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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 223
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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223

Am folgenden Tag sammelten sich die Truppen abends an den bestimmten Stellen und in der Nacht rückten sie vor. Es war eine dunkle Herbstnacht, aber ohne Regen. Es war verboten, laut zu sprechen und zu rauchen oder Feuer anzumachen. Die Leute marschierten vergnügt weiter, das Geheimnis des Unternehmens erhöhte seinen Reiz. Einige Kolonnen machten halt, stellten die Gewehre zusammen und legten sich auf die feuchte Erde, als sie glaubten, an der richtigen Stelle angekommen zu sein. Die meisten Kolonnen aber marschierten die ganze Nacht und kamen doch nicht an der bestimmten Stelle an. Nur Graf Orlow Denissow kam zur rechten Zeit auf dem bezeichneten Punkt an mit seinen Kosaken, welche eine der unbedeutendsten aller Abteilungen bildeten. Sie nahmen Stellung am äußersten Waldrand, an einem Fußweg von dem Dorf Stromilowa nach Dmitrowskoi.

Vor Tagesanbruch wurde Graf Orlow geweckt. Man führte ihm einen Überläufer aus dem französischen Lager vor. Das war ein polnischer Unteroffizier vom Korps Poniatowskys. Er sagte, er sei im Dienst zurückgesetzt worden, er müßte schon lange Offizier sein, weil er tapferer als alle anderen sei, und darum habe er die Franzosen verlassen und wolle sich rächen. Er beteuerte, Murats Quartier sei nur eine Werst entfernt, und wenn man ihm hundert Mann geben wolle, so werde er Murat lebend gefangennehmen. Graf Orlow beriet sich mit seinen Genossen. Der Vorschlag war zu verlockend, um zurückgewiesen zu werden; alle rieten zu einem Versuch. Nach langer Besprechung entschloß sich Generalmajor Grekow, mit zwei Kosakenschwadronen und mit dem Unteroffizier das Wagnis zu unternehmen.

»Aber höre«, sagte Graf Orlow zu dem Unteroffizier, »wenn du gelogen hast, lasse ich dich aufhängen wie einen Hund; hast du aber wahr gesprochen, so sollst du hundert Goldstücke haben.«

Bald war die Abteilung im Wald verschwunden. Graf Orlow ging fröstelnd in der Morgenkühle und aufgeregt durch das, was er auf seine Verantwortung unternommen hatte, umher, trat aus dem Wald heraus und betrachtete das feindliche Lager, das jetzt im aufsteigenden Morgenlicht mit seinen herabgebrannten Lagerfeuern in verführerischer Nähe sichtbar wurde. Rechts vom Grafen Orlow auf dem offenen Abhang sollten unsere Kolonnen erscheinen. Graf Orlow blickte dorthin, aber es war nichts zu sehen. Im französischen Lager wurde es lebendig.

»Ach, es ist zu spät«, sagte Graf Orlow. Wie es oft der Fall ist, wenn ein Mensch, dem wir vertraut haben, nicht mehr vor unseren Augen steht, so wurde ihm plötzlich unzweifelhaft klar, daß der Unteroffizier ein Verräter sei und nur die zwei Kosakenschwadronen in die Irre führen werde, um dadurch den Angriff zu stören. Wie sollte es möglich sein, aus einer solchen Truppenmasse den Oberkommandierenden herauszuholen? »Nein, er hat gelogen! Er ist ein Schurke!« sagte der Graf.

»Man kann sie noch zurückrufen«, sagte ein Adjutant, der ebenso wie Graf Orlow am Erfolg des Unternehmens zweifelhaft wurde.

»Wirklich? Was denken Sie, soll man die Sache aufgeben oder nicht?«

»Befehlen Sie, zurückzurufen?«

»Zurück! Zurück!« sagte Graf Orlow plötzlich entschlossen, nach einem Blick auf die Uhr. »Es ist zu spät, es wird bald ganz hell sein!«

Der Adjutant galoppierte Grekow nach. Als Grekow zurückkehrte, entschloß sich Graf Orlow, aufgeregt durch den aufgegebenen Versuch und durch die vergebliche Erwartung der Infanterie, welche noch immer nicht erschien, und durch die Nähe des Feindes, zum Angriff.

Flüsternd kommandierte er: »Aufsitzen!« Die Leute ordneten und bekreuzigten sich.

»Vorwärts, mit Gott!«

»Hurra!« hallte es durch den Wald, und eine Schwadron nach der anderen, wie aus einem Sack geschüttelt, flog dem feindlichen Lager zu.

Ein erschrockener, verzweifelter Aufschrei des ersten Franzosen, der die Kosaken erblickte, und alles, was im Lager war, verließ die Gewehre, Geschütze und Pferde und floh, halb angekleidet und verschlafen.

Wenn die Kosaken die Franzosen verfolgt hätten, ohne sich umzusehen, so hätten sie auch Murat gefangengenommen. Das wollten auch die Anführer, aber es war nicht möglich, die Kosaken von der Stelle zu bringen, als sie Beute witterten. Niemand hörte auf das Kommando. Fünfzehnhundert Gefangene und achtunddreißig Geschütze wurden genommen und, was für den Kosaken am wichtigsten war, Pferdesättel, Decken und verschiedenes andere. Alles das mußte fortgebracht, die Gefangenen mußten bewacht werden. Bei der Teilung der Beute wurde geschrien und gezankt, und damit hielten sich die Kosaken auf. Als die Franzosen sahen, daß sie nicht verfolgt wurden, erholten sie sich von ihrem Schrecken, sammelten sich und eröffneten Gewehrfeuer. Graf Orlow erwartete noch immer die Infanterie und wollte früher nichts weiter unternehmen.

Inzwischen rückte die Infanterie unter Bennigsen und Toll ganz nach der Disposition vor, und die verspäteten Kolonnen kamen auch irgendwo an, nur nicht da, wo es bestimmt war. Die Leute wurden unwillig, als sie die Verwirrung bemerkten. Adjutanten und Generale kamen geritten, schrien zornig, zankten über Unordnungen und Verspätung und endlich zuckten sie die Achseln und gingen weiter, nur, um irgendwo hinzukommen. Und sie kamen auch wirklich irgendwo hin, und einige sogar an die rechte Stelle, aber ohne allen Nutzen, weil sie verspätet waren. Toll, der bei dieser Schlacht die Rolle Weyrothers bei Austerlitz spielte, galoppierte beständig von einem Punkt zum andern und fand überall alles verkehrt. So traf er das Korps des Generals Baggowut im Walde, als es schon ganz hell war, während dieses Korps schon lange neben Graf Orlow stehen sollte. Zornig ritt Toll zum General, machte ihm heftige Vorwürfe und sagte, man solle ihn dafür erschießen. Baggowut, ein alter, ruhiger General, war auch erbost über den Aufenthalt, die Verwirrung und die Widersprüche, geriet zur Verwunderung aller auch in Wut und sagte Toll unangenehme Dinge.

»Ich brauche von niemand Belehrung und verstehe mit meinen Soldaten ebensogut zu sterben als ein anderer«, sagte er, und dann rückte er mit seiner Division vor. Als er auf das Feld hinauskam in das französische Feuer, ging er, ohne zu bedenken, ob dieser Angriff jetzt nützlich sei oder nicht, mit der einen Division immer weiter vor. Gefahr, Granaten und Kugeln waren das, was er in seiner zornigen Stimmung jetzt nötig hatte. Eine der ersten Kugeln tötete ihn, mit ihm fiel eine große Anzahl Soldaten, und die Division stand einige Zeit ganz nutzlos im heftigen Feuer.

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