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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 230
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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230

Es war eine dunkle, warme Herbstnacht, es regnete schon den vierten Tag.

»Wo ist der General du jour? Schnell!« sagte Bolchowitinow, als er vor einer Hütte vom Pferde stieg, an welcher angeschrieben stand: »Generalstab.« Wie alle alten Leute schlief Kutusow wenig in der Nacht. Bei Tage schlummerte er oft plötzlich ein, jetzt aber lag er unausgekleidet auf seinem Bett in tiefem Nachdenken.

»Sie müßten doch begreifen, daß wir nur verlieren können, wenn wir angreifend verfahren. Geduld und Zeit, das sind meine Kriegswaffen!« dachte Kutusow. »Immer sprechen sie von klugen Manövern und Angriffen. Wozu das? Nun, sie wollen sich nur auszeichnen, als ob es ein Vergnügen wäre, sich zu schlagen! Sie sind wie die Kinder, von denen man nicht auf vernünftige Weise herausbringen kann, wie die Sache war, weil sie alle nur beweisen wollen, wie sie sich zu schlagen verstehen. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Und was für künstliche Manöver sie mir immer vorschlagen! Sie glauben, wenn sie zwei oder drei Möglichkeiten überlegt haben, so haben sie alles überlegt, und doch sind die möglichen Zufälle unzählig.«

Er überdachte alle möglichen Bewegungen der französischen Armee. Er dachte an die Möglichkeit, daß Napoleon mit einem Teil seines Heeres sich nach Petersburg wenden werde, oder daß er in Moskau bleiben werde, um ihn, Kutusow, zu erwarten. Aber was er nicht vorhersehen konnte, war eben das, was geschah, jenes unsinnige, krampfhafte Umherwerfen des französischen Heeres während der ersten elf Tage nach seinem Abmarsch von Moskau, wodurch möglich wurde, an was damals Kutusow noch nicht zu denken wagte: die vollständige Vernichtung der Franzosen. Alle Nachrichten ließen darauf schließen, daß die französische Armee erschüttert war und sich zur Flucht wende, aber das waren nur Vermutungen, und Kutusow wußte aus sechzigjähriger Erfahrung, welches Gewicht man Gerüchten beilegen darf. Er wußte, wie geneigt die Menschen sind, wenn sie etwas wünschen, alle Nachrichten so zu gruppieren, daß sie das Gewünschte bestätigen. In diese Gedanken war er in der Nacht des 11. Oktober versunken, als er im Nebenzimmer Geräusch hörte.

»Wer ist da? Was gibt es Neues?«

Während ein Diener eine Kerze anzündete, traten die Generale Toll und Konownizin mit Bolchowitinow ein. Toll berichtete den Inhalt der überbrachten Nachricht und war erstaunt über den Ausdruck kalter Strenge auf Kutusows Gesicht.

»Sprich! Sprich, Freundchen!« sagte er zu Bolchowitinow. »Komm näher! Was hast du mir für Nachrichten gebracht? Was? Napoleon ist aus Moskau abmarschiert? Ist's wirklich so? Wie?«

Bolchowitinow meldete von Anfang an genau, was ihm aufgetragen war. »Sprich schneller, schneller!« unterbrach ihn Kutusow.

Als Bolchowitinow zu Ende war, wollte Toll sprechen, aber Kutusow unterbrach ihn. Er wollte etwas sagen, plötzlich aber verzog sich sein Gesicht, er winkte Toll mit der Hand zu, wandte sich um und zog sich in eine Ecke der Hütte zurück.

»Herr, mein Schöpfer, du hast unser Gebet erhört«, sagte er mit zitternder Stimme und gefalteten Händen. »Rußland ist gerettet! Ich danke dir, Herr!« Darauf brach er in Tränen aus.

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