Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 250
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

250

Im seinem äußeren Wesen hatte sich Peter wenig verändert, er war auch noch ebenso zerstreut und schien noch immer nicht mit dem, was vor seinen Augen lag, beschäftigt zu sein, sondern mit etwas Innerlichem. Der Unterschied zwischen seinem früheren und jetzigen Zustand aber bestand darin, daß er früher viel sprach und bisweilen mit Heftigkeit, aber wenig hörte, jetzt aber wenig gesprächig war und so zuzuhören verstand, daß die Menschen ihm gern ihre innersten Geheimnisse mitteilten.

Die Fürstin, die Peter nie geliebt hatte und sogar ein feindliches Gefühl gegen ihn hegte, seit sie nach dem Tod des alten Grafen sich abhängig fühlte, war nach Orel gegangen, um Peter zu beweisen, daß sie ungeachtet seiner Undankbarkeit es für ihre Pflicht halte, nach ihm zu sehen, und fühlte bald mit Verdruß und Verwunderung, daß sie ihn liebe. Peter hatte die Gunst der Fürstin durchaus nicht gesucht und sah sie nur mit neugieriger Verwunderung an. Der listigste Mensch hätte sich nicht schlauer in das Zutrauen der Fürstin einschleichen können, aber die ganze Schlauheit Peters bestand nur darin, daß er sein Vergnügen suchte, indem er in der verbitterten, trockenen und auf ihre Art stolzen Fürstin menschliche Gefühle hervorrief.

»Ja, er ist ein sehr, sehr guter Mensch«, sagte die Fürstin zu sich selbst, »wenn er sich unter dem Einfluß guter Menschen befindet, solcher Menschen wie ich!«

Die Veränderung, die in Peter vorgegangen war, wurde auch seiner Umgebung, seinen Dienern und dem Arzt bemerkbar, der Peter behandelte. Dieser besuchte ihn jeden Tag, und obgleich er nach Art der Ärzte sich das Ansehen eines vielbeschäftigten Menschen gab, dessen Minuten kostbar sind für die leidende Menschheit, blieb er oft stundenlang bei Peter sitzen und erzählte ihm Anekdoten oder teilte ihm seine Beobachtungen über das Wesen der Kranken im allgemeinen und der Damen im besonderen mit.

In Orel lebten einige gefangene Offiziere, und der Doktor brachte einen von ihnen, einen jungen italienischen Offizier, zu Peter. Der Italiener schien nur dann glücklich zu sein, wenn er zu Peter kommen konnte, um von seiner Vergangenheit, von seinem häuslichen Leben, von seiner Liebe zu erzählen, sowie von seinem Abscheu gegen die Franzosen und besonders gegen Napoleon. Auch ein alter Bekannter, der Freimaurer Graf Willarsky, kam zu ihm, derselbe, der ihn 1807 in die Loge eingeführt hatte. Willarsky hatte eine reiche Russin geheiratet, die große Güter bei Orlow besaß. Als Willarsky erfuhr, daß Besuchow in Orel sei, kam er zu ihm. Willarsky langweilte sich in Orel und war glücklich, einen Menschen zu finden, der demselben Kreise angehörte und, wie er glaubte, dieselben Interessen hatte. Aber zu seiner Verwunderung kam er bald zu der Ansicht, daß Peter sehr zurückgeblieben und in Apathie und Egoismus versunken sei.

Aber dennoch war Willarsky jeden Tag bei Peter. Während Peter ihn sah und anhörte, erschien ihm der Gedanke seltsam und unwahrscheinlich, daß er selbst noch vor kurzem ein ebensolcher Mensch gewesen sei wie dieser.

In seinen Beziehungen zu Willarsky, zur Fürstin, zu dem Arzt und zu allen Menschen mit denen er jetzt in Berührung kam, war jetzt ein neuer Zug an Peter bemerklich, der ihm die Zuneigung aller gewann. Das war das Zugeständnis der Möglichkeit für jeden Menschen, auf seine Weise zu denken, zu fühlen und die Dinge anzusehen, und das Eingeständnis der Unmöglichkeit, durch Worte einen Menschen zu einer anderen Überzeugung zu bringen. Diese berechtigte Eigenheit jedes Menschen, die Peter früher aufgeregt und gereizt hatte, bildete jetzt die Grundlage für die Teilnahme und das Interesse, das er den Menschen widmete.

In praktischen Angelegenheiten erlangte jetzt Peter eine ihm sonst ganz fremde Sicherheit. Früher hatte ihn jede Geldfrage erregt, eine Bitte, wie sie ihm als sehr reichen Mann oft vorkam, ihn in eine aufgeregte Ratlosigkeit versetzt. »Geben oder nicht geben?« fragte er sich selber. »Ich habe, und er leidet Not! Aber ein anderer ist vielleicht noch mehr in Not. Welcher ist mehr in Not? Und vielleicht sind beide Betrüger?« Früher fand Peter keinen Ausweg daraus und gab allen, solange er etwas zu geben hatte. In derselben Ratlosigkeit befand er sich bei der Frage, die sein Vermögen betraf, wenn der eine sagte, man müsse so handeln und der andere – so.

Jetzt fand er zu seiner Verwunderung, daß es in solchen Fragen keine Zweifel mehr gab. Er war ebenso gleichgültig in Geldsachen wie früher, jetzt aber wußte er unzweifelhaft, was er tun sollte und was nicht. Die erste Anwendung dieser neuen Eigenschaft machte er bei Gelegenheit der Bitte eines gefangenen französischen Obersten, der ihm viel von seinen Taten erzählte und am Ende ihn bat und fast verlangte, Peter solle ihm viertausend Franken geben, um sie seiner Frau und seinen Kindern zu schicken. Peter aber vermochte ohne die geringste Mühe dies zu verweigern, worüber er sich später selbst verwunderte. Zugleich aber hielt er es für nötig, List anzuwenden, um bei seiner Abreise den italienischen Offizier dazu zu bringen, Geld von ihm anzunehmen, das er augenscheinlich sehr nötig hatte. Einen neuen Beweis seines neugewonnenen praktischen Blicks sah Peter in seiner Entscheidung der Frage, wie die Schulden seiner Frau bezahlt werden sollten, und ob seine Häuser in Moskau und seine Villa vor der Stadt wieder aufgebaut werden sollten oder nicht. Sein Oberverwalter besuchte ihn in Orel, und Peter beriet sich mit ihm. Der Brand Moskaus hatte Peter nach der Berechnung des Verwalters ungefähr zwei Millionen gekostet. Zum Trost für diesen Verlust legte der Verwalter Peter eine Berechnung vor, wonach sein Einkommen sich nicht nur vermindern, sondern sogar vergrößern werde, wenn er die Zahlung der von der Gräfin hinterlassenen Schulden, zu der er nicht verpflichtet sei, unterlassen würde, und wenn er den Wiederaufbau der Moskauer Häuser, die jährlich achtzigtausend gekostet und nichts eingebracht hätten, unterlassen würde.

»Ja, ja, das ist wahr«, sagte Peter vergnügt, »das kann alles unterbleiben.« Und so wurde er durch die Zerstörung der Stadt bedeutend reicher. Im Januar aber kam Saweljitsch, der Verwalter aus Moskau, und berichtete über die Lage in Moskau und von dem Kostenanschlag zur Wiedererbauung der Häuser und der Villa in Moskau, die ihm der Architekt angefertigt hatte. Er sprach darüber wie über eine beschlossene Sache. Zu derselben Zeit erhielt Peter auch Briefe vom Fürsten Wassil, seinem Schwiegervater, und anderen Bekannten in Petersburg, in denen von den Schulden seiner Frau die Rede war. Peter kam zu dem Schluß, daß der Plan des Verwalters, der ihm so sehr gefallen hatte, nicht durchführbar sei, und daß er nach Petersburg reisen müsse, um die Angelegenheiten seiner Frau zu ordnen, und daß er auch in Moskau bauen müsse. Warum das alles notwendig sei, wußte er nicht, hegte aber keine Zweifel darüber. Infolge dieses Entschlusses verminderte sich seine Einnahme um drei Viertel, aber er fühlte, daß es notwendig sei.

Willarsky wollte nach Moskau reisen, und sie kamen überein, die Reise zusammen zu machen.

Während der Zeit seiner Wiedergenesung in Orel befand sich Peter in einer freudigen, lebensfrohen Stimmung, aber als er auf der Reise sich in frischer Luft und in voller Freiheit fühlte, hunderte von neuen Gesichtern sah, verstärkte sich dieses Gefühl noch viel mehr. Während der ganzen Reise hatte er die Empfindung eines Schülers in den Ferien.

 << Kapitel 249  Kapitel 251 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.