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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 210
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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210

Nikolai saß neben der Blondine und sagte ihr mythologische Komplimente. Er erzählte ihr, er beabsichtige hier in Woronesch eine Dame zu entführen.

»Was für eine Dame?«

»Eine entzückende, göttliche! Ihre Augen sind« – Nikolai betrachtete die Dame – »blau, ihr Mund wie Korallen, ihre Hautfarbe –« er blickte nach ihren Schultern – »und ihre Gestalt sind die der Diana.«

Der Mann näherte sich und fragte die Frau mürrisch, wovon sie sprechen.

»Ach, Nikita Iwanitsch!« rief Nikolai, indem er höflich aufstand, und erzählte auch dem Manne von seiner Absicht, eine blonde Dame zu entführen. Ihr Mann lächelte finster, die Frau aber heiter. Die gutmütige Gouverneurin näherte sich der Gruppe.

»Anna Ignatjewna will dich sehen, Nikolai.«

»Wer ist das, Tantchen?«

»Anna Malwinzew, sie hat durch ihre Nichte von dir gehört, die du gerettet hast. Errätst du nun?«

»Wer weiß, wen ich gerettet habe«, erwiderte Nikolai.

»Ihre Nichte, die Fürstin Bolkonsky! Sie ist hier in Woronesch bei ihrer Tante. Oho, wie er errötet!«

Die Gouverneurin führte ihn zu einer hochgewachsenen, sehr dicken, alten Dame, welche eben ihre Kartenpartie mit den Größen der Stadt beendet hatte. Das war eine Tante der Fürstin Marie mütterlicherseits, eine reiche, kinderlose Witwe, die beständig in Woronesch wohnte. Als Nikolai nahetrat, betrachtete sie ihn ziemlich hochmütig.

»Sehr erfreut, mein Lieber«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. Die Dame sprach von der Fürstin Marie, von ihrem verstorbenen Vater, dem sie wenig gewogen schien, und fragte nach dem Fürsten Andree, welcher augenscheinlich auch nicht ihre Gunst besaß. Dann entließ sie ihn mit der Einladung, sie zu besuchen.

Nikolai versprach das errötend. Bei dem Gedanken an die Fürstin Marie empfand Rostow ein ihm unerklärliches Gefühl der Befangenheit. Rostow wollte in den Tanzsaal zurückkehren, aber die kleine Gouverneurin führte ihn in ein Nebenzimmer, welches die darin anwesenden Personen sogleich verließen, um die Exzellenz nicht zu stören.

»Weißt du, mein Lieber«, begann sie im ernsten Ton, »das wäre eine Partie für dich! Wenn du willst, so werde ich sie zustande bringen.«

»Welche Partie, Tantchen?« fragte Nikolai.

»Mit der Fürstin. Willst du? Ich bin überzeugt, daß deine Mutter mir dafür dankbar sein wird. Und sie ist durchaus nicht so häßlich.«

»Durchaus nicht«, wiederholte Nikolai.

»Nun also, besinne dich! Das ist kein Spaß. Und noch etwas, mein Lieber, du machst der Blondine zu viel den Hof. Der Mann nimmt das übel.«

»Ach nein, wir sind ja Freunde«, sagte Nikolai. Er hatte keine Idee davon, daß dieser Zeitvertreib den Mann wenig belustigen könne.

»Nun, überlege dir die Sache«, sagte sie.

»Ich muß Ihnen sagen, Tantchen«, begann er, indem er sie zur Seite führte.

»Was gibt es, mein Lieber? Wir wollen uns hier setzen.«

Nikolai empfand plötzlich den Wunsch, alle seine verborgensten Gedanken, die er selbst seiner Mutter und Schwester verschwieg, dieser beinahe fremden Dame mitzuteilen. Als Nikolai sich später an diesen durch nichts hervorgerufenen Ausbruch von unerklärlicher Aufrichtigkeit erinnerte, schien es ihm, wie es den Leuten immer erscheint, daß das nur eine einfältige Anwandlung gewesen sei. Aber diese Aufrichtigkeit hatte mit anderen kleinen Ereignissen zusammen für ihn und seine ganze Familie wichtige Folgen.

»Nun sehen Sie, Tantchen, Mama will schon lange, ich soll eine reiche Partie machen, aber der Gedanke, nach Geld zu heiraten, ist mir widerlich.«

»O ja, ich verstehe«, sagte die Gouverneurin.

»Aber die Fürstin Bolkonsky, das ist etwas anderes! Ich gestehe Ihnen, daß sie mir sehr gefällt, und oft kommt mir der Gedanke in den Kopf, es sei eine Fügung des Schicksals gewesen, daß ich sie in dieser gefährlichen Lage treffen mußte. Bedenken Sie doch – Mama hat lange daran gedacht, aber wir haben uns nie getroffen, wie das so geht. Nun, zu derselben Zeit, als meine Schwester Natalie mit ihrem Bruder verlobt war, konnte ich nicht daran denken, sie zu heiraten, und nun mußte ich sie gerade damals treffen, als die Verlobung mit meiner Schwester aufgehoben war! Nun, und dann . . . Das war's. Ich habe mit niemand darüber gesprochen, nur mit Ihnen.«

Die Gouverneurin drückte ihm dankbar den Arm.

»Sie kennen Sonja, meine Cousine? Ich liebe sie und habe versprochen, sie zu heiraten . . . Deshalb sehen Sie, daß davon nicht die Rede sein kann«, schloß Nikolai verlegen und errötend.

»Aber was redest du da? Sonja hat nichts, und du hast selbst gesagt, die Umstände deines Vaters seien sehr schlecht, und deine Mutter! Das würde sie ins Grab bringen! Und wenn Sonja ein Mädchen mit Herz ist, welches Leben wird das für sie sein? Die Mutter in Verzweiflung, die Umstände zerrüttet. – Nein, mein Lieber, du und Sonja – ihr müßt das begreifen.«

Nikolai schwieg. Es war ihm angenehm, diese Beweisführung anzuhören. »Aber dennoch, Tantchen, kann es nicht sein«, sagte er seufzend. »Und wird mich die Fürstin auch heiraten? Jetzt ist sie in Trauer, kann man jetzt daran denken?«

»Glaubst du denn, daß ich dich sofort verheiraten wolle? Alles muß seine Art haben«, sagte die Gouverneurin.

Nikolai küßte ihr dickes Händchen.

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