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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 233
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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233

Der Regen hörte auf, nur einzelne Wassertropfen fielen noch von den Zweigen der Bäume. Denissow, der Esaul und Petja ritten schweigend dem Bauern nach, der leicht und geräuschlos über den weichen Rasen schritt und sie zum Waldsaum führte. Als sie an den Bergabhang kamen, blieb der Bauer stehen und näherte sich der rötlichen Wand der Bäume. Bei einer großen Eiche hielt er an und winkte geheimnisvoll mit dem Arm. Denissow und Petja ritten zu ihm hinüber. Von dem Standpunkte des Bauern aus konnte man die Franzosen sehen. Gleich hinter dem Walde zog sich ein Getreidefeld hinab, rechts, jenseits einer steilen Schlucht, lag ein kleines Dörfchen mit einem halbverfallenen Herrenhause. In jenem Dörfchen und Herrenhaus, im Garten, beim Teich und auf dem ganzen Weg von der Brücke bis zum Dörfchen sah man in einer Entfernung von kaum vierhundert Meter durch den wogenden Nebel Menschenmassen; man hörte deutlich ihre Rufe in fremden Sprachen.

»Bringt den Gefangenen hierher!« sagte Denissow, ohne die Augen von den Franzosen abzuwenden.

Der Kosak stieg vom Pferde, nahm den Knaben herunter und ging mit ihm zu Denissow. Der Knabe steckte seine erstarrten Hände in die Taschen und sah Denissow furchtsam an, und ungeachtet seiner Bereitwilligkeit, alles zu sagen, was er wußte, waren seine Worte doch so verwirrt, daß Denissow sich unmutig abwandte.

Petja blickte gespannt bald nach dem Knaben, bald nach den Franzosen, um nicht irgend etwas Wichtiges zu versäumen.

»Ob Dolochow kommt oder nicht, wir müssen angreifen, nicht wahr?« sagte Denissow mit glänzenden Augen.

»Der Ort ist günstig«, bemerkte der Esaul.

»Die Infanterie senden wir in die Niederung am Sumpf«, fuhr Denissow fort, »sie soll sich in den Garten schleichen! Sie reiten mit den Kosaken von dorther, vom Wald hinter dem Dörfchen, und ich von hier aus mit den Husaren, und nach einem Schuß . . .«

»Durch die Schlucht geht es nicht, der Grund wird sumpfig sein«, sagte der Esaul, »man muß einen weiteren Bogen nach links hin machen.«

Während sie halblaut sich besprachen, krachte in der Schlucht vom Teiche her ein Schuß, dann ein zweiter, eine Rauchwolke erhob sich, und man hörte hundertstimmiges Rufen der Franzosen am Abhange. Denissow und der Esaul zogen sich zurück, sie waren so nahe, daß sie glaubten, die Schüsse hätten ihnen gegolten. Aber das war ein Irrtum, unten, längs des Sumpfes, lief ein Mensch, auf welchen die Franzosen schossen.

»Ach, das ist ja unser Tichon«, sagte der Esaul.

»Solch ein Strolch«, rief Denissow.

Der Mensch, den sie Tichon nannten, lief nach dem Fluß, stürzte sich hinein und verschwand auf einen Augenblick. Dann kroch er auf allen vieren, schwarz vom Wasser, heraus und lief weiter. Die Franzosen, die ihn verfolgten, blieben stehen.

»Gut gemacht«, sagte der Esaul.

»Wer ist das?« fragte Petja.

»Das ist unser Späher, den wir aussandten, einen Gefangenen zu holen.«


Tichon war einer der nützlichsten Leute der Abteilung. Er war ein Bauer aus Pokrowskoje. Als Denissow am Anfang seiner Streifzüge nach Pokrowskoje kam und wie immer den Dorfältesten fragte, was er von den Franzosen wisse, erwiderte dieser wie gewöhnlich ausweichend, er wisse nichts und habe nichts gesehen. Aber als Denissow ihm erklärte, er verfolge die Franzosen, und dann danach fragte, ob die Franzosen umherstreiften, sagte der Dorfälteste, »Mirodeure« seien dagewesen, aber bei ihnen im Dorf habe sich nur Tichon mit solchen Sachen befaßt. Denissow ließ Tichon rufen und belobte ihn für seine Tätigkeit, wobei er einige Worte sprach von der Treue für den Kaiser und das Vaterland und von dem Haß gegen die Franzosen, den die Söhne des Vaterlandes hegen müssen.

»Wir tun den Franzosen nichts Böses«, sagte Tichon, der beim Erscheinen Denissows ängstlich geworden war. »Mirodeure haben wir zwei Dutzend totgeschlagen, aber sonst tun wir nichts Böses.«

Am anderen Tag, als Denissow den Bauern schon vergessen hatte und Pokrowskoje verließ, wurde ihm gemeldet, Tichon habe darum gebeten, ihn mitzunehmen. Denissow willigte ein. Tichon machte sich auf verschiedene Arten nützlich und erwies sich als eifrig und brauchbar. Nachts ging er auf Beute aus und brachte immer französische Uniformen und Waffen zurück und auf Befehl auch Gefangene. Denissow nahm Tichon zu sich und ließ ihn unter die Kosaken einreihen. Tichon liebte nicht zu reiten und ging immer zu Fuß mit den Reitern. Er erhielt eine alte Muskete, die er mehr zum Scherz trug, eine Pike und ein Beil, das er zu allem zu brauchen wußte wie der Wolf seine Zähne, der damit ebenso leicht einen Floh in seinem Fell fängt als starke Knochen zerbeißt. Wenn es irgend etwas besonderes Schwieriges oder Mühsames zu tun gab, einen Wagen mit der Schulter aus dem Schlamme zu schieben, oder ein Pferd am Schweif aus einem Sumpf zu ziehen, oder sich mitten unter die Franzosen zu schleichen, so deuteten alle lachend auf Tichon. Einmal schoß ein Franzose mit einer Pistole nach ihm und traf in die Weichteile seiner Rückenseite. Diese Wunde, die Tichon mit Branntwein heilte, den er äußerlich und innerlich anwandte, war der Gegenstand vieler zarter Scherze in der ganzen Abteilung. Niemand verstand besser als er, eine Gelegenheit zu einem Überfall zu erkunden, niemand hatte mehr Franzosen als er gefangengenommen und getötet. Jetzt war er von Denissow noch in der Nacht nach Schamschewo gesandt worden, um eine »Zunge« zu fangen. Aber entweder weil er sich nicht mit einem Franzosen begnügen wollte, oder weil er die Nacht verschlafen hatte, schlich er bei Tage mitten in die Büsche unter die Franzosen und wurde entdeckt, wie Denissow vom Berge aus sah.

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