Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 232
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
Schließen

Navigation:

232

Es war eine warme Regennacht. Denissow bückte wie sein Pferd den Kopf herab wegen des Regens und blickte aufmerksam nach vorwärts. Sein hageres, bärtiges Gesicht hatte einen zornigen Ausdruck. Neben ihm ritt ein Esaul, ein Kosakenhauptmann, auf einem wohlgenährten Pferd.

Der Esaul Lowaisky war ein langer, blondlockiger Mann, dünn wie ein Brett, mit kleinen, hellen Äuglein und selbstzufriedener Miene. Etwas vor ihnen ging ein durchnäßter Bauer, ein Wegzeiger, im grauen Kaftan mit weißer Mütze. Etwas hinter ihnen ritt ein junger Offizier in einem blauen französischen Mantel auf einem hagern Kirgisenpferd mit mächtigem Schweif und dichter Mähne, und neben diesem ritt ein Husar, der hinter sich einen Knaben in zerrissener französischer Uniform und blauer Mütze hatte. Der Knabe hielt sich mit roten Händen am Husaren fest. Das war der gefangene französische Trommelschläger. Hinter ihnen ritten Husaren zu dreien oder vieren auf einem engen Waldwege, dann Kosaken, zum Teil in Filzmänteln, zum Teil in französischen Mänteln. Die Kleider, die Sättel, die Zügel, alles war feucht wie die Erde und die herabgefallenen Blätter, mit denen der Weg bestreut war. Denissow war schlechter Laune, sowohl wegen des Regens als wegen des Hungers, denn seit dem frühen Morgen hatte niemand gegessen, besonders aber deshalb, weil von Dolochow bisher keine Nachricht gekommen war.

Als sie auf eine Waldlichtung kamen, von welcher man weit nach rechts sehen konnte, hielt Denissow an.

»Dort kommt etwas!« sagte er.

Der Esaul blickte nach der angegebenen Richtung.

»Dort reiten zwei – ein Offizier und ein Kosak.«

Bald verschwanden die Reiter und nach einigen Augenblicken zeigten sie sich wieder. Der Offizier ritt voraus in einem müden Galopp, mit ganz durchnäßten, bis unter die Knie aufgeschlagenen Beinkleidern. Hinter ihm trabte ein Kosak aufrecht in den Steigbügeln. Der Offizier, ein sehr junger Mensch mit breitem, rotem Gesicht und recht vergnügten Äuglein, ritt auf Denissow zu und übergab ihm einen durchnäßten Brief.

»Vom General«, sagte er. »Entschuldigen Sie, daß er nicht ganz trocken ist.«

Denissow nahm den Brief mit finsterer Miene und erbrach ihn.

»Alle sagten, es sei gefährlich, gefährlich!« sagte der Offizier zum Esaul, während Denissow den Brief las, »aber wir haben jeder zwei Pistolen. Was ist das?« fragte er, als er den kleinen Franzosen erblickte, »ein Gefangener? Sie waren schon im Gefecht? Kann ich mit ihm reden?«

»Rostow! Petja!« rief Denissow. »Warum hast du nicht gleich gesagt, daß du's bist?«

Der junge Offizier war Petja Rostow.

»Nun, es freut mich, dich zu sehen! – Michail«, wandte Denissow sich an den Esaul, »das ist hier ein Schreiben von dem General!« Er teilte ihm den Inhalt des Schreibens mit, welches das wiederholte Verlangen von einem General enthielt, sich mit seinem Streifkorps zu vereinigen. »Wenn wir den Transport morgen nicht wegnehmen, so wird er uns vor der Nase weggeschnappt«, schloß er.

Während Denissow mit dem Esaul sprach, hatte Petja, verdutzt von dem kalten Ton Denissows, seine Beinkleider herabgeschlagen, weil er diese für die Ursache des kühlen Empfangs hielt.

»Haben Sie einen Befehl zu geben, Euer Hochwohlgeboren?« fragte er Denissow mit der Hand am Schirm, »oder soll ich bei Euer Hochwohlgeboren bleiben?«

»Ja«, sagte Denissow nachdenklich. »Du kannst bis morgen bleiben.«

»Ach, bitte . . . kann ich bei Ihnen bleiben?« rief Petja.

»Hat dir denn der General befohlen, sogleich zurückzukehren?« fragte Denissow.

Petja errötete. »Er hat nichts darüber gesagt, ich denke, ich kann bleiben?« sagte er fragend.

»Nun gut«, erwiderte Denissow. Darauf wandte er sich zu seinen Untergebenen und befahl, eine Abteilung solle sich zu dem als Rastplatz bestimmten Ort im Wald begeben, und der Offizier auf dem Kirgisenpferd, der sein Adjutant war, solle Dolochow aufsuchen und fragen, ob er morgen kommen werde. Denissow selbst aber mit dem Esaul und Petja wollten auf die Waldlichtung reiten, die sich gegen Schamschewo hinzog, um von dort die Stellung der Franzosen zu beobachten, auf welche der Überfall morgen gerichtet werden mußte.

Denissow, Petja und der Esaul, begleitet von einigen Kosaken und dem Husaren, welcher den Gefangenen auf seinem Pferde hatte, ritten nach links durch eine Schlucht zum Waldsaum.

 << Kapitel 231  Kapitel 233 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.