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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 219
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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219

Als Natalie die Tür öffnete, um die Fürstin einzulassen, wußte Marie, daß sie nicht imstande sein werde, ihren Bruder ohne Tränen wiederzusehen. Sie begriff, was Natalie damit meinte: vor zwei Tagen sei plötzlich etwas eingetreten; sie verstand, daß das bedeutete, er sei plötzlich weicher geworden und daß diese Milde und Rührung Vorzeichen des Todes seien. Sie wußte, daß er leise, zärtliche Worte zu ihr sprechen werde, wie ihr Vater vor seinem Tode, und daß sie das nicht ertragen werde. Aber es mußte sein und sie trat ins Zimmer. Immer heftiger drängten ihre Tränen hervor, während sie mit ihren kurzsichtigen Augen immer deutlicher seine Gestalt und seine Züge erblickte, und endlich begegnete sie seinen Blicken.

Er lag auf dem Diwan, auf Kissen, in einem Pelzschlafrock, bleich und hager. Die eine weiße, fast durchsichtige Hand hielt ein Taschentuch. Seine Augen waren nach der Eintretenden gerichtet.

»Sei gegrüßt, Marie!« sagte er. »Wie hast du es möglich gemacht, hierherzukommen?« Seine Stimme war so gleichmütig und fremd wie sein Blick. »Hast du auch Nikolai mitgebracht?« fragte er ebenso gleichmütig.

»Wie ist jetzt deine Gesundheit?« fragte Marie, selbst erstaunt über ihre Worte.

»Du mußt den Arzt fragen«, erwiderte er. »Ich danke dir, daß du gekommen bist!« Es schien ihn Mühe zu kosten, freundlich zu sein.

Fürstin Marie drückte seine Hand; er schwieg, und sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie sah jetzt deutlich, was mit ihm vor zwei Tagen vorgegangen war. In seinen Worten, in seinem gleichgültigen Ton und besonders in diesem kalten, fast feindlichen Blick erkannte sie die für jeden Lebenden schreckliche Entfremdung von allem Weltlichen.

»Siehst du, wie seltsam uns das Schicksal zusammengeführt hat«, sagte er nach längerem Schweigen, auf Natalie deutend. »Sie läuft mir immer nach.«

Fürstin Marie hörte mit Erstaunen an, was er sagte. Wie konnte er das aussprechen in Gegenwart derjenigen, die er liebte und die ihn liebte! Wenn er geglaubt hätte, noch weiterzuleben, so hätte er dies nicht in solchem kühlen, fast beleidigenden Ton gesprochen. Sie fand nur eine Erklärung dafür, nämlich, daß ihm alles gleichgültig geworden war, weil sich ihm etwas anderes, viel Wichtigeres offenbart hatte. Das Gespräch war kühl, ohne Zusammenhang und brach jeden Augenblick wieder ab.

»Marie ist durch Räsan gekommen«, sagte Natalie.

Fürst Andree bemerkte nicht, daß sie seine Schwester einfach Marie genannt hatte, aber Natalie bemerkte dies jetzt selbst zum erstenmal, nachdem sie sie ihm gegenüber immer so genannt hatte.

»Nun, was war da?« fragte er.

»Man hat ihr erzählt, Moskau sei ganz abgebrannt –« Natalie unterbrach sich, sie konnte nicht weitersprechen.

Er schien nur mit Anstrengung zuzuhören. »Ja, man sagt, es sei abgebrannt«, sagte er, »das ist sehr traurig.« Er blickte zerstreut vor sich hin und strich mit den Fingern den Schnurrbart. »Und du hast Graf Nikolai getroffen, Marie?« fragte er plötzlich. »Er hat hierhergeschrieben, daß du ihm sehr gefallen habest«, fuhr er mit einfacher, ruhiger Stimme fort. Er schien nicht mehr die ganze Bedeutung erfassen zu können, welche diese Worte für Lebendige haben. »Wenn er dir auch gefällt, so wäre das sehr schön . . . wenn ihr euch heiraten würdet«, fügte er etwas schneller hinzu, als ob er darüber erfreut wäre, Worte gefunden zu haben, die er lange suchte. Für Marie hatten diese Worte keine andere Bedeutung, als daß sie bewiesen, wie fern er jetzt schon allem Weltlichen stand.

»Wozu sprechen wir von mir?« sagte sie ruhig, und wieder verstummten alle.

»Andree, willst du Nikolai sehen?« fragte Marie plötzlich mit zitternder Stimme. »Er hat immer von dir gesprochen.«

Zum erstenmal lächelte Fürst Andree kaum merklich, aber Marie, die seine Miene so wohl kannte, begriff mit Entsetzen, daß das kein Lächeln der Freude oder der Zärtlichkeit für seinen Sohn sei, sondern nur ein Lächeln leisen Spottes darüber, daß Marie das letzte Mittel anwandte, um seine Gefühle zu erwecken.

»Ja, ich freue mich sehr darüber«, sagte er. »Ist er gesund?«


Als Nikolai hereingeführt wurde, blickte er erschrocken, aber ohne zu weinen, seinen Vater an. Fürst Andree küßte ihn, schien aber nicht zu wissen, was er mit ihm reden solle. Als Nikolai hinausgeführt wurde, näherte sich Marie noch einmal ihrem Bruder, küßte ihn und war nicht mehr imstande, ihre Tränen zurückzuhalten.

Er blickte sie durchdringend an. »Weinst du über Nikolai?« fragte er.

Sie nickte bejahend.

»Marie, du kennst das Evangelium –« Er schwieg plötzlich wieder.

»Was sagst du?«

»Nichts! Du mußt hier nicht weinen«, erwiderte er mit demselben kühlen Blick.


Als Marie zu weinen begann, begriff er, daß sie über Nikolai weinte, der bald ohne Vater zurückbleiben werde. Mit großen Augen bemühte er sich, zum Leben zurückzukehren und den Standpunkt desselben einzunehmen. »Das muß ihnen traurig erscheinen«, dachte er, »aber wie einfach ist das alles. Die Vögel unter dem Himmel säen nicht und ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt sie doch«, sagte er zu sich selbst, er wollte das auch seiner Schwester sagen, »doch nein«, dachte er, »sie fassen das auf ihre Weise auf und verstehen mich nicht! Sie können nicht verstehen, daß alle jene Gefühle, die ihnen teuer sind, alle jene Ideen, die ihnen so wichtig erscheinen – überflüssig und nutzlos sind. Wir können einander nicht mehr verstehen.«


Der kleine Nikolai war sieben Jahre alt, verstand kaum zu lesen und wußte nichts. Er hat nach jenem Tag viel erlebt und Kenntnisse, Beobachtungsgabe und Erfahrungen erworben, aber wenn er damals auch alle später erworbenen Fähigkeiten besessen hätte, so hätte er doch nicht deutlicher die ganze Bedeutung jener Szene zwischen dem Vater, der Tante Marie und Natalie begreifen können, deren Zeuge er gewesen war, als er sie damals begriff. Er hatte alles verstanden. Ohne zu weinen, verließ er das Zimmer, schweigend ging er zu Natalie, welche ihm nachfolgte, und blickte sie mit seinen gedankenvollen, schönen Augen an. Seine Oberlippe zuckte, er schmiegte seinen Kopf an sie und weinte.

Von diesem Tag an vermied er Desalles und die Gräfin, die ihn liebkoste. Entweder saß er allein oder er ging schüchtern zur Tante Marie, oder auch zu Natalie, welche er noch mehr zu lieben schien als seine Tante.

Als Marie ihren Bruder verließ, wußte sie, was ihr Natalies Blick gesagt hatte. Sie sprach nicht mehr mit ihr von der Hoffnung auf Genesung, sie löste sich mit ihr ab an seinem Diwan und weinte nicht mehr, beständig aber betete sie zu jenem Ewigen, dessen Gegenwart über dem Sterbenden jetzt so fühlbar war.

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