie können sich nicht vorstellen, wie es mich erschütterte. Wir paßten nicht zueinander«, fuhr er rasch fort mit einem Blick nach Natalie, in deren Miene er Neugierde bemerkte, wie er sich über seine Frau aussprechen werde. »Wenn zwei Menschen im Streit miteinander leben, so sind immer beide schuldig, und die eigene Schuld wiegt immer schrecklich schwer, wenn die andere Person nicht mehr ist. Und dann dieser Tod . . . ohne Freunde, ohne Trost! Es tut mir sehr leid um sie«, schloß er. Mit Vergnügen bemerkte er Natalies beifällige Miene.

»Nun sind Sie wieder Junggeselle und Freiersmann«, bemerkte die Fürstin Marie.

Peter errötete plötzlich tief und vermied es, Natalie anzusehen.

»Aber Sie haben Napoleon gesehen und gesprochen, wie man uns erzählt hat?«

»Keineswegs«, erwiderte Peter lachend. »Alle glauben, gefangen zu sein bedeute nichts anderes, als bei Napoleon zu Gast zu sein. Ich habe ihn nicht gesehen und nichts von ihm gehört, ich befand mich in viel schlechterer Gesellschaft.«

»Aber ist es wahr, daß Sie in Moskau zurückblieben, um Napoleon zu töten?« fragte ihn Natalie lachend. »Ich habe es damals erraten, als wir Sie bei der Abfahrt aus Moskau sahen.«

Peter gestand, daß das wahr sei, und durch die Fragen von Marie und besonders von Natalie wurde er veranlaßt, seine Abenteuer ausführlicher zu erzählen. Anfangs sprach er mit dem spöttischen Blick, der ihm jetzt eigen geworden war, dann aber erzählte er von den Greueln und Leiden, die er gesehen hatte, mit verhaltener Erregung. Von der Episode mit dem Kind und der Frau, bei deren Verteidigung er verhaftet wurde, erzählte Peter nur: »Es war ein schrecklicher Anblick, verlassene Kinder, einige im Feuer . . . vor meinen Augen wurde ein Kind gerettet . . . Frauen, denen man ihre Habseligkeiten raubte, Ringe abriß. Da kam eine Patrouille, und alle diejenigen, welche nicht plünderten, wurden verhaftet, auch ich.«

»Sie erzählen wohl nicht alles, wahrscheinlich haben Sie etwas . . . Gutes getan«, bemerkte Natalie stockend.

Peter erzählte weiter. Als er von der Hinrichtung sprach, wollte er die schrecklichen Einzelheiten umgehen, aber Natalie verlangte, er solle nichts auslassen. Peter erzählte auch von Karatajew.

Das Abendessen war vorüber, er war schon aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab, während Natalie ihn immer mit ihren Blicken begleitete.

Peter erzählte seine Erlebnisse so, wie er sich ihrer selbst noch niemals erinnert hatte, jetzt erschienen ihm dieselben in einem neuen Licht, und während er das alles Natalie erzählte, empfand er jene seltene Wonne, die von Frauen ausgeht, wenn sie einem Mann zuhören – nicht von klugen Frauen, welche beim Zuhören sich bemühen, sich einzuprägen, was man ihnen sagt, um ihren Geist zu bereichern oder das Erzählte nach ihrer Weise zurechtzulegen und die klugen Reden anzubringen, die sie in ihrer kleinen, geistigen Haushaltung ausgearbeitet haben. Natalie war ganz Aufmerksamkeit und kein Wort, kein Blick, kein Schwanken seiner Stimme, keine Gebärde Peters entging ihr. Sie fing das noch ungesprochene Wort im Fluge auf und trug es in ihr offenes Herz, sie begriff den geheimen Sinn der ganzen geistigen Arbeit Peters.

Fürstin Marie sah jetzt die Möglichkeit der Liebe und des Glücks zwischen Natalie und Peter, und dieser Gedanke, der jetzt zum erstenmal in ihr erwachte, erfüllte sie mit Freude. Es war drei Uhr nachts, die Diener kamen mit traurig ernsten Gesichtern, um neue Kerzen aufzustecken, aber niemand bemerkte sie. Peter beendigte seine Erzählung. Natalie blickte beständig mit glänzenden Augen Peter aufmerksam an, der mit einer wonnigen Verwirrung zuweilen ihren Blicken begegnete. Fürstin Marie schwieg. Niemand schien daran zu denken, daß es drei Uhr nachts und Zeit zum Schlafen sei. »Man spricht von Unglück und Leiden«, sagte Peter wieder, »aber wenn man mir in diesem Augenblick sagen würde: ›Willst du so bleiben, wie du vor der Gefangenschaft warst, oder das alles von Anfang an nochmals durchleben‹, so würde ich sogleich sagen: Her mit der Gefangenschaft und dem Pferdefleisch. Wir glauben, es sei alles verloren, wenn wir aus dem gewohnten Geleise geworfen werden, aber da erst beginnt etwas Neues, Gutes! Solange das Leben dauert, gibt es auch Glück! Vieles, vieles liegt vor uns! Das möchte ich Ihnen sagen«, wandte er sich an Natalie.

»Ja, ja«, sagte sie, aber ihre Antwort bezog sich auf etwas ganz anderes. »Auch ich wünsche nichts so sehr, als alles von Anfang an nochmals zu durchleben.« Plötzlich ließ sie den Kopf auf die Hand herabsinken und brach in Tränen aus.

»Was ist dir, Natalie?« fragte die Fürstin Marie.

»Nichts, nichts!« Sie lächelte durch Tränen Peter zu. »Leben Sie wohl! Es ist wohl Zeit, zu schlafen.« Peter stand auf und verabschiedete sich.


Marie und Natalie fanden sich wie immer im Schlafzimmer zusammen und sprachen über das, was Peter erzählt hatte. Fürstin Marie äußerte ihre Meinung über Peter nicht, und auch Natalie sprach nicht von ihm.

»Weißt du, ich glaube, wir scheuen uns oft deshalb von ihm zu sprechen (von dem Fürsten Andree), weil wir fürchten, unsere Gefühle zu entweihen, und so vergessen wir ihn!«

Marie seufzte schwer. »Kann man denn vergessen?« fragte sie.

»Es war mir sehr angenehm, heute von ihm zu sprechen und doch zugleich schmerzhaft und schwermütig. Ich bin überzeugt, daß er ihn sehr liebte, und deshalb habe ich auch gesprochen. Es trifft mich doch kein Vorwurf dafür?« fragte sie errötend.

»O nein. Was ist das für ein vortrefflicher Mensch!«

»Weißt du, Marie«, sagte Natalie mit einem schalkhaften Lächeln, wie es Marie seit langer Zeit auf ihrem Gesicht nicht mehr gesehen hatte, »er ist so rein, glatt und frisch geworden, als ob er gerade aus dem Bade käme! Ich meine, moralisch aus dem Bade, nicht wahr?«

»Ja, er hat viel gewonnen!«

»Und sein kurzer Überrock, und die geschnittenen Haare, wirklich, wie aus dem Bade!«

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