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Krieg und Frieden

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden - Kapitel 207
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N.Tolstoi
titleKrieg und Frieden
publisherNon-Stop Bcherei
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080215
modified20161220
projectid408400b9
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207

Dieses Vorgefühl Anna Pawlownas trog nicht. Am andern Tag wurde während des Dankgebets zum Geburtstag des Kaisers Fürst Wolkonsky aus der Kirche herausgerufen, da ein Brief vom Fürsten Kutusow an ihn eingetroffen war. Das war die Meldung Kutusows, die er am Tage der Schlacht geschrieben hatte, die Russen seien keinen Schritt zurückgewichen, die Verluste der Franzosen seien viel größer als die unsrigen, und er habe noch keine näheren Nachrichten einziehen können.

Das war wahrscheinlich ein Sieg, und sogleich wurde in der Kirche ein Dankgebet gelesen. Am ganzen Morgen herrschte in der Stadt eine freudige Stimmung, alle hielten den Sieg für vollständig, und einige sprachen schon von der Gefangennahme Napoleons und seiner Absetzung. Als aber am andern Tage keine Nachrichten vom Heer kamen, entstanden Besorgnisse, und am Abend verbreitete sich noch eine schreckliche Neuigkeit, die Gräfin Helene Besuchow war unerwartet schnell gestorben. In der großen Gesellschaft hieß es allgemein, die Gräfin sei an einem schrecklichen Anfall von Brustkrampf gestorben, aber in intimeren Zirkeln erzählte man Einzelheiten davon, wie der Leibarzt der Königin von Spanien Helene eine kleine Dosis eines Mittels verschrieben habe, um eine gewisse Wirkung hervorzubringen, und wie dann Helene bei dem Gedanken, daß der alte Graf sie beargwöhnte, und daß ihr Mann, dem sie geschrieben hatte, ihr nicht geantwortet habe, plötzlich eine sehr große Dosis des Mittels eingenommen habe und unter großen Schmerzen gestorben sei, ehe man Hilfe leisten konnte. Man erzählte auch, der Fürst Wassil und der alte Graf hätten den Italiener zur Verantwortung gezogen, aber dieser habe solche Briefe von der unglücklichen Verstorbenen vorgezeigt, daß man ihn sofort freigelassen habe.

Am dritten Tage nach der Meldung Kutusows kam in Petersburg ein Gutsbesitzer aus Moskau an, und in der ganzen Stadt verbreitete sich die Nachricht von der Übergabe Moskaus an die Franzosen. Das war entsetzlich! Wie war jetzt die Lage des Kaisers! Kutusow war ein Verräter, und Fürst Wassil sagte während der Beileidsvisiten, die er abhielt, über den einst von ihm verehrten Kutusow, man habe nichts anderes erwarten können von einem blinden; halbverrückten Greis.

»Ich wundere mich nur, wie man einem solchen Menschen das Schicksal Rußlands anvertrauen konnte!«

Am andern Tag kam auch von Rostoptschin folgende Meldung:

»Ein Adjutant des Fürsten Kutusow brachte mir einen Brief, in dem er von mir Polizeioffiziere verlangt, um die Armee durch die Stadt bis zur Straße nach Räsan zu führen. Er sagt, er gebe mit Bedauern Moskau auf. Majestät, die Tat Kutusows entscheidet das Geschick der Residenz und Ihres Kaiserreichs. Rußland wird mit Schaudern hören, daß die Stadt aufgegeben wurde, in der sich die Größe Rußlands konzentriert, wo der Staub Ihrer Vorfahren sich befindet. Ich folge der Armee nach. Ich habe sie hinausführen lassen, es bleibt mir nur noch übrig, das Schicksal meines Vaterlandes zu beweinen.«

Nach Empfang dieser Meldung sandte der Kaiser durch den Fürsten Wolkonsky folgendes Schreiben an Kutusow:

»Seit dem 20. August habe ich keine Meldung mehr von Ihnen erhalten. Inzwischen habe ich über Jaroslaw von dem Oberkommandierenden in Moskau die traurige Nachricht empfangen, daß Sie beschlossen haben, mit der Armee Moskau zu verlassen. Sie können sich selbst vorstellen, welche Wirkung diese Nachricht auf mich machte, und ich bin erstaunt über Ihr Schweigen. Ich sende mit diesem Schreiben den Generaladjutanten Wolkonsky an Sie ab, um sich bei Ihnen nach der Lage des Heeres und nach der Veranlassung dieses bedauernswerten Entschlusses zu erkundigen.«

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