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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 226
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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226

Vier Wochen waren vergangen, seitdem Peter in der Gefangenschaft war. Man hatte ihm angeboten, ihn in die Offiziersbaracke zu versetzen, aber er wollte bleiben, wo er war.

In dem zerstörten und verbrannten Moskau hatte Peter Entbehrungen fast bis zur äußersten Grenze durchgemacht, aber dank seiner kräftigen Gesundheit, die er bisher nicht zu schätzen wußte, ertrug er alles mit Leichtigkeit, und erst in dieser Zeit gewann er jene Ruhe und Zufriedenheit mit sich selbst, nach der er früher vergebens gestrebt hatte, und die er früher auf den verschiedensten Wegen, in der Philanthropie, in der Freimaurerei, in den Zerstreuung des Weltlebens, im Weine, im Heroismus der Selbstaufopferung, in seiner romantischen Liebe zu Natalie vergebens gesucht hatte. Die schrecklichen Augenblicke, die er bei der Hinrichtung durchlebt hatte, hatten alle ihm früher wichtig erschienenen Gefühle und Erinnerungen abgewaschen. Er dachte nicht mehr an Rußland, an den Krieg, an die Politik, und seine Absicht, Napoleon zu töten, erschien ihm jetzt sogar lächerlich. Auch sein Groll gegen seine Frau und die Sorge, daß sie seinen Namen beschimpfen werde, erschienen ihm jetzt nichtig.

Nun erinnerte er sich oft an sein Gespräch mit Fürst Andree, der behauptete, das Unglück sei nur negativ und das in uns gelegte Streben nach dem Glück sei uns nur deshalb verliehen, um durch seine Nichtbefriedigung uns zu quälen. Ohne Rückhalt erkannte Peter die Richtigkeit dessen an. Die Befreiung von allen Leiden, die Befriedigung der Bedürfnisse, gute Nahrung und Reinlichkeit und demzufolge auch die Freiheit, sich eine Beschäftigung, eine Lebensweise selbst zu wählen, erschienen Peter als das höchste Glück des Menschen, besonders jetzt, wo er das alles entbehrte. Er vergaß, daß der Überfluß der Annehmlichkeiten des Lebens alles Glück, das die Befriedigung der Bedürfnisse gewährt, vernichtet, und daß ebenso die Freiheit, sich seine Beschäftigung selbst zu wählen – dieselbe Freiheit, die ihm die Bildung, der Reichtum, die Stellung in der Welt verliehen –, das Bedürfnis selbst und die Möglichkeit einer Beschäftigung vernichten.

Jetzt richteten sich alle seine Gedanken auf jenen Augenblick, in dem er frei sein werde. Später aber dachte er sein ganzes Leben lang mit Entzücken an diese Monate der Gefangenschaft zurück, an die vollkommene geistige Ruhe und innere Freiheit, die er in jener Zeit empfand.

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