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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 221
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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221

Das bei Borodino erlegte Tier lag dort, wo es der Jäger auf seiner Flucht zurückgelassen hatte. Ob es lebte, ob es noch stark war, oder ob es sich nur verstellte, das wußte der Jäger nicht. Plötzlich aber wurde ein Stöhnen des Tieres vernehmbar.

Dieses Stöhnen des verwundeten Tieres, der französischen Armee, das seinen Untergang ahnen ließ, war die Absendung des Generals Lauriston mit Friedensvorschlägen in das Lager Kutusows. Napoleon in seiner selbstgefälligen Überzeugung, daß nur das gut sei, was ihm in den Kopf kam, schrieb an Kutusow einen Brief in unbestimmten, sinnlosen Worten, wie sie ihm eingefallen waren.

»Fürst Kutusow, ich sende Ihnen einen meiner Generaladjutanten, um mit Ihnen über viele wichtige Gegenstände zu verhandeln. Ich bitte Eure Erlaucht, an alles das zu glauben, was er Ihnen sagen wird, besonders wenn er Ihnen die Gefühle der Hochachtung und besonderen Verehrung ausdrücken wird, die ich seit langer Zeit für Sie hege. Ich flehe zu Gott, Sie unter seinen heiligen Schutz zu nehmen.

Moskau, 30. Oktober 1812.

Napoleon.«

»Ich würde verflucht werden, wenn ich zuerst die Hand zu irgendeinem Übereinkommen bieten würde. Das ist der Wille unseres Volkes«, erwiderte Kutusow und verwandte, wie zuvor, alle Aufmerksamkeit darauf, um das Heer vom Angriff zurückzuhalten. In dem Monat, während Moskau geplündert wurde, und das russische Heer ruhig bei Tarutino stand, ging eine Veränderung im Verhältnis der beiderseitigen Streitkräfte vor sich, sowohl in bezug auf den Geist als auf die Zahl, und die Übermacht neigte sich auf die Seite der Russen. Obgleich die Lage des französischen Heeres und die Zahlenverhältnisse desselben den Russen unbekannt waren, zeigte sich doch sehr bald die Notwendigkeit des Angriffs in zahlreichen Anzeichen. Diese Anzeichen waren die Absendung Lauristons, der Überfluß an Proviant in Tarutino; dann die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten über die Untätigkeit der Franzosen und die Unordnungen in ihrem Heer, sowie die Ergänzung unserer Regimenter durch Rekruten, das schöne Wetter und die lange dauernde Ruhe der russischen Soldaten, die wie gewöhnlich bei den Truppen die Ungeduld nach Taten und die Neugierde darauf, was bei den Franzosen vorging, erweckte, welche man so lange aus dem Auge verloren hatte; ferner die Kühnheit, mit der jetzt die russischen Vorposten die bei Tarutino stehenden Franzosen umschwärmten, und die Nachrichten von den letzten Siegen der Bauern und kleiner Abteilungen über die Franzosen, der Neid, der dadurch erregt wurde, und der Rachedurst, der in der Seele jedes Mannes lag, solange die Franzosen in Moskau standen, und endlich das unklare Bewußtsein dessen, daß die Stärkeverhältnisse sich jetzt geändert hatten und die Überzahl auf unserer Seite lag. Dem allen zufolge verlangten jetzt die höchsten Kreise in Petersburg und die Heerführer nach baldigem Angriff, welcher auf den 5. Oktober festgesetzt wurde.

Am Morgen des 4. Oktober unterschrieb Kutusow die Anordnungen zur Schlacht. Toll las sie Jermolow vor und bat ihn, die ferneren Verfügungen zu besorgen.

»Gut, meinetwegen«, sagte Jermolow und verließ die Hütte. Der Befehl zum Angriff war von Toll sehr gut abgefaßt und ausführlich niedergeschrieben worden, wenn auch nicht in deutscher Sprache.

»Die erste Kolonne geht dahin, die zweite Kolonne geht dorthin«, und so weiter. Und alle diese Kolonnen kamen auf dem Papier zur bestimmten Zeit an der richtigen Stelle an und vernichteten den Feind. Alles war wie bei allen Dispositionen vortrefflich ausgedacht, und – wie bei allen Dispositionen kam auch nicht eine Kolonne zur rechten Zeit auf der rechten Stelle an . . .

Als die Disposition fertig geschrieben war in genügender Anzahl von Exemplaren, wurde ein Adjutant zu Jermolow gesandt, um ihm dieses Papier zur Ausführung zu übergeben. Aber der Adjutant fand Jermolow nicht zu Hause und suchte ihn vergebens bei verschiedenen Generalen und an verschiedenen anderen Stellen. Überall war der General nicht zu finden oder vor kurzem fortgeritten. Endlich hörte er aus einem Herrenhause fröhlichen Lärm und die lustigen Klänge eines Tanzliedes. Der Offizier trat ängstlich ein, denn es war schon neun Uhr und er hatte seinen Auftrag noch nicht ausgeführt. Im Vorzimmer und Speisezimmer drängten sich Diener mit Weinflaschen, an den Fenstern standen Sänger. Als er von Offizieren hereingeführt wurde, erblickte er plötzlich die höchsten Generale der Armee vor sich und darunter auch die große Gestalt Jermolows. Alle Generale standen mit aufgeknöpften Uniformen, mit roten, vergnügten Gesichtern laut lachend in einem Halbkreis, und in der Mitte des Saales tanzte ein kleiner General mit rotem Gesicht flink und gewandt den Trepak.

»Hahaha! Sieh doch, Nikolai Iwanitsch! Famos! Hahaha!«

Der Offizier fühlte, daß er sich jetzt doppelt schuldig machen würde, wenn er in diesem Augenblick mit einem wichtigen Befehl erscheinen würde, und wollte etwas warten. Aber einer der Generale erkannte ihn, und als er erfahren hatte, warum er gekommen war, teilte er es Jermolow mit. Mit finsterer Miene trat Jermolow auf den Offizier zu, hörte ihn an und nahm ihm das Papier ab, ohne ein Wort zu sprechen.

»Du glaubst, er sei zufällig ausgeritten«, sagte an diesem Abend ein Offizier des Stabes zu dem Adjutanten. »Das kennen wir! Das geschieht alles absichtlich! Warte nur, was das morgen für eine Grütze geben wird!«

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