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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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25

Am folgenden Abend reiste Fürst Andree ab. Der alte Fürst beobachtete auch an diesem Tage streng seine Tagesordnung und ging nach Tisch in sein Zimmer. Die junge Fürstin war bei Marie. Fürst Andree im Reisemantel, ohne Epauletten, rüstete sich mit seinem Kammerdiener zur Reise. Er besichtigte selbst den Wagen und das Einpacken der Koffer. Im Zimmer waren nur noch die Stücke zurückgeblieben, welche Fürst Andree immer selbst mit sich nahm, eine Schatulle, ein großes, silbernes Reisenecessaire, zwei Türkenpistolen und der Säbel, ein Geschenk seines Vaters. Alles war neu und rein bei Fürst Andree, in Überzügen von Tuch.

Im Augenblick der Abreise, an Wendepunkten des Lebens befinden sich Leute, welche fähig sind, ihre Handlungen zu überlegen, gewöhnlich in ernster Stimmung. In solchen Augenblicken überdenkt man die Vergangenheit und macht Pläne für die Zukunft. Das Gesicht Fürst Andrees war sehr nachdenklich. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ging rasch im Zimmer auf und ab. Vielleicht war es ihm schrecklich, in den Krieg zu ziehen und seine Frau zu verlassen, aber er wünschte nicht, in solcher Stimmung gesehen zu werden, und als er draußen Schritte hörte, stellte er sich an den Tisch, als ob er den Überzug der Schatulle zubinden wolle, und nahm seine alltägliche ruhige Miene an. Es waren die schweren Schritte der Fürstin Marie.

»Du hast einspannen lassen, wie ich hörte«, sagte sie keuchend nach dem raschen Lauf. »Ich wollte noch mit dir allein sprechen. Gott weiß, wann wir uns wiedersehen! Du hast dich sehr verändert, Andruscha!« Sie lächelte, als sie das Kosewort »Andruscha« aussprach, es schien ihr sonderbar vorzukommen, daß dieser ernste, schöne Mann derselbe Andruscha, der schwächliche, hagere Knabe, der Gefährte ihrer Kindheit war.

»Wo ist Lisa?« fragte er, indem er ihre Fragen nur mit einem Lächeln beantwortete.

»Sie ist so ermüdet, daß sie in meinem Zimmer auf dem Diwan eingeschlafen ist. Ach, Andree, was für ein Schatz ist deine Frau! Sie ist noch ein ganzes Kind, ein niedliches, fröhliches Kind, ich liebe sie sehr!«

Fürst Andree schwieg, aber Marie bemerkte den ironischen, verächtlichen Ausdruck, der sich auf seinem Gesicht verbreitete.

»Aber man muß mit kleinen Schwachheiten Nachsicht haben, Andree! Vergiß nicht, daß sie in der Welt aufgewachsen ist und ihre jetzige Lage ist auch nicht rosig. Wer alles begreift, vergibt alles. Bedenke, wie schwer es für die Arme sein wird, nach dem Leben, an das sie gewöhnt ist, sich von ihrem Mann zu trennen und allein auf dem Lande zurückzubleiben! Das ist sehr schwer!«

Fürst Andree lächelte, indem er die Schwester anblickte, wie man lächelt, wenn man Leute anhört, die man ganz zu durchschauen glaubt. »Du lebst ja auch auf dem Lande!«

»Ich – das ist etwas anderes! Ich wünsche mir kein anderes Leben. Aber bedenke, für eine junge Weltdame, sich in den schönsten Lebensjahren in der Einsamkeit zu vergraben, denn Papa ist immer beschäftigt, und ich, wie du weißt, bin nicht heiter genug für eine Frau, welche an die beste Gesellschaft gewöhnt ist. Nur Fräulein Bourienne . . .«

»Sie mißfällt mir sehr, eure Bourienne«, sagte Fürst Andree.

»O nein, sie ist sehr lieb und gut und ein bedauernswertes Mädchen, sie hat niemand auf der Welt. Aber ich gestehe, ihre Gesellschaft ist mir nicht nur überflüssig, sondern oft drückend. Du weißt, ich war immer menschenscheu, ich liebe allein zu sein. Papa liebt sie sehr, gegen sie und den Architekten ist er immer freundlich und gut. Papa nahm sie als Waise von der Straße. Er liebt ihre Art, vorzulesen, sie liest ihm abends laut vor.«

»Nun gestehe, Marie, du leidest zuweilen unter den Eigentümlichkeiten von Papas Charakter?« fragte plötzlich Fürst Andree.

»Ich?« fragte sie verwundert und erschrocken.

»Er war immer schroff, jetzt aber ist es noch schwerer, mit ihm umzugehen, glaube ich.«

»Du bist gut, Andree, aber du hast einen gewissen Stolz«, erwiderte Marie, welche mehr dem Gang seiner Gedanken als dem des Gespräches folgte, »und das ist eine große Sünde. Darf man wohl über den Vater urteilen? Und ich bin so zufrieden und glücklich bei ihm, ich wünschte nur, daß alle so glücklich wären wie ich.«

Andree schüttelte ungläubig den Kopf.

»Nur eins macht mir Kummer, seine Ansichten über die Religion. In letzter Zeit aber ist sein Spott weniger beißend, und er hat sogar einmal lange mit einem Mönch gesprochen. Aber höre, Andree, ich habe eine große Bitte an dich, versprich mir, daß du sie mir nicht abschlägst!« Sie steckte die Hand in die Tasche und ergriff dort etwas, was sie aber noch nicht zeigte. Sie sah ihren Bruder mit bittenden Blicken schüchtern an.

»Um was handelt es sich?«

»Denke, was du willst, aber tue, um was ich dich bitte! Hier, dieses Bild hat der Vater unseres Vaters, unser Großvater, in allen Kriegen getragen; Andree, versprich mir, daß du es tragen und niemals abnehmen wirst!«

»Wenn es mir nicht zentnerschwer am Halse hängt, meinetwegen, so will ich dir das Vergnügen machen«, sagte Fürst Andree, bereute aber sogleich die Worte, als er die beleidigte Miene seiner Schwester bemerkte. »Ich bin sehr erfreut, wirklich«, fügte er hinzu.

»Gegen deinen Willen wird er dich erretten und dich ihm zuwenden, denn nur bei ihm ist Wahrheit und Zufriedenheit«, sagte sie mit vor Erregung zitternder Stimme. Mit feierlicher Gebärde erhob sie in beiden Händen vor ihrem Bruder ein ovales Bild des Erlösers in silbernem Rahmen und an einer silbernen Kette. Sie bekreuzigte sich, küßte das Bild und reichte es Andree.

»Nimm es, Andree, und trage es mir zuliebe!«

Er wollte das Amulett ergreifen, aber sie unterbrach ihn. Andree begriff, bekreuzigte sich und küßte das kleine Bild. Auf seiner Miene zeigte sich ein Gemisch von Rührung und Spott.

»Ich danke dir, Bruder.« Sie küßte ihn auf die Stirn und setzte sich wieder auf den Diwan. Beide schwiegen.

»Denke daran, Andree, was ich dir gesagt habe, sei großmütig und urteile nicht streng über Lisa.«

»Ich glaube, ich habe mit keinem Wort angedeutet, daß ich mit ihr unzufrieden sei. Wie kommst du darauf?«

Marie errötete und schwieg.

»Dann hat man dir etwas der Art gesagt«, bemerkte er.

Marie errötete, und ihr Bruder erriet, daß seine Frau nach Tisch geweint, ihr ihre Befürchtungen mitgeteilt und sich über das Schicksal und über ihn beklagt hatte.

»Ich muß dir sagen, Marie, ich kann ihr keinen Vorwurf machen und habe ihr nie einen Vorwurf gemacht. Auch mir selbst habe ich nichts vorzuwerfen, und das wird immer und unter allen Umständen so sein. Aber wenn du die Wahrheit wissen willst . . . wenn du mich fragst, ob ich glücklich sei, so muß ich sagen: nein! Ist sie glücklich? Nein! Was ist die Ursache? Das weiß ich nicht.«

Nach diesen Worten stand er auf, trat auf seine Schwester zu und küßte sie auf die Stirn.

»Wir wollen zu ihr gehen, ich muß Abschied nehmen, oder gehe du allein voran und wecke sie, ich werde sogleich nachfolgen. – Petruschka!« rief er dem Kammerdiener zu, »nimm diese Sachen fort! Dies in den Sitz und dies auf die rechte Seite.«

Als er in das Zimmer seiner Schwester trat, war die Fürstin schon erwacht, und er hörte ihr heiteres Stimmchen durch die halbgeöffnete Tür. Sie sprach wie immer Französisch und so geschwätzig, als ob sie die lange Zeit ihrer Schweigsamkeit wieder einholen wolle. Leise trat er ins Zimmer. Die Fürstin saß mit einer Arbeit in den Händen und schwatzte unaufhörlich. Fürst Andree strich ihr über den Kopf und fragte sie, ob sie sich von der Reise erholt habe. Sie antwortete und setzte dasselbe Gespräch fort.

Der sechsspännige Wagen stand vor dem Hause. Es war eine dunkle Herbstnacht, vor dem Wagen standen Leute mit Laternen. Die Fenster des großen Hauses waren hell erleuchtet. Im Vorsaal drängten sich die Hofsleute, welche von dem jungen Fürsten Abschied nehmen wollten. Fürst Andree wurde in das Kabinett seines Vaters gerufen.

Als Fürst Andree in das Kabinett trat, saß der Alte in seinem weißen Schlafrock an seinem Schreibtisch und schrieb. Er blickte sich um.

»Du willst abreisen?« fragte er und fuhr fort zu schreiben.

»Ich komme, um Abschied zu nehmen.«

»Küsse mich hierher!« Er bot ihm die Wange. »Danke! Danke!«

»Wofür danken Sie mir?«

»Dafür, daß du dich nicht an einen Weiberrock hängst. Der Dienst vor allem! Danke! Danke!«

Währenddessen schrieb er weiter, daß die Tinte von der Feder spritzte.

»Hast du mir etwas zu sagen, so sprich, ich kann beides zugleich abmachen«, fügte er hinzu.

»Von meiner Frau . . . Es tut mir leid, daß ich sie Ihnen hier zur Last zurücklasse.«

»Was lügst du? Sprich, was nötig ist!«

»Wenn die Frau niederkommt, so senden Sie nach Moskau, nach einem Akkoucheur, er soll dabei sein!«

Der alte Fürst hielt an und richtete einen strengen Blick nach seinem Sohn, als ob er ihn nicht verstehe.

»Ich weiß, daß niemand helfen kann, wenn die Natur nicht hilft«, sagte Fürst Andree sichtlich verwirrt, »ich gebe zu, daß von Millionen Fällen einer unglücklich verläuft, aber das ist einmal ihr und mein Wunsch. Durch unnütze Reden und durch Träume hat sie Furcht bekommen.«

»Hm, hm«, machte der alte Fürst, indem er weiterschrieb, »das soll geschehen! Schlimme Geschichten, wie?«

»Was ist schlimm, Väterchen?«

»Die Frau«, sagte der Alte kurz und bedeutsam.

»Ich verstehe nicht«, erwiderte Fürst Andree.

»Nichts zu machen, Freundchen«, fuhr der Alte fort, »so sind sie alle! Und du kannst nicht mehr loskommen! Aber sei unbesorgt, ich werde es niemand sagen.«

Fürst Andree seufzte und bestätigte damit die Vermutung seines Vaters. Der Alte faltete und siegelte den Brief mit seiner gewöhnlichen Hast. »Was ist zu machen? Sie ist wunderhübsch! Ich werde alles tun, sei ganz ruhig!« sagte er. Der Alte stand auf und reichte ihm den Brief. »Höre«, sagte er, »diesen Brief gib Michail Ilarionowitsch Kutusow! Ich habe ihm geschrieben, er soll dich auf einer guten Stelle verwenden und nicht zu lange als Adjutant zurückhalten, das ist ein dummer Dienst! Sage ihm, daß ich mich seiner in Liebe erinnere! Schreibe mir, wie sein Empfang ist. Wenn er gut ist, magst du bei ihm dienen, aber der Sohn des Fürsten Bolkonsky wird niemals geduldet im Dienst bleiben. Jetzt komm hierher!« Er sprach so hastig, daß er nicht die Hälfte der Worte ganz aussprach. Er führte seinen Sohn an den Schreibtisch, zog eine Schieblade auf und nahm ein Heft heraus, das mit seiner großen, langen Handschrift beschrieben war. »Wahrscheinlich werde ich vor dir sterben. Dies sind meine Memoiren, nach meinem Tode übergib sie dem Kaiser. Hier ist ein Staatspapier und ein Brief, das ist die Belohnung für denjenigen, der die Geschichte der Kriege Suwórows schreibt. Beides sende an die Akademie. Hier sind noch Aufzeichnungen und Bemerkungen von mir. Wenn ich tot bin, so lies sie allein, du kannst Nutzen daraus ziehen.«

»Ich werde alles ausführen, Väterchen«, sagte er.

»Nun lebe wohl!« Er reichte seinem Sohn die Hand zum Kuß und umarmte ihn. »Erinnere dich stets daran, Fürst Andree, wenn du fällst, so wird es mich Armen sehr schmerzen! Wenn ich aber erfahre, daß du dich nicht so geführt hast wie ein Sohn des Fürsten Bolkonsky, so werde ich mich . . . schämen!«

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen, Väterchen«, erwiderte der Sohn lächelnd. »Ich wollte Sie noch um eins bitten: Wenn ich falle, und mir ein Sohn geboren wird, so lassen Sie ihn nicht von sich. Wie ich Ihnen gestern sagte, er soll bei Ihnen aufwachsen! Ich bitte Sie darum!«

»Ich soll ihn nicht der Frau geben?« sagte der Alte und lachte.

Sie standen schweigend einander gegenüber. Die Augen des Alten waren gerade auf die des Sohnes gerichtet, im unteren Teil des Gesichts des alten Fürsten zitterte etwas.

»Nun adieu! . . . Geh!« sagte er plötzlich. »Geh!« schrie er mit zorniger, lauter Stimme und öffnete die Tür des Kabinetts.

»Was ist das?« fragten die Fürstin und Marie, als sie Fürst Andree und die rasch wieder verschwindende Gestalt des Alten im Schlafrock ohne Perücke erblickten und seine zornige Stimme vernahmen.

Fürst Andree seufzte und gab keine Antwort.

»Nun«, sagte er zu seiner Frau, und in diesem »nun« lag kalter Spott, als ob er sagen wollte: »Nun, jetzt kannst du deine Rollen spielen!«

»Was, schon jetzt?« rief die kleine Fürstin und sah erbleichend ihren Mann an. Er umarmte sie. Sie schrie auf und fiel bewußtlos auf seine Schulter. Er legte sie vorsichtig auf einen Stuhl und sah ihr ins Gesicht.

»Lebe wohl, Marie!« sagte er leise, küßte seine Schwester und verließ mit raschen Schritten das Zimmer.

Die Fürstin lag im Lehnstuhl, Fräulein Bourienne rieb ihr die Schläfen, Marie hielt die Fürstin mit verweinten Augen, welche noch immer nach der Tür blickten, durch welche Fürst Andree verschwunden war. Aus dem Kabinett ertönten wie Schüsse oft wiederholte zornige Rufe. Kaum hatte Fürst Andree das Haus verlassen, als die Tür des Kabinetts sich rasch öffnete und die strenge Miene des alten Fürsten im weißen Schlafrock herausblickte.

»Ist er fort? Nun gut«, sagte er, blickte zornig nach der bewußtlosen kleinen Fürstin, wiegte vorwurfsvoll den Kopf und schlug die Tür wieder zu.

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