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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 209
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bücherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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209

In Petersburg und in entfernteren Gouvernements beweinten Damen und Männer in Landsturmuniformen Rußland und die Residenz und sprachen von Selbstaufopferung und so weiter. Aber in der Armee, welche sich hinter Moskau zurückzog, dachte man fast nicht an Moskau und niemand schwur, seine Verbrennung an den Franzosen zu rächen. Man dachte nur an die Gagen, an Rasttage und Marketenderinnen.

Auch Nikolai Rostow beobachtete ohne Verzweiflung die Vorgänge. Wenn man ihn gefragt hätte, was er über die jetzige Lage Rußlands denke, so würde er gesagt haben, darüber habe er nichts zu denken, dafür sei Kutusow und die anderen da, und man werde sich wahrscheinlich noch lange schlagen, und unter den jetzigen Umständen werde er wohl in zwei Jahren ein Regiment erhalten. Darum empfand er keine Betrübnis darüber, daß er zur Remonte nach Woronesch kommandiert worden war. Einige Tage vor der Schlacht bei Borodino hatte er Geld und Papiere erhalten und war mit Postpferden nach Woronesch gefahren. Er war freudig erregt, besonders beim Anblick von jungen Damen, die nicht von Dutzenden von Offizieren umschwärmt waren und sich geschmeichelt fühlten, wenn der durchreisende Offizier mit ihnen scherzte. In heiterster Stimmung kam Rostow in Woronesch im Gasthof an und fuhr am folgenden Morgen rein gekleidet und rasiert, in der besten Uniform, die er lange nicht mehr angelegt hatte, aus, um sich den Vorgesetzten vorzustellen.

Der Vorsteher des Militärbezirks war ein alter Beamter, dem sein jetziger kriegerischer Beruf und Rang augenscheinlich großes Vergnügen gewährte. Von diesem fuhr Nikolai zum Gouverneur, einem kleinen, lebhaften, sehr freundlichen Herrn. Dieser gab Nikolai Andeutungen, wo er Pferde erhalten könne, empfahl ihm Pferdehändler und Gutsbesitzer auf zwanzig Werst im Umkreis und versprach seine freundliche Mitwirkung.

»Sie sind ein Sohn vom Grafen Ilin Andrejewitsch? Meine Frau war sehr befreundet mit Ihrer Frau Mutter. Donnerstag ist bei uns Gesellschaft, heute ist gerade Donnerstag, und ich hoffe, Sie bei uns zu sehen.«

Sogleich darauf nahm Nikolai ein Fahrzeug und fuhr mit seinem Wachtmeister in der Umgegend umher. Nachdem er einige Einkäufe gemacht hatte, kehrte er sehr vergnügt zur Stadt zurück, trieb beständig den Kutscher an, um die Abendgesellschaft beim Gouverneur nicht zu versäumen. Es war nicht gesagt worden, daß getanzt werden solle, aber jedermann wußte, daß Katharina Petrowna Walzer und Ecossaise spielen werde, und deshalb rechneten alle darauf, daß getanzt werde, und kamen in Balltoilette. Die Stadt war belebter als sonst, infolge der Ankunft vieler reicher Familien aus Moskau, und die beste Gesellschaft der Stadt versammelte sich beim Gouverneur. Es waren viele Damen zugegen, Nikolai traf auch einige Bekannte aus Moskau, aber es fehlte an Herren, und es war niemand da, der als Rivale des wohlerzogenen Grafen Rostow, des Georgenritters, gelten konnte. Unter den Herren war auch ein gefangener Italiener, ein französischer Offizier, und Rostow fühlte, daß die Anwesenheit dieses Gefangenen seinen Glanz als russischer Held noch erhöhte, und deshalb benahm er sich gegen diesen Offizier mit besonderer Würde.

Sobald Nikolai in seiner Husarenuniform, welche Wohlgerüche verbreitete, in den Saal trat, richteten sich alle Blicke auf ihn, und er bemerkte sofort, daß er die angenehme, jetzt aber nach langen Entbehrungen berauschende Stellung eines allgemeinen Lieblings einnahm. Damen und Fräulein kokettierten mit ihm, und ältere Persönlichkeiten dachten schon vom ersten Tag daran, wie man diesen flatterhaften Husaren verheiraten und zu einem gesetzten Leben bekehren könne. Zu diesen letzteren Persönlichkeiten gehörte auch die Gouverneurin selbst, welche Rostow als Neffen aufnahm und einfach mit Nikolai und »du« anredete.

Katharina Petrowna spielte wirklich Tänze, und der Tanz begann, bei welchem Nikolai durch sein gewandtes Benehmen die ganze Gesellschaft noch mehr einnahm. Alle waren erstaunt über sein ungezwungenes Wesen beim Tanze. Nie zuvor hatte er in Moskau so getanzt und würde das sogar für schlechten Ton gehalten haben, hier aber fühlte er die Notwendigkeit, alle durch etwas Ungewöhnliches in Verwunderung zu setzen.

Während des ganzen Abends widmete er seine Aufmerksamkeit am meisten einer taubenäugigen, vollen, hübsch aussehenden Blondine, der Frau eines Beamten, mit jener naiven Überzeugung junger Leute, daß fremde Frauen für sie geschaffen seien. Ihr Mann schien aber diese Überzeugung nicht zu teilen und zeigte Rostow eine finstere Miene. Nikolais gutmütige Naivität war jedoch so grenzenlos, daß auch der Mann zuweilen sich der heiteren Stimmung Nikolais hingab.

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