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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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21

Im großen Empfangssaal waren der Fürst Wassil und die ältere Fürstin in lebhaftem Gespräch zurückgeblieben. Sobald sie Peter und seine Führerin erblickten, verstummten sie, das Fräulein suchte etwas zu verbergen, wie es Peter schien, und flüsterte: »Ich kann dieses Weib nicht ausstehen!«

»Käthchen ließ Tee im kleinen Nebensaal auftragen«, sagte Fürst Wassil zu Fürstin Drubezkoi. »Sie sollten auch dahin gehen, meine arme Fürstin, und sich stärken, sonst reiben Sie sich auf.«

Zu Peter sagte er nichts und drückte ihm nur mit Gefühl den Arm unter der Schulter. Peter ging mit der Fürstin in den kleinen Nebensaal.

»Nichts restauriert so sehr nach einer schlaflosen Nacht als ein Täßchen von diesem vortrefflichen russischen Tee«, sagte Lorrain, welcher mit einer feinen chinesischen Tasse in der Hand in einem kleinen, runden Nebensaal am Tische stand, auf welchem die Teemaschine und kalte Küche aufgetragen war. Alle im Hause des Grafen Besuchow in dieser Nacht Anwesenden hatten sich hier versammelt, um ihre Kräfte zu stärken. Auf einem kleinen kerzenerhellten Tischchen standen Teezeug und Teller in Unordnung umher, und eine bunte Menge saß daran, unterhielt sich flüsternd und zeigte mit jeder Bewegung, jedem Wort, daß niemand vergesse, was jetzt im Schlafzimmer vorging.

Peter aß nicht, obgleich er Hunger hatte. Suchend blickte er sich nach seiner Führerin um, und als er sah, daß sie auf den Zehenspitzen wieder in den großen Saal ging, wo Fürst Wassil mit der älteren Fürstin zurückgeblieben war, folgte er ihr nach einigem Zögern dorthin. Die Fürstin Drubezkoi stand dem Fräulein gegenüber und beide sprachen zu gleicher Zeit in leisem, aber sehr erregtem Ton.

»Seien Sie versichert, Fürstin, ich weiß, was nötig und was nicht nötig ist«, sagte das Fräulein, augenscheinlich in demselben aufgeregten Zustand wie vorhin, als sie die Tür ihres Zimmers zugeschlagen hatte.

»Aber liebste Fürstin«, sagte Anna Michailowna milde und begütigend, indem sie den Weg zum Schlafzimmer vertrat und die junge Fürstin nicht vorüberließ. »Wird das nicht zu schwer für den armen Onkel sein, der der Erholung so sehr bedarf, in solchen Augenblicken von weltlichen Dingen zu sprechen, wo seine Seele schon vorbereitet ist?«

Fürst Wassil saß auf dem Stuhl mit übergeschlagenen Beinen und schien sich um das Gespräch der beiden Damen wenig zu kümmern.

»Nein, meine liebe Anna Michailowna, lassen Sie Käthchen machen, Sie wissen, wie sehr der Graf sie liebt!« sagte sie.

»Ich weiß nicht einmal, was in dieser Mappe ist«, sagte das Fräulein zu dem Fürsten Wassil, indem sie auf die Mosaikmappe deutete, die sie in den Händen hielt. »Ich weiß nur, daß das wirkliche Testament sich in seinem Schreibtisch befindet. Dies aber sind nur vergessene Papiere!« Sie wollte an der Fürstin vorübergehen, aber diese vertrat ihr den Weg. »Ich weiß, meine liebe, gute Fürstin«, sagte Anna Michailowna, indem sie nach der Mappe griff und sie festhielt, augenscheinlich mit der Absicht, sie nicht wieder loszulassen. »Meine liebste Fürstin, ich bitte Sie, ich flehe Sie an, schonen Sie ihn!«

Das Fräulein schwieg, man hörte nur das Geräusch eines angestrengten Kampfes um die Mappe. Das Fräulein schien im nächsten Augenblick die Fürstin mit häßlichen Beleidigungen überschütten zu wollen, doch diese hielt fest, wenn auch ihre Stimme ihre süße Milde beibehielt.

»Peter, kommen Sie her, mein Freund! Ich denke, er wird nicht überflüssig sein in einem Familienrat, nicht wahr, Fürst?«

»Warum schweigen Sie denn, Cousin?« schrie plötzlich die junge Fürstin so laut, daß ihre Stimme im Saal gehört wurde und Aufregung hervorrief. »Warum schweigen Sie, während hier Gott weiß wer sich erlaubt, sich einzumischen und auf der Schwelle des Sterbezimmers eine Szene zu machen? Intrigantin!« zischte sie wütend und zog so heftig an der Mappe, daß sie die Fürstin einige Schritte mit sich zog. Doch diese ließ die Mappe nicht los.

»Ach«, sagte Fürst Wassil vorwurfsvoll und stand auf. »Das ist wirklich lächerlich! Nun lassen Sie los, sage ich Ihnen!« Das Fräulein ließ los. »Und Sie auch!« Die Fürstin Drubezkoi gehorchte nicht.

»Lassen Sie los, sage ich Ihnen! Ich nehme alles auf mich. Ich werde hineingehen und ihn fragen, und . . . das kann Ihnen genügen.«

»Aber Fürst«, sagte Anna Michailowna, »nach einem so großen Sakrament geben Sie ihm einige Minuten Ruhe! Nun, Peter, sagen Sie auch Ihre Meinung!« wandte sie sich an den jungen Mann, welcher verwundert die wütende Miene der jungen Fürstin betrachtete.

»Denken Sie daran, daß Sie für alle Folgen verantwortlich sein werden«, sagte Fürst Wassil mit Strenge. »Sie wissen nicht, was Sie tun!«

»Nichtswürdiges Weib!« schrie das Fräulein, stürzte auf die Fürstin zu und entriß ihr die Mappe. Fürst Wassil ließ Kopf und Arme sinken.

In diesem Augenblick öffnete sich diese schreckliche Tür, nach welcher Peter so lange geblickt hatte, plötzlich mit Geräusch und schlug an die Wand, und die mittlere Fürstin stürzte heraus mit gerungenen Händen. »Was machen Sie nur?« rief sie. »Er stirbt, und Sie lassen mich allein!« Die ältere Fürstin ließ die Mappe fallen, Anna Michailowna bückte sich rasch, ergriff den Gegenstand des Streites und eilte in das Schlafzimmer. Die ältere Fürstin und Fürst Wassil folgten ihr nach, nachdem sie sich etwas gefaßt hatten. Nach einigen Minuten kam zuerst das ältere Fräulein heraus mit bleichem, zornigem Gesicht und biß sich auf die Unterlippe. Beim Anblick Peters drückte ihr Gesicht heftige Wut aus.

»Nun prahlen Sie nur!« sagte sie. »Das haben Sie erwartet!« Schluchzend bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Taschentuch und verließ das Zimmer.

Gleich darauf kam Fürst Wassil heraus, schwankte zu dem Diwan, auf welchem Peter saß, und fiel darauf nieder, indem er die Augen mit der Hand bedeckte. Peter bemerkte, daß er bleich war, und daß sein Unterkiefer zitterte und klapperte wie im Fieberfrost.

»Ach, mein Freund«, sagte er, indem er Peter am Ellbogen ergriff, mit einer Stimme voll Aufrichtigkeit und Schwäche, wie sie Peter niemals an ihm bemerkt hatte, »wieviel Sünde und Trug nehmen wir auf uns, und wozu? Ich bin ein Sechziger, mein Freund! . . . Mit dem Tod ist alles aus, alles! Der Tod ist entsetzlich!« – Er schluchzte.

Zuletzt kam die Fürstin Drubezkoi heraus und näherte sich Peter mit leisen, langsamen Schritten.

»Peter!« sagte sie.

Er blickte sie fragend an. Sie küßte ihn auf die Stirn und schwieg.

»Er ist nicht mehr!«

Peter blickte sie über die Brille an.

»Kommen Sie, ich werde Sie begleiten! Suchen Sie zu weinen! Nichts erleichtert so das Herz als Tränen!«

Sie führte ihn in den dunklen Saal, und Peter war erfreut, daß kein Neugieriger dort sein Gesicht sah. Die Fürstin entfernte sich auf kurze Zeit, und als sie zurückkehrte, fand sie ihn fest eingeschlafen.

Am andern Morgen sagte die Fürstin zu Peter: »Ja, mein Freund, das ist ein großer Verlust für uns alle, nicht nur für Sie, aber Gott wird Ihnen beistehen. Sie sind jung und, wie ich hoffe, der Besitzer kolossaler Reichtümer. Das Testament ist noch nicht eröffnet. Ich kenne Sie genug, um überzeugt zu sein, daß das Ihnen nicht den Kopf verdrehen wird. Aber neue Verpflichtungen sind Ihnen auferlegt, Sie müssen ein Mann sein.« Peter schwieg.

»Später werde ich Ihnen vielleicht alles erzählen. Wäre ich nicht dort gewesen, so wäre Gott weiß was geschehen! Sie wissen, daß mein Onkel mir noch vorgestern versprach, Boris nicht zu vergessen, aber er hatte keine Zeit mehr, etwas für ihn zu tun. Ich hoffe, mein Freund, Sie werden den Wunsch Ihres Vaters erfüllen.«

Peter verstand nichts von allem. Schweigend und errötend blickte er die Fürstin an. Die Fürstin fuhr darauf zu Rostows und legte sich schlafen.

Am anderen Morgen erzählte sie Rostows und allen Bekannten die Vorfälle beim Tode des Grafen Besuchow. Sie sagte, der Graf sei gestorben, wie auch sie zu sterben wünsche, das letzte Zusammensein von Vater und Sohn sei so rührend gewesen, daß sie nicht ohne Tränen daran denken könne, und sie wisse nicht, wer sich in diesen schrecklichen Augenblicken besser benommen habe, der Vater, welcher alle bis zum letzten Augenblick erkannte und so rührende Worte zu seinem Sohne sprach, oder Peter, der seinen Gram zu verbergen suchte, um den sterbenden Vater nicht zu betrüben. »Es ist herzerhebend, solche Menschen zu sehen wie den alten Grafen und seinen würdigen Sohn«, sagte sie. Von dem Benehmen der Fürstinnen und des Fürsten Wassil erzählte sie auch, aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit und nur flüsternd.

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