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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 228
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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228

Als der Zug der Gefangenen, welcher bisher allein marschierte, zu den großen Proviantmagazinen kam, geriet er in das Gedränge eines ungeheuren Zuges von. Kanonen und Wagen. Nach vorwärts und nach rückwärts erblickte man unendliche Reihen anderer Wagenzüge und rechts auf der Kalugaschen Straße zogen unabsehbare Reihen von Truppen und Wagen hin. Das war das Korps von Beauharnais, das früher als die anderen abmarschiert war. Am Ufer des Flusses und bei der Steinernen Brücke marschierten die Truppen und Wagenzüge des Marschalls Ney. Das Korps von Davoust, wozu die Gefangenen gehörten, hatte schon zum Teil die Kalugasche Straße erreicht. Von allen Seiten hörte man ein Geräusch, wie das unaufhörliche Brausen des Meeres, sowie Hufschläge, das Krachen der Wagen und tausendfaches Stimmengewirr. Beständig wurde der Marsch unterbrochen, und die wenigen Schritte von der Steinernen Brücke bis zur Kalugaschen Straße erforderten mehr als eine Stunde. Bei einem solchen Aufenthalt stiegen die gefangenen Offiziere auf die Mauern eines abgebrannten Hauses, neben dem sie standen.

»Sieh doch, was für ein Volk! Auf den Kanonen haben sie Beute aufgepackt! Sieh doch die Pelze! Ach, die Verfluchten, wie sie geplündert haben! Und was hat der dort auf dem Wagen? Ich glaube, es sind Heiligenbilder. Ach, die Schurken! Und siehst du, dieser hat sich so vollgepackt, daß er kaum gehen kann! Und da kommt ein Wagen mit Koffern vollgepackt! Siehst du, was das für Pferde sind? Mit einer Krone! Und da ist ein Frauenzimmer mit einem Kind. Wie ist diese wohl hierhergeraten? Und immer noch kein Ende! Da sind auch russische Mädchen, wahrhaftige Mädchen! Sitzen dort behaglich auf dem Wagen!«

Wieder schob eine Welle der allgemeinen Neugierde wie an der Kirchenmauer alle Gefangenen auf den Weg, und Peter sah über die anderen weg, was ihre Neugierde so sehr erregt hatte. Zwischen den Pulverwagen fuhren drei Kutschen mit in grellen Farben gekleideten Frauenzimmern, die mit kreischenden Stimmen schrien und durcheinander sprachen. Nach diesen Kutschen kamen wieder Wagen, Soldaten, Bauernwagen und Soldaten, Pulverwagen und Soldaten und darunter im Gedränge zuweilen auch Weiber. Peter sah nicht einzelne Menschen, sondern nur den Strom des Ganzen, welcher wie von einer geheimnisvollen Kraft fortbewegt wurde und sich beständig durch Zuzüge aus den Nebenstraßen verstärkte. Man marschierte sehr rasch, ohne Aufenthalt, und erst, als die Sonne sich zum Untergang neigte, wurde Rast gemacht. Die Wagen rückten enger auf, und die Leute bereiteten ihr Nachtlager. Alle schienen unzufrieden und zornig zu sein, lange Zeit hörte man von allen Seiten Schimpfworte, Zanken und Geschrei. Die Wachtmannschaft benahm sich gegen die Gefangenen noch schlechter als beim Ausmarsch, und zum erstenmal erhielten die Gefangenen jetzt Pferdefleisch. Das frühere, freundliche Benehmen hatte bei allen, von den Offizieren bis zum letzten Soldaten, sich in Feindseligkeit gegen die Gefangenen verwandelt, und diese Feindseligkeit verstärkte sich noch, als beim Verlies der Gefangenen entdeckt wurde, daß ein russischer Soldat, der sich krank gestellt hatte, im Gedränge entflohen war. Peter sah, wie ein Franzose einen russischen Soldaten schlug, weil er zu weit vom Wege abgewichen war, und hörte, wie der Kapitän, sein Freund, einem Unteroffizier mit dem Kriegsgericht drohte wegen der Flucht des Russen. Der Unteroffizier entschuldigte sich, der Soldat sei krank gewesen und habe nicht gehen können, worauf der Offizier sagte, es sei befohlen, diejenigen zu erschießen, die zurückbleiben. Bald verstummte das Knistern der Lagerfeuer und das unendliche Stimmengewirr, und in dem ungeheuren Biwak wurde es still. Die roten Lagerfeuer brannten herab, doch am hellen Himmel stand der Vollmond und erleuchtete die unabsehbaren Wälder und Felder. Peter blickte zum Himmel auf, zu den funkelnden Sternen.

»Und alles das ist mein, und alles das ist in mir, und alles das bin ich«, dachte Peter, »und alles das haben sie gefangengenommen und in der Baracke, die mit Brettern eingezäunt ist, eingeschlossen.« Er lachte und legte sich bei seinen Genossen nieder, um zu schlafen.

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