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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 237
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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237

In französische Uniformen verkleidet ritten Petja und Dolochow nach jener Waldlichtung, von welcher Denissow das französische Lager überblickt hatte. Es war bereits ganz dunkel, als sie den Abhang hinabritten. Dolochow befahl den ihn begleitenden Kosaken, ihn hier zu erwarten, und ritt im Trab den Weg entlang nach der Brücke. Petja ritt in großer Erregung neben ihm.

»Lebendig werde ich mich nicht ergeben, ich habe eine Pistole«, flüsterte er.

»Sprich nicht Russisch!« erwiderte Dolochow hastig.

In demselben Augenblick hörte man in der Finsternis einen französischen Anruf: »Wer da?«

»Ulanen vom sechsten Regiment«, erwiderte Dolochow, ohne den Gang seines Pferdes zu ändern.

Die schwarze Gestalt einer Schildwache stand auf der Brücke. »Die Parole!«

Dolochow ritt im Schritt weiter.

»Ist der Oberst Gerard hier?« fragte er.

»Die Parole!« wiederholte die Schildwache und vertrat den Weg.

»Wenn ein Offizier die Kette besichtigt, so fragt die Schildwache nicht nach der Parole!« rief Dolochow, plötzlich heftig auffahrend. »Ich frage, ob der Oberst hier sei?«

Die Schildwache trat zur Seite, und ohne die Antwort abzuwarten, ritt Dolochow im Schritt den Berg hinan.

Als Dolochow die schwarze Gestalt eines Mannes bemerkte, der ihm entgegenkam, hielt er ihn an und fragte, wo der Oberst und die anderen Offiziere seien. Der Soldat, der einen Sack auf den Schultern trug, blieb stehen und erzählte treuherzig, der Oberst und die Offiziere seien oben auf dem Berge in einem Gehöft, rechts vom Wege.

Dolochow ritt weiter, während von beiden Seiten der Straße von den Lagerfeuern herüber französische Gespräche hörbar wurden, und bog in den Hof des Gehöftes ein. Dann stieg er vom Pferde und ging auf einen großen, brennenden Holzstoß zu, um den einige Leute in lebhaftem Gespräch saßen. In einem Feldkessel wurde etwas gekocht, und ein Soldat mit einer Mütze und einem blauen Mantel kniete am Feuer, hell beleuchtet von demselben.

»Guten Tag, meine Herren!« sagte Dolochow laut auf französisch.

Die Offiziere blickten ihm entgegen, und ein hochgewachsener Offizier mit einem langen Hals, der um das Feuer ging, trat auf Dolochow zu.

»Sind Sie das, Clément?« fragte er. »Woher, zum Teufel, kommt . . .« Er brach plötzlich ab, als er seinen Irrtum erkannte, begrüßte Dolochow etwas förmlicher und fragte ihn, womit er dienen könne.

Dolochow erzählte, er suche mit seinem Kameraden sein Regiment, und fragte, ob nicht die Herren Offiziere etwas vom sechsten Regiment wüßten.

Niemand wußte etwas, und es schien Petja, daß die Offiziere ihn und Dolochow argwöhnisch anblickten. Einige Augenblicke schwiegen alle.

»Wenn Sie auf ein Abendessen rechneten, so haben Sie sich verspätet«, bemerkte eine Stimme hinter dem Holzstoß.

Dolochow erwiderte, sie hätten schon gespeist und sie müßten in der Nacht noch weiter.

Er übergab die Pferde dem Soldaten, der an dem Kessel kniete. Der Offizier mit dem langen Hals betrachtete Dolochow fortwährend und befragte ihn nochmals, von welchem Regiment er sei. Dolochow gab keine Antwort, als ob er die Frage nicht gehört hätte, zündete sich eine französische Pfeife an, die er aus der Tasche nahm, und fragte die Offiziere, ob die Straße nicht unsicher sei wegen der Kosaken.

»Diese Räuber sind überall«, erwiderte der Offizier hinter dem Holzstoß.

Dolochow sagte, die Kosaken seien nur für einzelne Ermüdete, wie er und sein Kamerad; gefährlich, »aber größere Abteilungen würden sie wahrscheinlich nicht anzufallen wagen?« fügte er fragend hinzu, aber niemand antwortete.

»Nun, jetzt wird er gehen«, dachte Petja jeden Augenblick, aber Dolochow nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf und fragte geradezu, wie viele Leute in ihrem Bataillon seien, wieviel Bataillone und wieviel Gefangene.

»Es ist eine lästige Geschichte«, sagte Dolochow, »diese Gefangenen mit sich zu schleppen, es wäre besser, das Gesindel zu erschießen.« Dabei ließ er ein so seltsames Gelächter hören, daß Petja glaubte, die Franzosen müßten sogleich den Betrug entdecken. Unwillkürlich trat er einen Schritt von dem Holzstoß zurück. Niemand antwortete auf Dolochows Bemerkung, aber ein französischer Offizier, der in seinen Mantel gehüllt an der Erde lag, erhob sich und flüsterte seinen Kameraden etwas zu. Dolochow stand auf und rief den Soldaten mit den Pferden.

»Werden sie die Pferde bringen oder nicht?« dachte Petja und näherte sich unwillkürlich Dolochow.

Die Pferde wurden gebracht.

»Bon jour, messieurs!« sagte Dolochow. Petja wollte sagen, »bon soir!« brachte aber kein Wort hervor. Die Offiziere flüsterten unter sich, Dolochow stieg langsam zu Pferde, dann ritt er im Schritt durch die Pforte hinaus. Petja ritt neben ihm und hätte sich gern umgesehen, ob sie verfolgt würden, aber er wagte es nicht. Als sie auf den Weg hinauskamen, ritt Dolochow nicht zurück nach dem Wald, sondern durch das Dorf, und an einer Stelle hielt er an und horchte.

»Hörst du?« sagte er.

Petja vernahm russische Worte und sah bei den Lagerfeuern die dunklen Gestalten russischer Gefangener. Dann ritten sie wieder zur Brücke hinab, an der Schildwache vorbei, welche kein Wort sagte, und endlich in die Schlucht hinein, wo die Kosaken warteten.

»Nun, adieu! Sage Denissow, bei Tagesanbruch, beim ersten Schuß geht es los!«

Petja ergriff ihn am Arm. »Nein«, rief er, »Sie sind solch ein Held! Ach, wie schön! wie schön! Wie ich Sie liebe!«

»Gut, gut«, erwiderte Dolochow, aber Petja ließ seinen Arm nicht los und in der Dunkelheit sah Dolochow, daß Petja sich zu ihm herüberbog und ihn küssen wollte. Dolochow küßte ihn, lachte und verschwand in der Dunkelheit.

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