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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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24

Zur bestimmten Stunde erschien der Fürst gepudert und rasiert im Speisesaal, wo ihn seine Schwiegertochter, Fürstin Marie und Fräulein Bourienne erwarteten, sowie der Architekt des Fürsten, der nach alter Gewohnheit zu Tische zugelassen wurde. Der Fürst beobachtete sonst streng die Standesunterschiede und ließ selbst höhere Beamte nur selten zur Tafel zu, aber nun bewies er mit diesem Architekten, Michail Iwanowitsch, daß alle Menschen gleich seien, und bei Tische wandte er sich sogar sehr oft an ihn.

In dem großen, viereckigen Speisesaal warteten die Diener, welche hinter jedem Stuhl standen. Der Haushofmeister mit einer Serviette in der Hand überblickte die Tafel, winkte den Dienern und blickte beständig nach der Wanduhr und nach der Tür, durch welche der Fürst erscheinen sollte. Fürst Andree betrachtete den ihm noch neuen Stammbaum der Fürsten Bolkonsky, welcher in einem mächtigen Goldrahmen an der Wand hing, gegenüber einem ebensolchen Rahmen mit dem schlecht gemalten Bild eines regierenden Fürsten mit der Krone, welcher von Rurik abstammen und der Stammvater der Fürsten Bolkonsky sein sollte.

»Jeder hat seine Achillesferse«, bemerkte Fürst Andree. »Mit seinem umfassenden Verstand sich mit solchen Nichtigkeiten abzugeben!«

In diesem Augenblick schlug die große Uhr zwei. Der Fürst trat rasch und rüstig ein, wie er immer ging, musterte alle mit seinen glänzenden, strengen Augen und ließ seine Blicke auf der jungen Fürstin ruhen. Sie empfand ein Gefühl der Ehrfurcht, wie Höflinge beim Eintritt des Kaisers.

Mit einer unsicheren Bewegung klopfte er der jungen Fürstin auf das Genick.

»Ich freue mich, ich freue mich«, sagte er und blickte ihr durchdringend in die Augen. Dann trat er rasch zur Seite und setzte sich auf seinen Platz. »Setzt euch! Setzt euch!« Er wies der Schwiegertochter den Platz neben sich an. Ein Diener rückte einen Stuhl für sie herbei.

»Hoho«, sagte der Alte, indem er ihre umfangreiche Taille betrachtete, »sie hat sich beeilt! Schlimm!« Er ließ ein trockenes, kaltes, unangenehmes Lachen hören, wie er immer lachte. »Spazierengehen! Viel gehen! So viel als möglich«, sagte er.

Die junge Fürstin hörte diese Worte nicht oder wollte sie nicht hören. Sie schwieg und schien verletzt zu sein. Der Fürst fragte sie nach ihrem Vater, und nun begann die Fürstin lachend zu reden. Er fragte sie auch nach gemeinschaftlichen Bekannten, und die Fürstin wurde noch lebhafter, überbrachte dem Fürsten Grüße und teilte ihm Stadtgespräche mit.

»Die arme Gräfin Apraxin hat ihren Mann verloren, sie hat sich die Augen ausgeweint, die Arme!« Je lebhafter die junge Frau wurde, desto strenger betrachtete sie der Alte, und plötzlich wandte er sich von ihr ab, als ob er sie jetzt hinlänglich erforscht und sich eine klare Meinung gebildet habe. »Was meinen Sie, Michail Iwanowitsch«, sagte er zu dem Architekten, »unserm Bonaparte wird's schlimm gehen! Fürst Andree hat mir erzählt, was für ungeheure Streitkräfte gegen ihn aufgeboten werden, und wir hielten ihn immer für einen Windbeutel.«

Der Architekt konnte sich nicht erinnern, mit dem Alten über Bonaparte gesprochen zu haben, aber er begriff, daß er nur als Übergangspunkt zu dem Lieblingsgespräch des Fürsten dienen sollte.

»Er ist ein großer Taktiker«, sagte der Fürst zu seinem Sohne, auf den Architekten deutend, und dann ging das Gespräch wieder auf Bonaparte und die jetzigen Generale und Staatsmänner über. Der alte Fürst schien überzeugt zu sein, daß alle die jetzigen Leute an der Spitze dumme Jungen seien, welche von Krieg und Politik keine Ahnung haben, und daß Bonaparte ein windiges Französchen sei, der nur deshalb Erfolg hatte, weil man ihm keinen Patjomkin oder Suwówrow entgegenzustellen hatte. Er war sogar überzeugt, daß es gar keine politischen Schwierigkeiten in Europa, auch keinen Krieg gebe, daß das alles nur eine lächerliche Komödie sei, welche die jetzigen Leute an der Spitze spielen, um sich wichtig zu machen.

Fürst Andree hörte vergnügt den Spott des Alten über die neuen Leute an, es machte ihm offenbar Spaß, seinen Vater noch mehr herauszufordern. »Alles scheint gut, was früher war«, sagte er, »aber ist dieser Suwórow nicht in die Falle gegangen, die ihm Moreau gestellt hat?«

»Wer hat das gesagt?« schrie der Alte. »Suwórow!« – Er stieß den Teller zurück. »Bedenke doch, Fürst Andree, es gibt nur zwei – Friedrich und Suwórow! Dieser Moreau da wäre längst gefangen, wenn Suwórow die Hände frei gehabt hätte. Aber da saß ihm dieser Hof-kriegs-wurst-schnaps-ratIm Original deutsch mit russischen Buchstaben auf dem Hals. Er wurde seines Lebens nicht froh mit diesem Hofkriegswurstrat. Suwórow konnte nicht mit ihnen auskommen. Wie wird es nun Kutusow verstehen? Nein, Freundchen, mit euren Generalen ist gegen Bonaparte nichts auszurichten, dazu muß man Franzosen haben. Den Deutschen, Pahlen, hat man nach New York in Amerika geschickt nach dem Franzosen Moreau, er soll in den russischen Dienst treten. Prachtvoll! Sind Patjomkin und Suwórow und Orlow etwa Deutsche gewesen? Nein, Freundchen, entweder seid ihr alle verrückt oder ich.«

»Ich will nicht behaupten, daß alle Anordnungen gut seien«, erwiderte Fürst Andree, »aber ich begreife nicht, wie Sie so über Bonaparte urteilen können, er ist jedenfalls ein großer Heerführer.«

»Oho, Bonaparte ist im Hemd geboren worden, seine Soldaten sind vortrefflich. Zuerst ist er über die Deutschen hergefallen und hat sie übel zugerichtet. Seit die Welt steht, sind die Deutschen immer geschlagen worden, und sie haben niemand geschlagen, nur immer einander zerzaust. An ihnen hat er seinen Ruhm gewonnen.«

Dann erklärte der Fürst alle Fehler, welche nach seiner Ansicht Bonaparte in allen seinen Kriegen gemacht habe. Fürst Andree erwiderte nichts darauf und wunderte sich nur, wie dieser alte Mann, der seit vielen Jahren in der Einsamkeit gelebt hatte, mit solcher Genauigkeit alle kriegerischen und politischen Ereignisse Europas kannte und beurteilte.

»Du glaubst, ich verstehe nichts davon, weil ich alt bin«, schloß er. »Nun, wo hat er sich denn ausgezeichnet, dein großer Heerführer?«

»Das wäre zu viel, hier aufzuzählen«, erwiderte der Sohn.

»Geh mir mit deinem Bonaparte! Fräulein Bourienne, da ist noch ein Verehrer Ihres lumpigen Kaisers!« rief er in vortrefflichem Französisch.

»Sie wissen, Fürst, daß ich keine Bonapartistin bin.«

»Gott weiß, wann er wiederkehrt«, sang der alte Fürst wieder in falschem Ton und verließ den Speisesaal. Die kleine Fürstin hatte schweigend und erschreckt bald Marie, bald den alten Fürsten angesehen. Beim Verlassen der Tafel ergriff sie Marie am Arme und führte sie in das andere Zimmer. »Was für ein kluger Mann Ihr Väterchen ist«, sagte sie, »vielleicht deswegen gerade fürchte ich ihn.«

»Ach, er ist so gut«, erwiderte Marie.

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