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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 246
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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246

Am 8. November, dem letzten Tage der Schlacht bei Krasnoje, dämmerte es bereits, als die Truppen an die Stelle ihres Nachtlagers kamen. Der ganze Tag war still und frostig, und es fiel ein leichter Schnee. Gegen Abend hellte sich das Wetter auf, und die Kälte stieg. Ein Infanterieregiment, das aus Tarutino mit dreitausend Mann abmarschiert war, kam jetzt in der Stärke von neunhundert Mann als eines der ersten an dem zum Nachtlager bestimmten Ort in einem Dorf an der großen Straße an. Die Quartiermacher kamen dem Regiment entgegen und erklärten, alle Hütten seien von kranken und sterbenden Franzosen eingenommen. Nur eine einzige Hütte war für den Regimentskommandeur übriggeblieben.

Das Regiment marschierte durch das Dorf, und bei den letzten Hütten am Wege wurden die Gewehre zusammengestellt. Wie ein ungeheures vielgliedriges Tier begann das Regiment sogleich, sich einzurichten und Vorbereitungen zum Kochen zu treffen. Ein Teil der Soldaten lief bis zum Knie im Schnee in einen Birkenwald, rechts vom Dorfe, und bald hörte man Beilhiebe, Krachen der Bäume und heitere Stimmen. Andere gingen zu den Regimentsfuhrwerken, nahmen Kessel und Zwieback heraus aus und fütterten die Pferde. Noch andere zerstreuten sich im Dorf, sorgten für Unterkunft für die Stabsoffiziere, räumten die Leichen erfrorener Franzosen beiseite, die in den Hütten lagen, rissen Bretter ab und Stroh von den Dächern und zerstörten die Zäune. Überall hörte man lautes Lachen, Scherzreden und schreckliche Schimpfworte durcheinander.

»Was macht ihr da?« ertönte plötzlich eine herrische Stimme. »In der Hütte ist ein General, und ihr Teufel, ihr Muttermörder . . . ich werde euch zeigen!« schrie ein Feldwebel und schlug dem nächsten Soldaten kräftig auf den Rücken. »Könnt ihr nicht ruhig sein?«

Die Soldaten verstummten, und der Soldat, der geschlagen wurde, wischte sich das blutige Gesicht ab, das er sich zerrissen hatte, als er an den Zaun taumelte. »Ach, zum Teufel, wie er haut! Die ganze Fratze ist blutig!« flüsterte er eingeschüchtert, als der Feldwebel sich entfernte.

»Gefällt dir's nicht?« fragte eine lachende Stimme, und die Soldaten gingen weiter.

In der Hütte sammelten sich die Offiziere, und bald war beim Tee ein lebhaftes Gespräch im Gange über die vergangenen Tage. Man sprach von einem Flankenmarsch zur Linken, um den Vizekönig abzuschneiden und gefangenzunehmen.

Auf verschiedenen Seiten flammten Lagerfeuer auf. Das Holz knisterte, der Schnee schmolz, unaufhörlich rührten sich die schwarzen Gestalten der Soldaten auf dem ganzen Lagerplatz. Auf allen Seiten arbeiteten Beile und Säbel, alles geschah ohne Befehl. Holzvorräte für die Nacht wurden aufgestapelt, die Kessel kochten.

Man hätte glauben müssen, daß die Soldaten bei den über alle Vorstellung schweren Strapazen, ohne warme Stiefel und Pelze, ohne Obdach, im Schnee bei achtzehn Grad Frost, ohne genügenden Proviant, der nicht immer die Truppen erreichte, einen sehr traurigen Anblick geboten hätten.

Aber im Gegenteil, unter den günstigsten Bedingungen sahen die Truppen nicht vergnügter und lebhafter aus. Das kam daher, daß alles, was physisch und moralisch erlahmte, zurückblieb, und nur die Blüte der Truppen in voller geistiger und körperlicher Kraft übrigblieb.

»Siehst du, Petrow, der Hundesohn, ist auch zurückgeblieben«, sagte der Feldwebel.

»So ein Soldätchen!«

»Das habe ich schon lange vorausgesehen«, sagte ein anderer. »Man sagt, in der dritten Kompanie fehlen seit gestern neun Mann.«

»Nun, seht her, wie die Füße erfrieren! Wie soll man da marschieren?«

»Dummes Geschwätz!« rief der Feldwebel.

»Heute sind nicht wenig Franzosen gefangen worden, aber Stiefel hat kein einziger mehr«, fing ein Soldat ein neues Gespräch an.

»Alle haben die Kosaken ausgezogen. Für den Obersten haben sie eine Hütte ausgeräumt. Es war traurig anzusehen, Kinder. Sie haben alle ganz ausgeplündert. Einer war noch lebendig und schwatzte sein unverständliches Zeug.«

»Aber reinliche Leute, Kinder«, bemerkte der erste, »wie weißes Papier.«

»Dummkopf! Das ist ja von der Kälte.«

»Aber unsere Sprache verstehen sie nicht.«

»Vorgestern haben wir einen Haufen Flüchtlinge eingeholt: Sie warteten gar nicht ab, bis wir zu ihnen kamen, warfen gleich die Gewehre weg, schrien Pardon und warfen sich auf die Knie. Man sagt, Platow habe Napoleon gefangen.«

Bald trat Schweigen ein, das nur durch das Schnarchen einiger Schläfer unterbrochen wurde. Die übrigen wandten sich um, wärmten sich und sprachen nur noch selten. An einem anderen Lagerfeuer aber, etwa hundert Schritte entfernt, hörte man noch immer lautes Lachen.

»Was lärmen die da bei der fünften Kompanie?« sagte ein Soldat. Ein anderer erhob sich und ging hinüber.

»Es ist zum Lachen«, sagte er, als er zurückkehrte, »sie haben zwei Franzosen gebracht, der eine ist halbtot, aber der andere ist solch ein munterer Bursche! Singt Liederchen!«

»Oho, wir wollen auch hingehen.« Einige Soldaten erhoben sich und gingen zur fünften Kompanie hinüber.

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