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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 252
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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252

Ende Januar kam Peter in Moskau an und ließ sich in einem unversehrt gebliebenen Flügel seines Hauses nieder. Er fuhr zum Grafen Rostoptschin und einigen Bekannten, die nach Moskau zurückgekehrt waren, und beabsichtigte am dritten Tag nach Petersburg weiterzureisen. Alles triumphierte, und neues Leben blühte auf in der zerstörten Stadt. Alle wünschten Peter zu sehen und seine Erlebnisse zu hören. Peter fühlte sich besonders freundschaftlich gestimmt gegen alle Leute, die er sah, hielt sich aber jetzt unwillkürlich vorsichtig zurück, um sich nicht durch irgend etwas zu binden. Auf alle Fragen, die man ihm stellte, wichtige und unbedeutende, wo er zu leben gedenke, ob er bauen, wann er nach Petersburg reisen werde, antwortete er: »Ja, vielleicht, ich glaube.«

Von Rostows hörte er, daß sie in Kostroma seien, und nur selten kam ihm ein Gedanke an Natalie wie eine Erinnerung aus längst vergangener Zeit. Am dritten Tag nach seiner Ankunft in Moskau hörte er, daß die Fürstin Marie sich in Moskau befinde. Oft hatte er an die Leiden und die letzten Tage des Fürsten Andree gedacht, und als er hörte, daß die Fürstin Marie in ihrem unversehrt gebliebenen Haus in Moskau wohnte, fuhr er noch an demselben Abend zu ihr. Auf dem Wege dachte er ununterbrochen an Fürst Andree. »Ist er wirklich in dieser bitteren Stimmung, in der er sich damals befand, gestorben? Hat sich ihm nicht vor dem Tode noch das Rätsel des Lebens entdeckt?« dachte Peter.

In sehr ernster Stimmung kam er am Hause des alten Fürsten an. Spuren der Zerstörung waren sichtbar, aber im ganzen war es unversehrt geblieben. Der alte Haushofmeister kam ihm mit wichtiger Miene entgegen, um dem Gast bemerkbar zu machen, daß die Abwesenheit des Fürsten die Ordnung des Hauses nicht störe. Die Fürstin sei in ihre Zimmer gegangen und empfange Sonntags, sagte er.

»Melde mich, vielleicht wird sie mich annehmen«, sagte Peter.

»Sogleich!« erwiderte der Haushofmeister. »Belieben Sie einzutreten!«

Nach wenigen Augenblicken kam Desalles und teilte Peter im Namen der Fürstin mit, sie sei sehr erfreut, ihn zu sehen, und bitte ihn, ohne Umstände nach oben in ihre Zimmer zu kommen.

In einem kleinen Zimmer, das von einer einzigen Kerze erleuchtet wurde, saß die Fürstin in Gesellschaft einer schwarzgekleideten Dame, die Peter für eine Gesellschafterin hielt. Die Fürstin kam ihm rasch entgegen und reichte ihm die Hand.

»Ja«, sagte sie, sein verändertes Gesicht anblickend, nachdem er ihre Hand geküßt hatte, »so sehen wir uns wieder! Er hat in der letzten Zeit oft von Ihnen gesprochen. Ich war sehr erfreut, als ich von Ihrer Rettung hörte, das war die einzige freudige Nachricht seit langer Zeit.« Sie richtete ihren Blick auf die Gesellschafterin mit einer Beharrlichkeit und Unruhe, über die Peter sich wunderte.

»Sie können sich vorstellen, daß ich nichts von ihm wußte«, sagte Peter. »Ich hielt ihn für gefallen! Alles, was ich jetzt weiß, habe ich aus dritter Hand erfahren. Ich weiß nur, daß ihn der Zufall zu Rostows geführt hat. Welche Schicksalsfügung!«

Peter sprach rasch und lebhaft. Wenn er die Gesellschafterin ansah, begegnete er ihrem freundlichen, neugierigen Blick, der auf ihn gerichtet war, aber bei den letzten Worten, als er Rostows erwähnte, drückte sich auf der Miene der Fürstin Marie große Verwirrung aus. Wieder richteten sich ihre Blicke von Peter auf das Gesicht der Dame im schwarzen Kleid.

»Sie erkennen sie wahrscheinlich nicht?« sagte sie.

Peter blickte nochmals das bleiche, feine Gesicht der Dame mit den schwarzen Augen und dem seltsamen Zug um den Mund forschend an, und etwas längst Vergessenes begegnete ihm in diesen aufmerksamen, fragenden Augen.

»Nein, nein, es kann nicht sein!« dachte er. »Dieses strenge, hagere, bleiche und gealterte Gesicht! Das kann sie nicht sein! Das ist nur die Erinnerung an sie!«

»Natalie!« sagte in diesem Augenblick die Fürstin, und das Gesicht mit den forschenden Augen lächelte. Plötzlich erglänzte vor Peter jenes längst vergessene Glück, an das er jetzt weniger als je gedacht hatte. Als sie lächelte, war kein Zweifel daran, daß das Natalie war, die er liebte. Im ersten Augenblick verriet Peter unwillkürlich ihr und der Fürstin Marie und vor allem sich selbst das ihm selbst unbekannte Geheimnis durch freudiges Erröten. Er wollte seine Erregung verbergen, aber je mehr er sich bemühte, um so deutlicher wurde es ihm selber, ihr und der Fürstin Marie, daß er sie liebte. »Nein, das ist nur die Überraschung«, dachte Peter, aber als er das Gespräch mit der Fürstin Marie fortsetzen wollte und Natalie wieder anblickte, bedeckte eine noch tiefere Röte sein Gesicht und eine noch stärkere Erregung freudigen Schreckens erfaßte ihn, seine Worte wurden verwirrt und er blieb mitten in seiner Rede stecken.

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