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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 215
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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215

Am 8. September trat in die Wagenscheune ein hoher Offizier mit einer Papierrolle in der Hand. Es las die Namen aller Gefangenen ab, wobei er Peter »denjenigen, der seinen Namen nicht sagen will«, nannte. Gleichgültig betrachtete er alle Gefangenen und befahl dem wachthabenden Offizier, darauf zu achten, daß sie in reinlichem Aufzug vor dem Marschall erscheinen. Nach einer Stunde kam eine Kompanie Soldaten, und Peter wurde mit den anderen dreizehn abgeführt. Es war ein heller, sonniger Tag und nach dem Regenwetter war die Luft ungewöhnlich rein. Der Rauch lagerte sich nicht mehr über der ganzen Stadt, sondern stieg in die reine Luft empor. Nirgends sah man Flammen, aber von allen Seiten erhoben sich Rauchwolken, und ganz Moskau, soweit es Peter übersehen konnte, war nur eine einzige Brandstätte. Von allen Seiten sah man nur Ruinen und Brandstätten mit Öfen und Schornsteinen. Peter erkannte nicht mehr die ihm bekannten Stadtteile. Einige Kirchen waren noch unversehrt geblieben, und die weißen Mauern des Kreml schimmerten herüber mit seinen Türmen und dem Iwan-Weliki, dem höchsten Kirchturm im Kreml. In der Nähe funkelte und glänzte die Kuppel eines Klosters. Man vernahm Kirchengesang, der Peter daran erinnerte, daß es Sonntag war, und zugleich der Feiertag der Geburt der heiligen Jungfrau. Aber niemand schien daran zu denken, überall zeigten sich nur die Verheerungen der Feuersbrunst. Nur selten sah man abgerissene, scheue Gestalten, die sich beim Anblick der Franzosen verbargen.

Peter wurde mit den anderen in ein großes, weißes Haus mit großem Garten geführt. Das war das Haus des Fürsten Schtscherbatow, in welchem Peter früher oft zu Besuch gewesen war und in dem jetzt der Marschall Davoust, Herzog von Eckmühl, wohnte.

Sie wurden vor der Haustür aufgestellt und einzeln hineingeführt, Peter war der sechste. Durch eine Glastür kamen sie in die Galerie und die Vorräume, welche Peter bekannt waren, und in das lange, niedrige Kabinett, bei dessen Tür ein Adjutant stand.

Davoust saß am Ende des Zimmers an einem Tisch, mit einer Brille auf der Nase. Peter trat nahe auf ihn zu. Der Marschall suchte sich aus einem Papier zu unterrichten, das vor ihm lag, und ohne die Augen zu erheben, fragte er leise: »Wer sind Sie?«

Peter schwieg, weil er nicht imstande war, ein Wort zu sprechen. Davoust war für Peter nicht einfach ein französischer General, sondern ein Mensch, der durch seine Grausamkeit bekannt war. Während Peter das kalte Gesicht des Marschalls ansah, fühlte er, daß jede Sekunde der Zögerung ihm das Leben kosten konnte, aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Noch ehe er einen Entschluß fassen konnte, hob Davoust den Kopf auf, schob die Brille auf die Stirn, kniff die Augen zusammen und blickte Peter durchdringend an.

»Ich kenne diesen Menschen«, sagte er mit kalter, gemessener Stimme, welche augenscheinlich Peter schrecken sollte.

»Das ist nicht möglich, General, ich habe Sie nie gesehen.«

»Das ist ein russischer Spion«, unterbrach ihn Davoust, indem er sich an einen andern General wandte.

»Nein, Hoheit«, sagte Peter, der sich plötzlich erinnerte, daß Davoust Herzog war, »Sie können mich nicht kennen. Ich bin Offizier vom Landsturm und habe Moskau nicht verlassen.«

»Ihr Name?« fragte Davoust.

»Besuchow.«

»Was beweist mir, daß Sie nicht lügen?«

»Hoheit!« rief Peter, nicht mit beleidigter, sondern bittender Stimme.

Davoust schaute ihn durchdringend an. Einige Augenblicke blickten sie einander in die Augen, und dies rettete Peter. In diesem einen Augenblick durchlebten sie unzählige, unbestimmte Gedanken und begriffen, daß sie beide Kinder der Menschheit, daß sie Brüder seien.

»Womit beweisen Sie mir die Wahrheit Ihrer Worte?« fragte Davoust kühl.

Peter erinnerte sich an Ramballes und nannte ihm seinen Namen, sowie die Straße, in der er wohnte.

»Sie sind nicht das, was Sie sagen«, wiederholte Davoust.

Peter führte mit zitternder Stimme Beweise für seine Angaben an, aber in diesem Augenblick trat ein Adjutant ein und machte Davoust eine Meldung. Dieser strahlte und begann seine Uniform zuzuknöpfen. Augenscheinlich hatte er Peter ganz vergessen.

Als der Adjutant ihn an den Gefangenen erinnerte, nickte er finster nach der Seite, wo Peter stand, und sagte, man solle ihn abführen, aber wohin, das wußte Peter nicht, zurück in die Wagenscheune oder auf den Richtplatz?

Als er den Kopf umwandte, sah er, daß der Adjutant etwas fragte.

»Versteht sich«, sagte Davoust, aber Peter wußte nicht, worauf sich das bezog.

Sie gingen lange Zeit, und Peter erkannte nicht, wohin und wie lange sie gingen. Er war im Zustand vollständiger Gedankenlosigkeit und sah nichts um sich her, bewegte nur die Beine, so wie die anderen, so lange, bis alle anhielten. Nur ein Gedanke beschäftigte Peter. Wer hatte ihn verurteilt? Es waren nicht die Leute, die ihn zuerst verhörten, es war auch nicht Davoust, der so menschlich ihn ansah. Noch eine Minute, und Davoust hätte begriffen, daß er einen Mißgriff beging, aber er wurde durch den Adjutanten unterbrochen. Auch der Adjutant wollte augenscheinlich nichts Böses. Wer also ließ Peter hinrichten? Wer tat das? Und Peter fühlte, daß das niemand war.

Es war die Folge der Umstände, die ihn vernichtete.

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