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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 218
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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218

Als Fürstin Marie von Nikolai erfuhr, daß ihr Bruder sich bei Rostows in Jaroslaw befinde, machte sie sich sogleich reisefertig, und nicht allein, sondern mit ihrem Neffen. Sie fragte nicht, ob es möglich sei. Es war ihre Pflicht, bei ihrem sterbenden Bruder zu sein und ihm seinen Sohn zu bringen. Daß Fürst Andree ihr selbst keine Nachricht gab, erklärte sie sich damit, daß er zu schwach sei, um zu schreiben, oder daß er die Reise für sie zu mühsam und gefährlich fand. Nach einigen Tagen machte sich Marie auf den Weg in einem großen fürstlichen Wagen, einem leichten Wagen und einem Lastwagen. Mit ihr fuhren Mademoiselle Bourienne, Nikolai, ihr Neffe mit seinem Lehrer, ihre alte Amme, drei Zofen, ferner Tichon, ein junger Diener und ein Heiduck.

An den geraden Weg über Moskau war nicht zu denken, deshalb mußte die Fürstin Marie einen Umweg über Lipezk, Räsan, Wladimir und Schuja machen. Die letzte Zeit ihres Aufenthalts in Woronesch war die glücklichste Zeit ihres Lebens. Ihre Liebe zu Rostow quälte und erregte sie nicht mehr, sondern erfüllte ihre ganze Seele mit stillem Glück und sie kämpfte nicht mehr dagegen. In der letzten Zeit hatte sie sich überzeugt, daß sie geliebt wurde und liebte, hauptsächlich durch ihr letztes Gespräch mit Nikolai, als er kam, um sie zu benachrichtigen, daß ihr Bruder bei seinen Eltern sei. Nikolai spielte mit keinem Wort darauf an, daß die früheren Beziehungen des Fürsten Andree zu Natalie sich erneuern könnten, wenn er genesen werde, aber Marie sah an seinem Gesicht, daß er daran dachte. Fürstin Marie wußte, daß sie zum ersten- und letztenmal im Leben liebte und daß sie geliebt wurde, und war glücklich und ruhig darüber. Während der Reise dachte sie, wie immer, nur an die Reise selbst, aber als sie sich Jaroslaw näherten, erinnerte sie sich auch an den Zweck der Reise, und an diesem Abend erreichte ihre Aufregung die höchste Stufe. Als der vorausgesandte Heiduck, der sich in Jaroslaw nach Rostows und über den Zustand des Fürsten Andree erkundigen sollte, vor der Stadt den großen Reisewagen traf, erschrak er über das schrecklich bleiche Gesicht der Fürstin, als sie sich aus dem Wagen bog.

»Ich habe alles erfahren, Erlaucht. Graf Rostow wohnt am Marktplatz, nicht weit von der Wolga.«

Marie blickte ihn erschrocken und fragend an, weil er ihre wichtigste Frage nach ihrem Bruder nicht beantwortete.

»Und der Fürst?« fragte Mademoiselle Bourienne.

»Wohnt bei ihnen in demselben Hause.«

»Also lebt er wenigstens«, dachte Marie. »Aber was macht er?«

»Die Leute sagen, es sei noch wie bisher.«

Was das bedeute, »wie bisher«, danach fragte Marie nicht mehr. Bald hielt der Wagen vor dem bezeichneten Hause. Zur Linken lag der Fluß, zur Rechten die Haustür. Verschiedene Dienstleute kamen heraus und dann auch ein rotwangiges Mädchen mit einem großen schwarzen Zopf, das unbefangen lächelte, wie Marie schien. Das war Sonja. Die Fürstin eilte die Treppe hinauf, das lächelnde junge Mädchen sagte: »Hierher!« und Marie befand sich im Vorflur vor einer alten Dame von orientalischem Typus, die mit gerührter Miene ihr schnell entgegenkam. Das war die alte Gräfin. Sie umarmte Marie und küßte sie.

»Mein Kind, ich liebe und kenne Sie schon lange.«

Ungeachtet ihrer Aufregung begriff Marie, daß das die Gräfin war und daß sie ihr etwas sagen mußte. Nach einigen höflichen französischen Worten fragte sie hastig nach ihrem Bruder.

»Der Arzt sagt, es sei keine Gefahr«, erwiderte die Gräfin, aber ihre Miene widersprach ihren Worten.

»Wo ist er? Kann ich ihn sehen?« fragte Marie.

»Sogleich, Fürstin! Sogleich! Ist dies sein Sohn?« fragte sie, als Nikolai mit Desalles eintrat. »Wir können alle unterbringen, das Haus ist groß. Ach, welch ein entzückender Knabe!«

Die Gräfin führte die Fürstin in den Salon. Sonja war im Gespräch mit Mademoiselle Bourienne, und die Gräfin liebkoste den Knaben. Da trat der alte Graf ins Zimmer, um die Fürstin zu bewillkommnen. Er hatte sich sehr verändert, seit die Fürstin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Damals war er lebhaft und rüstig gewesen, jetzt aber erschien er als müder Greis. Nach der Zerstörung Moskaus und seines Vermögens aus seinem gewohnten Geleise geworfen, hatte er augenscheinlich das Bewußtsein seiner Bedeutung verloren. Obgleich ungeduldig darüber, daß sie bei ihrem dringenden Verlangen, den Bruder zu sehen, genötigt war, sich mit leeren, höflichen Phrasen aufzuhalten, bemerkte Marie doch alles, was vorging, und fühlte die Notwendigkeit, sich für den Augenblick den Umständen zu fügen.

»Das ist meine Nichte«, sagte der Graf, indem er Sonja vorstellte. »Sie kennen Sie noch nicht, Fürstin.«

Marie wandte sich zu ihr, und indem sie sich bemühte, das in ihrem Innern sich regende feindliche Gefühl gegen dieses Mädchen zu bezähmen, küßte sie Sonja. »Wo ist mein Bruder?« fragte sie wieder.

»Er ist unten, Natalie ist bei ihm«, erwiderte Sonja errötend. »Ich habe jemand abgeschickt, um sich nach ihm zu erkundigen. Sie werden ermüdet sein, Fürstin!«

Mit Tränen des Verdrusses in den Augen wandte sich die Fürstin ab und wollte wieder nach dem Weg zu ihrem Bruder fragen, als leichte, hastige Schritte sich näherten. Die Fürstin erblickte Natalie, welche fast im Lauf in das Zimmer eilte, dieselbe Natalie, die ihr in Moskau so sehr mißfallen hatte. Aber beim ersten Blick auf Natalies Gesicht begriff Marie, daß das ihre aufrichtige Genossin im Kummer und darum ihre Freundin sei. Sie eilte ihr entgegen und umarmte sie weinend. Auf Natalies Miene lag nur der eine Ausdruck grenzenloser Liebe für ihn und für alles, was ihm nahestand.

»Kommen Sie! Kommen Sie zu ihm, Marie«, sagte Natalie und führte sie ins andere Zimmer. Fürstin Marie wischte die Augen und blickte Natalie an, sie war überzeugt, daß sie von ihr alles erfahren werde.

»Wie? . . .« begann sie, unterbrach sich aber sogleich wieder, weil sie fühlte, daß man mit Worten weder fragen noch antworten könne. Die Miene und die Augen Natalies mußten ihr alles deutlicher sagen. Natalie zögerte und schien im Zweifel zu sein, ob sie alles sagen sollte, was sie wußte. Ihre Lippen zuckten, eine häßliche Falte bildete sich über ihrem Mund und weinend verbarg sie ihr Gesicht mit den Händen.

Fürstin Marie begriff alles, aber dennoch hoffte sie noch.

»Wie ist seine Wunde?« fragte sie.

»Sie – werden selbst sehen«, konnte Natalie nur sagen. Einige Augenblicke saßen sie unten in einem Zimmer neben dem seinigen, um ihre Tränen zu stillen und mit ruhiger Miene einzutreten. Natalie erzählte ihr den ganzen Verlauf: der Arzt habe Blutvergiftung befürchtet, aber das sei vorübergegangen, dann habe die Wunde begonnen zu eitern, aber der Arzt habe gesagt, das könne zu einem günstigen Verlauf führen, und als Fieber entstand, habe wieder der Arzt dasselbe nicht für gefährlich erklärt. »Aber vor zwei Tagen«, sagte Natalie, »ist plötzlich etwas eingetreten . . . ich weiß nicht, warum, aber Sie werden selbst sehen, wie er geworden ist.«

»Ist er sehr schwach geworden?« fragte Marie.

»Nein, das nicht, aber – Sie werden selbst sehen! Ach, Marie, er ist so gut und kann nicht leben . . . weil . . .«

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