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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 211
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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211

In Moskau traf die Fürstin Marie ihren Neffen mit einem Hauslehrer und einem Brief vom Fürsten Andree mit dem Auftrag, nach Woronesch zur Tante Malwinzew zu reisen. Die Reisevorbereitungen, die Sorge um den Bruder, die Einrichtung in einem neuen Hause, die neue Umgebung und die Erziehung des Neffen – das alles übertäubte im Herzen der Fürstin Marie das Gefühl, das während der Krankheit und nach dem Tode ihres Vaters und besonders nach der Begegnung mit Rostow sie beständig gequält hatte wie eine Versuchung. Sie fand sich in sehr gedrückter und sorgenvoller Stimmung. Als am Tage nach der Abendgesellschaft die Gouverneurin zu Maries Tante Malwinzew kam, und ihre Pläne bei dieser Dame günstige Aufnahme gefunden hatten, sprach sie mit der Fürstin Marie über Rostow, den sie sehr rühmte, und erzählte, wie er bei Erwähnung ihres Namens errötet sei. Marie empfand dabei aber kein freudiges Gefühl. Ihr innerer Gleichmut verschwand und wieder erhoben sich Wünsche, Zweifel, Vorwürfe und Hoffnungen.

Aber als am Sonntagvormittag der Diener im Salon den Grafen Rostow meldete, zeigte die Fürstin keine Verlegenheit, nur eine leichte Röte erschien auf ihren Wangen und ihre Augen strahlten in einem neuen Licht. Als Rostow ins Zimmer trat, senkte die Fürstin den Kopf, um dem Gast Zeit zu lassen, ihre Tante zu begrüßen, und als darauf Nikolai sich an sie wandte, begegneten ihre strahlenden Augen seinen Blicken. Mit einer Bewegung von Würde und Grazie streckte sie ihm ihre zarte Hand entgegen und begann mit ihm ein Gespräch mit einer Stimme, in welcher zum erstenmal neue weibliche Brusttöne erklangen. Mademoiselle Bourienne blickte Marie erstaunt an. Sie hätte als erfahrene Kokette selbst nicht besser manövrieren können beim Empfang eines Mannes, dem sie gefallen wollte. »Entweder steht ihr das Schwarz gut, oder sie ist wirklich hübsch geworden, ohne daß ich es bemerkte. Und dieser Takt! Diese Grazie!« dachte Mademoiselle Bourienne. Auch Marie würde sich verwundert haben. In dem Augenblick, als sie das geliebte Gesicht erblickte, fühlte sie sich von einer neuen Kraft beherrscht, welche ihre Reden und Handlungen bestimmte.

Auch Rostow sah dies alles deutlich und fühlte, daß das Wesen, das er erblickte, ein ganz anderes, besseres war als alle diejenigen, mit denen er bisher in Berührung gekommen war, und – was das Wichtigste war – ein besseres als er selbst. Das Gespräch war sehr einfach und unbedeutend. Man sprach vom Krieg, von den Vorfällen auf dem Gut, von der gutmütigen Gouverneurin und von den beiderseitigen Verwandten. Während des kurzen Besuchs von Nikolai wurden die Pausen des Gesprächs, wie immer, wo Kinder sind, von dem kleinen Sohne des Fürsten Andree ausgefüllt. Nikolai fragte ihn, ob er Husar werden wolle, nahm den Knaben scherzend auf den Arm und bemerkte die gerührten, glücklichen Blicke der Fürstin, mit denen sie den Knaben auf dem Arm des geliebten Mannes betrachtete.

Fürstin Marie ging wegen der Trauer nicht in Gesellschaft, Nikolai aber hielt es nicht für passend, öfter zu erscheinen. Aber die Gouverneurin setzte ihre Heiratsvermittlung fort und berichtete Nikolai, was Fürstin Marie Schmeichelhaftes über ihn gesagt hatte, und umgekehrt, und bestand darauf, daß Rostow sich mit der Fürstin Marie aussprechen sollte. Rostow aber war überzeugt, daß es eine Niedrigkeit gewesen wäre, nachdem er sich mit Sonja verlobt hatte, der Fürstin Marie seine Gefühle auszusprechen, er wußte auch, daß er niemals eine Niedrigkeit begehen werde, er wußte aber auch, daß er nicht nur nichts Böses tun würde, wenn er sich dem Einfluß der Umstände und der Menschen hingeben würde, sondern daß er damit etwas sehr Wichtiges tun würde, wie niemals in seinem Leben.

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