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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 249
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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249

Peter empfand das volle Gewicht der physischen Entbehrungen, die er in der Gefangenschaft erduldet hatte, erst dann, als sie ihr Ende erreicht hatten. Nach seiner Befreiung fuhr er nach Orel, wo er am dritten Tage nach seiner Ankunft erkrankte und drei Monate lang krank lag. Obgleich ihn die Ärzte behandelten, ihm Blut abzapften und Medizin zu schlucken gaben, genas er dennoch. Alles, was er seit seiner Befreiung erlebt hatte, hinterließ fast keinen Eindruck. Er erinnerte sich nur des trüben Regenwetters und Schneetreibens, der innerlichen physischen Schmerzen, des Krankheitsgefühls, an die Schmerzen in den Füßen und in der Seite. Er erinnerte sich des allgemeinen Unglücks und der Lage des Volkes, der Neugierde der Offiziere und Generale, die ihn befragten, und seiner Sorge, eine Equipage und Pferde zu erhalten, am deutlichsten aber erinnerte er sich seiner Unfähigkeit, zu denken und zu fühlen. Am Tage seiner Befreiung hatte er die Leiche von Petja Rostow gesehen und an demselben Tage auch erfahren, daß der Fürst Andree noch länger als einen Monat nach der Schlacht bei Borodino gelebt hatte und erst vor kurzem in Jaroslaw bei Rostows gestorben war. Denselben Tag erfuhr er auch von Denissow den Tod seiner Frau, den dieser im Gespräch erwähnte, in der Meinung, daß er Peter schon lange bekannt sei. Alles das erschien Peter damals nur seltsam, er fühlte, daß er die Bedeutung aller dieser Nachrichten nicht begreifen könne, er bemühte sich nur, sobald als möglich von diesem Ort fortzukommen, wo die Menschen einander morden, um in einem stillen Zufluchtsort Ruhe und Sammlung zu finden. Sobald er aber Orel erreicht hatte, war er erkrankt. Als er aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, erblickte Peter seine zwei Diener Terenti und Wassja, die aus Moskau gekommen waren, und die ältere Fürstin, die bei Jeletz auf einem Gut Peters lebte und gekommen war, um ihn zu pflegen, als sie von seiner Befreiung und Erkrankung gehört hatte. Während der Genesung vermochte Peter nur nach und nach von den Eindrücken der letzten Monate sich freizumachen und sich daran zu gewöhnen, daß niemand ihn morgen weitertreiben, daß dieses warme Bett ihm niemand wegnehmen, und daß er wirklich ein Mittagessen, Tee und Abendessen haben werde, aber im Traum sah er sich noch als Gefangener. Ebenso begriff Peter auch nur nach und nach die Neuigkeit, die er nach seiner Befreiung vernahm, von dem Tod des Fürsten Andree, vom Tod seiner Frau und von der Vernichtung der Franzosen. Ein freudiges Gefühl der Freiheit erfüllte die Seele Peters; niemand verlangte jetzt etwas von ihm, er wurde nicht weitergetrieben, alles, was er wollte, hatte er, der frühere quälende Gedanke an seine Frau hatte ihn verlassen, da sie nicht mehr war.

»Ach, wie schön!« sagte er zu sich selbst, wenn man ihm den reinen, gedeckten Tisch mit duftender Bouillon ans Bett schob, oder wenn er sich zur Nacht in das weiche, reine Bett legte, oder wenn er daran dachte, daß seine Frau und die Franzosen nicht mehr seien. »Ach, wie schön! Wie wonnig!« Und nach alter Gewohnheit stellte er sich selbst die Fragen: »Was dann? Was werde ich machen?« Doch sogleich antwortete er sich selbst darauf: »Nichts, ich werde leben! Ach, wie wonnig!« Das, was ihn früher quälte und was er beständig suchte, der Zweck des Lebens, existierte jetzt nicht mehr für ihn, weil er jetzt Glauben hatte, nicht den Glauben an gewisse Regeln oder Worte oder Gedanken, sondern den Glauben an einen lebendigen Gott. Früher hatte er das Große, Unerreichbare und Unendliche in nichts zu finden vermocht, er hatte nur gefühlt, daß es irgendwo sein müsse, er hatte es gesucht in allem, was ihn umgab, und nur Begrenztes, Kleinliches, Sinnloses gefunden. Jetzt aber hatte er gelernt, das Große, Ewige und Unendliche in allem zu sehen, und das machte in ruhig und glücklich. Die schreckliche Frage »warum?«, die früher alle seine geistigen Bauwerke zerstörte, existierte nicht mehr für ihn, jetzt hatte er die einfache Antwort auf diese Frage: »Deshalb, weil es einen Gott gibt, ohne dessen Willen kein Haar vom Haupte des Menschen fällt.«

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