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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 208
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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208

Neun Tage nach der Räumung Moskaus kam in Petersburg ein Abgesandter Kutusows mit offiziellen Nachrichten an. Dieser Abgesandte war der Franzose Michaud, der nicht Russisch verstand, aber »ein Russe in der Tiefe seiner Seele« war, wie er selbst sagte. Der Kaiser empfing ihn sogleich in seinem Kabinett.

»Was für Nachrichten bringen Sie?« fragte der Kaiser. »Wahrscheinlich schlechte, Oberst.«

»Sehr schlechte, Majestät«, erwiderte Michaud.

»Hat man wirklich meine alte Stadt ohne Kampf aufgegeben?« fuhr der Kaiser plötzlich auf.

Michaud meldete ehrerbietig, wie ihm Kutusow aufgetragen hatte, daß keine andere Wahl mehr geblieben sei, als die Armee und Moskau zu verlieren oder Moskau allein, und daß er daher das letztere wählen mußte.

Der Kaiser hörte schweigend zu, ohne Michaud anzusehen. »Ist der Kaiser in die Stadt einmarschiert?« fragte er.

»Ja, Majestät, und in diesem Augenblick ist Moskau in Asche verwandelt, ich verließ es in Flammen gehüllt«, entgegnete Michaud entschlossen, aber selbst entsetzt über das, was er sagte.

Der Kaiser atmete schwer und hastig, seine Unterlippe zuckte und seine schönen, blauen Augen füllten sich für einen Augenblick mit Tränen.

Doch das dauerte nur einen Augenblick. Der Kaiser richtete sich plötzlich mit finsterer Miene auf, als ob er sich selbst seine Schwachheit zum Vorwurf machen wollte.

»Ich sehe, Oberst«, sagte er mit fester Stimme, »daß die Vorsehung von uns große Opfer verlangt. Wie haben Sie die Armee verlassen? Haben Sie keine Niedergeschlagenheit bemerkt?«

Michaud fand nicht sogleich eine Antwort.

»Majestät, erlauben Sie mir, aufrichtig zu sprechen, wie ein ehrlicher Krieger?« fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ich erwarte das! Verbergen Sie mir nichts, ich will durchaus die Wahrheit wissen.«

»Majestät«, erwiderte Michaud mit feinem Lächeln, »ich habe die ganze Armee ohne Ausnahme in verzweifelter Angst verlassen.«

»Wie das?« fragte der Kaiser mit strenger Miene. »Können meine Russen den Mut verlieren? Niemals!«

Das hatte Michaud nur erwartet, um sein Wortspiel anzubringen.

»Majestät«, sagte er, »sie fürchten nur eins – daß Eure Majestät in Ihrer Güte sich entschließen könnten, Frieden zu machen. Sie brennen vor Ungeduld, sich wieder zu schlagen und Eurer Majestät ihre Ergebenheit zu beweisen.«

»Ah, Sie haben mich beruhigt, Oberst«, sagte der Kaiser, Michaud freundlich auf die Schulter klopfend. »Nun kehren Sie zur Armee zurück und sagen Sie meinen Tapferen und allen, die Sie sehen, wenn ich keinen Soldaten mehr habe, werde ich mich selbst an die Spitze meiner geliebten Adligen und guten Bauern stellen und kämpfen bis zur Erschöpfung der letzten Mittel meines Reiches. Aber wenn es von der göttlichen Vorsehung bestimmt sein sollte, daß unsere Dynastie zu herrschen aufhören sollte, so werde ich meinen Bart wachsen lassen und lieber eine Kartoffel mit dem letzten meiner Bauern essen, als einen schimpflichen Frieden zu unterzeichnen.«

Der Kaiser wandte sich ab, um Michaud seine Tränen zu verbergen, denn nach einigen Augenblicken kam er mit großen Schritten wieder auf Michaud zu und drückte ihm den Arm unter dem Ellbogen. Seine Augen leuchteten in Entschlossenheit und Zorn.

»Oberst Michaud, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe! Napoleon oder ich! Wir beide können nicht mehr nebeneinander regieren. Das habe ich schon früher erkannt.«

Michaud war in diesem feierlichen Augenblick entzückt von dem, was er hörte, wie er später sagte, und fühlte sich gedrungen, als Bevollmächtigter des russischen Volkes seine Gefühle in folgenden Ausdrücken auszusprechen: »Majestät unterschreiben in diesem Augenblick das Wohl Ihres Volkes und die Rettung Europas!«

Der Kaiser neigte den Kopf und entließ Michaud.

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