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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 212
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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212

Die schreckliche Nachricht von der Schlacht bei Borodino, von unseren Verlusten und die noch schrecklichere Nachricht vom Verluste Moskaus trafen in Woronesch in der Mitte des September ein. Marie hatte nur aus den Zeitungen von der Verwundung ihres Bruders erfahren und beschloß, ihn aufzusuchen, da sie keine weiteren Nachrichten von ihm erhalten hatte. Rostow ließ es keine Ruhe mehr in Woronesch, er beeilte sich, seinen Pferdeeinkauf zu beendigen, und geriet oft ungerechterweise in Hitze über seinen Diener und den Wachtmeister. Einige Tage vor Rostows Abreise fand in der Kathedrale ein Gebet für den Sieg der russischen Waffen statt, Rostow stand etwas hinter dem Gouverneur und hörte mit würdiger Miene den Gottesdienst an, während er an die verschiedenartigsten Dinge dachte.

»Hast du die Fürstin gesehen?« fragte ihn die Gouverneurin am Schlusse der Feier, indem sie mit dem Kopf nach einer schwarzgekleideten Dame deutete, welche nahe dem Altar stand.

Nikolai erkannte sogleich Marie, weniger an ihrem Profil als an dem Gefühl der Ehrfurcht und des Bedauerns, das ihn sogleich befiel. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck des Kummers und andächtiger Hoffnung. Unwillkürlich trat Rostow auf sie zu.

»Ich wollte Ihnen sagen, Fürstin«, begann er, »daß, wenn Fürst Andree nicht mehr am Leben wäre, das sogleich in den Zeitungen bekanntgemacht worden wäre, da er Regimentskommandeur ist.«

Die Fürstin sah ihn an, ohne seine Worte zu verstehen, aber erfreut über den Ausdruck von Mitgefühl, den sie auf seinem Gesicht las.

»Ich weiß aus vielen Beispielen, daß eine Verwundung durch Granatsplitter entweder sogleich tödlich oder sehr leicht ist. Man muß das Beste hoffen, und ich bin überzeugt . . .«

»O, das wäre schrecklich!« unterbrach ihn Marie. Sie beugte mit einer graziösen Bewegung den Kopf, blickte ihn dankbar an und ging zu ihrer Tante.

Am Abend dieses Tages war Nikolai zu Hause geblieben, um einige Abrechnungen mit Pferdehändlern zu beendigen. Als er damit fertig geworden war, war es schon zu spät geworden, um auszugehen, aber es war noch zu früh, um sich schlafen zu legen, und Nikolai ging in tiefen Gedanken auf und ab.

Fürstin Marie hatte bei Smolensk einen angenehmen Eindruck auf ihn gemacht, welcher sich in Woronesch noch bedeutend verstärkte.

»Sie muß ein wunderbares Mädchen sein« sagte er. »Warum bin ich nicht frei, warum habe ich mich mit Sonja übereilt?« Und unwillkürlich begann er, beide miteinander zu vergleichen und versuchte sich vorzustellen, was er tun würde, wenn er frei wäre.

Lawruschka trat ein und brachte ihm zwei Briefe. Der eine war von seiner Mutter, der andere von Sonja, und diesen erbrach er zuerst. Kaum hatte er einige Zeilen gelesen, als sein Gesicht erbleichte und seine Augen in freudigem Schrecken erglänzten.

»Nein, das kann nicht sein«, sagte er laut, sprang auf und ging im Zimmer umher. Hastig durchlas er den Brief mehrmals und blieb mitten im Zimmer mit offenem Munde stehen. Was er noch soeben so innig herbeigewünscht hatte, war jetzt erfüllt. Der anscheinend unlösbare Knoten, der seine Freiheit gebunden hielt, war durch diesen unerwarteten Brief Sonjas gelöst. Sie schrieb, die letzten, unglücklichen Ereignisse, durch welche fast der ganze Rest des Vermögens Rostows in Moskau verlorengegangen sei, und der oft ausgesprochene Wunsch der Gräfin, daß Nikolai die Fürstin Bolkonsky heiraten möchte, sowie auch sein Schweigen und seine Kälte in letzter Zeit hätten sie zu dem Entschluß gebracht, auf sein Versprechen zu verzichten und ihm volle Freiheit zu geben.

»Der Gedanke wäre mir unerträglich, daß ich die Veranlassung von Kummer und Zwist in der Familie sein könnte, die mir immer so viel Gutes erwiesen hat«, schrieb sie, »und darum bitte ich Sie, Nikolai, sich für frei anzusehen und überzeugt zu sein, daß dennoch niemand Sie stärker liebt als Ihre Sonja.«

Die beiden Briefe waren aus Troiza, der andere Brief war von der Gräfin. Sie beschrieb die letzten Tage ihres Aufenthalts in Moskau, die Abreise, die Feuersbrunst und den Untergang ihres Vermögens. Die Gräfin bemerkte auch, Fürst Andree sei mit ihnen und den Verwundeten von Moskau abgefahren, sein Zustand sei sehr gefährlich, jetzt aber habe der Arzt erklärt, daß mehr Hoffnung vorhanden sei. »Sonja und Natalie pflegen ihn mit großem Eifer.«

Mit diesem Brief begab sich Nikolai am andern Tag zur Fürstin Marie. Weder er noch Marie sprachen davon, was die Worte bedeuteten: »Sonja und Natalie pflegen ihn«, aber dieser Brief brachte sie plötzlich einander sehr nahe und in beinahe verwandtschaftliche Beziehungen.

Am andern Tag verabschiedete sich Rostow von der Fürstin Marie, welche nach Jaroslaw reiste, und nach einigen Tagen begab er sich zu seinem Regiment.

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