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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 220
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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220

Fürst Andree wußte nicht nur, daß er sterben würde, sondern er fühlte auch schon, daß er sterbe und schon halb gestorben war, er fühlte sich schon allem Irdischen fremd und erwartete ruhig, was ihm bevorstand.

Jenes Drohende, Ewige, Unbekannte und Fernstehende, dessen Gegenwart er während seines ganzen Lebens beständig empfunden hatte, war ihm jetzt so nahe.


Früher hatte er sich vor dem Ende gefürchtet, zweimal hatte er das schreckliche, quälende Gefühl der Todesfurcht empfunden, jetzt aber empfand er dieses nicht mehr.

Das erstemal hatte er jenes Gefühl damals kennengelernt, als die Granate sich wie ein Kreisel vor ihm drehte, während er das Feld, den Himmel, die Gebüsche ansah und wußte, daß vor ihm der Tod lag. Als er nach seiner Verwundung erwachte und in seiner Seele jene Blüte der ewigen, von diesem Leben unabhängigen Liebe erwuchs, fürchtete er nicht mehr den Tod und dachte nicht mehr an ihn. Je mehr er sich in jenen Stunden des einsamen Leidens und des Fieberwahns nach seiner Verwundung in die ihm neu entdeckte Grundlage der ewigen Liebe hineindachte, desto mehr entfernte er sich, ohne es selbst zu fühlen, von dem irdischen Leben. Alles und alle zu lieben, sich immer für die Liebe aufzuopfern, bedeutete jetzt, niemand zu lieben und nicht in diesem irdischen Leben zu existieren, und je mehr er in diesen Anfang der Liebe eindrang, desto mehr entfremdete er sich dem Leben und um so vollständiger vernichtete er jene schreckliche Grenze, welche zwischen Leben und Tod steht, wenn wir keine Liebe haben. In jener ersten Zeit, wenn er daran dachte, daß er sterben müsse, sagte er sich selbst gleichmütig: »Was liegt daran? Um so besser!«

Aber nach jener Nacht in Mitischtschi, als während der Fieberglut sie vor ihm erschien, nach der er sich gesehnt hatte, und als er ihre Hand an seine Lippen drückte und stille Freudentränen weinte, stahl sich die Liebe zu einem weiblichen Wesen unmerklich in sein Herz und verband ihn wieder mit dem Leben, und freudige und sorgenvolle Gedanken suchten ihn wieder heim. Wenn er sich aber jener Stunde auf dem Verbandsplatz erinnerte, als er Kuragin erblickt hatte, konnte er jetzt nicht mehr zu jenem Gefühl zurückkehren, jetzt quälte ihn die Frage, ob er am Leben geblieben sei, und er wagte nicht danach zu fragen.

Seine Krankheit nahm ihren physischen Verlauf. Es war nicht etwas Besonderes gewesen, was nach Natalies Meinung vor zwei Tagen mit ihm vorgegangen war, es war nur der letzte innere Kampf zwischen dem Leben und dem Tod, in welchem der Tod siegte. Es war die Erkenntnis dessen, daß er noch am Leben hing, das sich ihm in Gestalt der Liebe zu Natalie zeigte, und ein letzter Anfall von Schrecken vor dem Unbekannten.

Es war am Abend. Wie gewöhnlich am Nachmittag befand er sich in einem leichten Fieberzustand und seine Gedanken waren außerordentlich klar. Sonja saß am Tisch. Er schlummerte, plötzlich empfand er ein Gefühl des Glücks.

»Ah, sie ist hereingekommen«, dachte er, und wirklich saß an der Stelle Sonjas Natalie, die soeben mit unhörbaren Schritten eingetreten war. Seit der Zeit, wo sie zu ihm kam, hatte er immer jenes physische Gefühl ihrer Nähe empfunden.

Sie saß in einem Lehnstuhl, die eine Seite ihm zugewendet, um ihm das Kerzenlicht zu verdecken, und strickte einen Strumpf. Sie hatte stricken gelernt, als Andree ihr einmal gesagt hatte, niemand verstehe so die Kranken zu pflegen als die alten Ammen, welche Strümpfe stricken, und in dem Stricken liege etwas Beruhigendes. Als sie eine Bewegung machte, fiel das Knäuel von ihren Knien herab. Erschrocken fuhr sie zusammen, blickte sich um, verdeckte die Kerze mit der Hand, bog sich mit einer vorsichtigen, gewandten Bewegung herab, hob das Knäuel auf und nahm wieder ihren früheren Sitz ein.

Er blickte sie an, ohne sich zu rühren, und bemerkte, daß sie nach dieser Bewegung tief aufatmen mußte, dies aber nicht wagte und vorsichtig den Atem einzog.

»Sie schlafen nicht?« sagte sie, als sie eine leise Bewegung vernahm.

»Nein, ich sehe schon lange nach Ihnen, ich habe es gefühlt, als Sie eintraten. Mit Ihnen kommt immer die Stille . . . das Licht.«

Natalie rückte mit freudig strahlendem Gesicht nahe zu ihm.

»Natalie, ich liebe Sie zu sehr, mehr als alles auf der Welt, und ich . . .«

Sie wandte sich ab. »Warum zu sehr?« fragte sie.

»Warum? Nun, wie denken Sie, werde ich am Leben bleiben?«

»Ich bin überzeugt davon!« rief Natalie hastig und umfaßte ihn leidenschaftlich.

Er schwieg.

»Wie schön wäre es!« Er küßte ihre Hand.

Natalie befand sich in freudiger Erregung, erinnerte sich aber sogleich, daß er Ruhe nötig habe.

»Aber Sie haben nicht geschlafen, Sie müssen einschlafen. Geben Sie sich Mühe!« sagte sie.

Sie ließ seine Hand mit leichtem Druck los, ging zu der Kerze und setzte sich wieder auf ihren früheren Platz. Zweimal blickte sie sich nach ihm um, seine Augen blickten glänzend nach ihr hinüber. Sie stellte sich selbst eine Aufgabe an ihrem Strumpf und nahm sich vor, sich vor Beendigung derselben nicht umzusehen.

Wirklich schloß er bald darauf die Augen und schlief ein. Aber nach kurzer Zeit erwachte er in kaltem Schweiß. Beim Erwachen dachte er immer an das, was ihn die ganze Zeit über beschäftigte, an Leben und Tod – und am meisten an den Tod, denn er fühlte, daß er diesem am nächsten sei.

»Liebe! Was ist Liebe?« dachte er. »Liebe hindert nur am Sterben. Liebe ist das Leben! Alles, was ich begreife, begreife ich nur deshalb, weil ich liebe, alles existiert nur deshalb, weil ich liebe, alles ist nur durch sie verbunden. Die Liebe ist Gott, und zu sterben bedeutet für mich ein Teilchen von Liebe, die Rückkehr zur gemeinschaftlichen, ewigen Quelle.« Diese Gedanken waren ihm tröstlich, aber es waren nur Gedanken, es fehlte etwas in ihnen, es war etwas Einseitiges – es fehlte die Augenscheinlichkeit, und deshalb herrschte wieder dieselbe Unruhe und Undeutlichkeit. Er erwachte.

Er hatte geträumt, daß er in demselben Zimmer liege, aber nicht verwundet sei, sondern gesund. Viele unbedeutende, gleichgültige Personen erschienen vor ihm, er sprach mit ihnen und stritt über etwas Geringfügiges. Die Leute waren im Begriff, fortzufahren. Fürst Andree hatte eine unklare Vorstellung davon, daß alles das nichtig sei, und daß er wichtigere Aufgaben habe, aber er fuhr fort, zu sprechen und sie durch leere, gesuchte Reden in Verwunderung zu setzen. Nach und nach begannen diese Personen zu verschwinden und alles verwandelte sich in die eine Frage über die geschlossene Tür. Er steht auf und geht an die Tür, um den Riegel vorzuschieben und sie zu verschließen. Ob es ihm gelingt oder nicht, sie zu verschließen, davon hängt alles ab. Er will eilig gehen, aber seine Füße kommen nicht von der Stelle, und er weiß, daß es ihm nicht gelingen wird, die Tür zu verschließen, aber dennoch macht er krampfhafte Anstrengungen. Schrecken überfällt ihn, und dieser Schrecken ist der Schrecken des Todes. Hinter der Tür steht er. Aber während er verzweifelt der Tür zustrebt, stürzt sich etwas Entsetzliches von der anderen Seite auf sie, etwas Übermenschliches, der Tod, wirft sich gegen die Tür, und man muß sie festhalten. Er stemmt sich gegen die Tür mit äußerster Anstrengung, aber es ist nicht mehr möglich, sie zu verschließen, er will sie nur wenigstens festhalten. Doch seine Kräfte sind zu gering, die Tür öffnet sich und schließt sich wieder.

Nochmals wurde von der anderen Seite auf die Tür gedrückt. Die letzten übermenschlichen Anstrengungen waren vergebens, und beide Flügel öffneten sich geräuschlos, er kam herein, der Tod, und – Fürst Andree starb.

Aber in dem Augenblick, wo er starb, erinnerte sich Fürst Andree, daß er träumte, und nach einer starken Anstrengung erwachte er.

»Ja, das war der Tod, ich war gestorben und jetzt bin ich erwacht.« – »Ja, der Tod ist ein Erwachen!« rauschte es plötzlich in seiner Seele, und der Vorhang, der bisher das Unbekannte verborgen hatte, erhob sich vor seinem geistigen Blick. Er empfand ein Gefühl der Befreiung der früher in ihm gebundenen Kraft, sowie jene seltsame Leichtigkeit.

Als er im kalten Schweiß gebadet auf dem Diwan lag, trat Natalie ihm näher und fragte, wie er sich fühle. Er gab keine Antwort und schien ihre Worte nicht zu verstehen und sah sie mit einem seltsamen Blick an.

Das war es eben, was zwei Tage vor Marias Ankunft mit ihm vorgegangen war. Von diesem Tage an, wie der Arzt sagte, nahm sein Fieberzustand einen bösartigen Charakter an, aber Natalie interessierte nicht das, was der Arzt sagte, sie beobachtete diese schrecklichen, für sie überzeugenderen Anzeichen in seinem Charakter.

Von diesem Tage an begann für den Fürsten Andree mit dem Erwachen aus dem Traum zugleich das Erwachen aus dem Leben, und im Verhältnis zur Dauer des Lebens erschien ihm dieses Erwachen nicht langsamer als das Erwachen aus dem Traum im Verhältnis zur Dauer des Traumgesichts.

Nichts Schreckliches lag in diesem vergleichsweise langsamen Erwachen. Seine letzten Tage und Stunden gingen in gewöhnlicher, einfacher Weise vorüber, das fühlten sowohl Marie als Natalie, welche beide nicht von seinem Bett wichen. Sie weinten und schluchzten nicht und die letzte Zeit gingen sie nicht mehr zu ihm, denn er war schon von ihnen gegangen, sondern zu einer Erinnerung an ihn – zu seiner Leiche. Ihre Gefühle waren so stark, daß die äußerliche schreckliche Seite des Todes nicht auf sie einwirkte und sie nicht für nötig fanden, ihren Kummer zu bekämpfen. Sie weinten nicht und sprachen niemals unter sich von ihm, sie wußten, daß sie mit Worten ihre Gefühle nicht ausdrücken konnten.

Sie sahen beide, wie er immer weiter und weiter, langsam und ruhig von ihnen ging in ein fremdes Land, und beide wußten, daß das nicht anders sein konnte.

Er beichtete und nahm das Abendmahl, und alle kamen zu ihm, um Abschied zu nehmen. Als man ihm seinen Sohn brachte, küßte er ihn und wandte sich ab, nicht, weil ihm schwer zumute war, sondern weil er vermutete, daß das alles sei, was man von ihm erwarte. Aber als man ihm sagte, er möge ihn segnen, erfüllte er diesen Wunsch und blickte sich dann um, als wollte er fragen, ob nicht noch etwas getan werden müsse. Als die letzten Zuckungen des Körpers eintraten, als ihn der Geist verließ, waren Marie und Natalie zugegen.

»Ist's vorüber?« fragte Marie, nachdem die Leiche schon einige Minuten unbeweglich vor ihnen gelegen hatte. Natalie trat näher, blickte in die toten Augen und verschloß sie.

»Wohin ist er gegangen? Wo ist er jetzt? . . .«

Als die Leiche im Sarge lag, der im Zimmer stand, traten alle näher, um Abschied zu nehmen, und weinten. Der kleine Nikolai schluchzte, weil ein ihm noch unerklärlicher Schmerz sein Herz zerriß. Die Gräfin und Sonja weinten aus Mitleid für Natalie und weil er nicht mehr war. Der alte Graf weinte, weil er fühlte, daß auch ihm bald jener schreckliche Schritt bevorstand.

Natalie und Fürstin Marie fanden jetzt auch Tränen, aber sie weinten nicht aus persönlichem Kummer, sondern in einer wohltuenden Rührung, welche ihre Seelen erfüllte, vor der ruhigen Majestät des Todes.

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