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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 242
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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242

Wenn der Mensch ein sterbendes Tier sieht, erfaßt ihn Entsetzen, aber wenn der Sterbende ein Mensch ist, und ein geliebter Mensch, dann fühlt man außer dem Entsetzen über die Vernichtung des Lebens auch eine innere Wunde, die wie eine physische Wunde zuweilen tötet, zuweilen heilt, aber immer schmerzt.

Nach dem Tode des Fürsten Andree empfanden dies Natalie und die Fürstin Marie und schützten vorsichtig diese Wunde vor schmerzlichen Berührungen. Alles, die rasch vorüberfahrenden Equipagen, die Fragen der Mädchen nach den Kleidern, die angefertigt werden sollten, und noch mehr die Worte heuchlerischer Teilnahme, alles erregte aufs neue den brennenden Schmerz.

Nur wenn sie alle beisammen waren, fühlten sie Erleichterung. Sie sprachen wenig und nur von unbedeutenden Gegenständen und vermieden alles, was sich auf die Zukunft bezog. Es erschien ihnen wie eine Beleidigung seines Andenkens, die Möglichkeit einer Zukunft anzuerkennen, und noch sorgfältiger vermieden sie in ihren Gesprächen alles, was auf den Verstorbenen Bezug hatte.

Aber der reine und vollkommene Kummer ist ebenso unmöglich wie reine und vollkommene Freude. Marie, die unabhängige Herrin ihres Schicksals und Erzieherin ihres Neffen, wurde zuerst aus dieser Welt des Kummers zum Leben zurückgerufen. Sie erhielt Briefe, die sie beantworten mußte; das Zimmer Nikolais war feucht, und er begann zu husten. Alpatitsch kam in Jaroslaw an mit Abrechnungen und Vorschlägen zum Umzuge nach Moskau, wo ihr Haus unverletzt geblieben war und nur kleiner Ausbesserungen bedurfte. Das Leben bleibt nicht stehen, man muß weiterleben, und so schwer es auch Marie fiel, aus dieser einsamen geistigen Welt herauszutreten und Natalie allein zu lassen – so wurde sie doch von den Sorgen des Lebens in Anspruch genommen. Sie schlug der Gräfin vor, Natalie mit ihr nach Moskau ziehen zu lassen, und die Eltern stimmten diesem Vorschlag freudig bei, da sie von den Moskauer Ärzten Hilfe für Natalie erhofften.

»Ich werde nirgends hinreisen«, erwiderte Natalie, als man ihr diesen Vorschlag machte, »laßt mich nur allein!« Sie lief aus dem Zimmer und verbarg mit Mühe die Tränen, die weniger von Kummer als von Verdruß und Reizbarkeit hervorgerufen worden waren. Als sie sich von Marie verlassen sah, saß Natalie meist einsam auf ihrem Zimmer, legte die Füße in die Ecke eines Diwans und blickte starr vor sich hin. Diese Einsamkeit war ihr peinlich, aber dennoch notwendig. Eines Morgens, als sie so ihrem Kummer nachhing, trat Dunjascha mit erschrecktem Gesicht ins Zimmer. »Bitte, kommen Sie zum gnädigen Herrn! Schnell!« rief sie keuchend. »Von Peter Ilitsch ein Brief! . . . Ein Unglück . . .«

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